Grünstadt
Warum trotz 400 Impfdosen viel weniger Menschen geimpft werden
Der Impfbus kommt – und die Menschen warten. Natürlich ist die Schlange an jenem Freitagmorgen wieder lang – die Impfwilligen stehen vom Weinstraßencenter bis zum Gasthaus Bender, um eines der begehrten Nummernzettelchen zu ergattern. 250 Nummern werden ausgegeben. Im Gespräch mit der RHEINPFALZ berichtet die zuständige DRK-Teamleiterin am Freitagmittag im Weinstraßencenter dann allerdings, dass der Bus 400 Impfdosen dabei habe.
Und warum werden die dann nicht alle verimpft? Die Teamleiterin sagt: „Weil wir es zeitlich nicht schaffen würden.“ Die zwei Impfenden und der eine Arzt würden durcharbeiten – mindestens acht Stunden. Mehr sei nicht drin, irgendwann müsse auch Feierabend sein. Morgen sei man in einem anderen Ort in der Vorder- und Westpfalz schließlich wieder den ganzen Tag. „Wir geben unser Bestes. Wir machen keine Pause“, sagt sie. Und fragt, ob es einem selbst gefallen würde, jeden Tag bis spät in die Nacht zu arbeiten und viele Überstunden zu machen.
Die Mitarbeiter des Deutschen Roten Kreuzes sind fürs Impfen zuständig. Für die Bürokratie – in diesem Fall: die Daten der Impflinge in den Laptop eingeben – sind Mitarbeiter der Stadt- und der Kreisverwaltung vor Ort. Die DRK-Teamleiterin sagt, es liege auch am Bürokratischen, dass man nicht mehr Menschen impfen könne. Auf den Einwand, dass die Stadt sicherlich auch mehr Mitarbeiter zur Verfügung stellen würde, um die Daten einzugeben, heißt es, die Anzahl der Laptops sei begrenzt. „Wir haben nur vier“, sagt die DRK-Frau. Wegen des Datenschutzes dürfe man kein x-beliebiges Gerät anschließen, um Persönliches zu erfassen.
Erstaunt, dass es mehr Impfstoff gibt
Heinz Schönhofer ist sichtlich erstaunt, als er von der RHEINPFALZ hört, dass der Impfbus 400 Impfdosen dabei habe – schließlich hat er am Morgen rund 150 Leute wegschicken müssen. Das DRK habe ihm kommuniziert, dass es Impfstoff für 250 Menschen gebe, berichtet er. Schönhofer ist Sanitätsoberstabsfeldwebel der Reserve – er hat als Ehrenamtler schon bei der letzten Impfaktion in Grünstadt mitgeholfen. Er findet: „Aus städtischer Sicht hat die Organisation gut geklappt.“ Der Bauhof habe eine Bude für die Ausgabe der Wartemarken und Trennwände aufgebaut, Mitarbeiter von Ordnungsamt, Stadt- und Kreisverwaltung kontrollierten den Einlass und erfassten die Daten der Impfwilligen. „Aber“, wundert sich Schönhofer, „der Impfbus kam und hatte keine Formulare für Impfwillige dabei.“ Diese habe die Stadtverwaltung erst kopieren müssen.
Wie kann das sein? Der Grünstadter Bürgermeister schreibt an den Gesundheitsminister und bittet um mehr Impfstoff als die angekündigten 250 Dosen. Und dann sind 400 Dosen im Gepäck – die aber nicht verimpft werden ...
Für jede Sache ist jemand anderes zuständig
Ein Anruf bei den Sprecherinnen des Deutschen Roten Kreuzes und des Gesundheitsministeriums ergibt, dass man die Problemfelder auseinanderdefinieren muss. Denn: Das Land stellt die Impfbusse, das Rote Kreuz stellt die Impfteams. Und die Kommunen sind für die Dokumentation zuständig.
Elisabeth Geurts, Sprecherin des Landesverbands des Deutschen Roten Kreuzes, antwortet auf die Frage, wie viel Personal normalerweise mit dem Impfbus kommt: „Standard ist, den Impfbus mit zwei Impfern und zwei Ärzten zu besetzen. Doch vor Ort kann die Entscheidung der Verbandsgemeinde je nach Bedarf anders ausfallen.“ Geschenkt, dass es sich in diesem Fall um eine Stadt handelt – aber hier wird die Verantwortung der Kommune zugeschoben. Grünstadt hat sicher nicht darum gebeten, einen Arzt weniger zu schicken. Ehrenamtler Schönhofer sagt, das Problem sei doch, dass alles stillstehe, wenn sich der einzige Arzt – wie am Freitag – auch noch um jemanden kümmern muss, der nach der Impfung Probleme hat.
Formulare kommen nicht bei
Die 14-seitigen Formulare seien zwar vom Roten Kreuz rechtzeitig bestellt, aber von den Druckereien noch nicht geliefert worden, berichtet DRK-Sprecherin Geurts: „Aus dem Grund waren die Kommunen gebeten worden, ausreichend kopierte Formulare für die Dokumentation, die in ihrer Verantwortung stehen, zu stellen.“ Bei der Frage nach den Laptops heißt es, in Grünstadt seien derer zwei im Einsatz gewesen. „Geplant sind grundsätzlich vier Stück, die aufgrund von Lieferschwierigkeiten derzeit noch nicht vorhanden sind.“ Beim RHEINPFALZ-Besuch waren vier Laptops aufgestellt – gut möglich, dass die zwei anderen von der Kreisverwaltung kamen.
Franziska Schmitt, Sprecherin des Gesundheitsministeriums, sagt: „Die Mitarbeiter der Impfbusse sind wirklich unglaublich engagiert.“ Und sie hebt, ganz im Sinne der wöchentlichen Erfolgsmeldungen des Landes, hervor, dass die Anzahl der Busse auf zwölf erhöht worden sei.
Die bloße Anzahl an Bussen bringt nichts
Es stimmt, die Menschen, die in den Impfbussen arbeiten, leisten einiges und stehen doch permanent in der Kritik – obwohl sie die Misere nicht verursacht haben. Es fehlen einfach die (leider mittlerweile geschlossenen) Impfzentren – wie das in Bad Dürkheim. Und ja, natürlich kann man aus dem warmen Homeoffice oder vom Rentnersessel aus leicht fordern, dass die Leute vom Impfbus einfach ohne Ende Überstunden machen sollen ...
Das Land sollte man dann allerdings auch fragen, ob es sich wirklich damit rühmen will, zwölf Impfbusse in die Dörfer und Städte zu schicken. Denn die bloße Anzahl an Bussen bringt wenig, wenn viel anderes im Argen liegt.