Leiningerland
Warum manche Winzer auf kalte Temperaturen hoffen
Wann kommt nun endlich die Kälte? Diese Frage beschäftigt Winzer Christian Rogenwieser derzeit. Der Kirchheimer Winzer produziert Eiswein und geht jährlich das Risiko einer Missernte ein. Schlimmstenfalls bleiben die Trauben am Stock.
1,5 Hektar seiner 35 Hektar großen Anbaufläche hat Rogenwieser noch nicht geerntet, denn aus diesen Trauen soll Eiswein werden. Von Tag zu Tag besteht die Gefahr, dass die Trauben durch die nasse Witterung faulen könnten oder die Qualität und Menge gemindert wird. Für Rogenwieser besteht derzeit noch kein Grund zur Sorge. Der 46-Jährige sieht es gelassen. „Wir haben darauf keinen Einfluss. Auch Anfang nächsten Jahres ist eine Lese für Eiswein noch möglich“, erzählt der Winzer. Momentan seien die Beeren noch in einem guten Zustand, regelmäßig kontrolliert er seine Weinlagen. Der Familienbetrieb, der fünf Angestellte beschäftigt, möchte in dieser Saison Trauben für Eiswein von den weißen Rebsorten Petite Manseng und Ehrenfelser ernten. Doch zunächst müssen die Rahmenbedingungen stimmen – und diese haben es in sich.
Frost war bereits da
Mindestens Minus sieben Grad Celsius muss das Thermometer anzeigen, bevor die Eisweintrauben gelesen werden dürfen. Dieser eisige Zustand muss bestenfalls über einen längeren Zeitraum anhalten, um ein gutes Ergebnis zu erzielen. Eisweine haben eine dichte Konzentration der Beeren-Inhaltsstoffe und einen relativ hohen Säuregrad. Bei der Produktion muss es schnell gehen, direkt nach der Ernte erfolgt das Keltern. Das in den Beeren enthaltene Wasser bleibt als Eis in der Kelter zurück, der süße Saft der Beeren wird als hochkonzentrierter Most gewonnen.
Bereits mehrmals haben die Trauben von Rogenwieser Frost in diesem Jahr abbekommen. Ein Zustand, der dem Winzer nicht sonderlich gefällt. Jeder Frost sei schädlich, die Beeren bekämen mehr Fäulnis. Auch die Feuchtigkeit, der Nebel seien kontraproduktiv. Die Gefahr, dass Trauben aufplatzten und der Saft austrete, sei vorhanden. „Die Trauben werden ausgewaschen“, nennt Rogenwieser den dafür in Fachkreisen benutzten Begriff. Eiswein sei auch für ihn ein Nischenprodukt. Trotzdem produziere er es, erzählt der Winzer. Sein Eiswein sei für den deutschen und asiatischen Markt bestimmt. Wie viel Liter Eiswein man im Schnitt erzielen kann, sei schwer zu beziffern, da es von Jahr zu Jahr ganz unterschiedlich ausfallen könne. Eine eigene Mengenproduktion kann Rogenwieser nicht nennen. Bis zu 80 Prozent weniger pro Hektar im Vergleich zu einer Ernte anderer Qualitätsstufen könnte das jedoch schon sein. Zum Vergleich: Im Schnitt werden laut Rogenwieser zwischen 6000 und 10.000 Liter pro Hektar für andere Qualitätsstufen erzielt. Von dieser Mengenangabe müsse man 20 bis 80 Prozent abziehen, dann komme man auf die Menge des Eisweins. Winzer dürfen beim Grundwein sogar 20.000 Liter pro Hektar ernten, 15.000 Liter pro Hektar für Tafelwein und 10.500 Liter pro Hektar für Qualitätswein.
Beerenauslese ist noch möglich
Ob es einen Eiswein-Jahrgang gibt, liegt noch in den Sternen. Ein Ass im Ärmel hat Rogenwieser jedoch noch, sollte es mit dem Eiswein in dieser Saison nichts werden. Die Trauben könnten für eine Beerenauslese hergenommen werden – Voraussetzung dafür sei allerdings ein gesunder Zustand der Beeren. Hier muss der Öchslegrad bei 125 liegen, um einen vollen fruchtigen Wein herstellen zu können. Öchsle ist eine Maßeinheit für das Mostgewicht im unvergorenen Traubensaft und ein Qualitätskriterium von Wein. 145 bis 160 Grad Öchsle hätten im Schnitt die Eisweintrauben von Rogenwieser. Ab 125 Grad Öchsle können sie geerntet werden, müssen im Unterschied zur Beerenauslese jedoch gefroren geerntet werden. Vor etwa zwei Wochen wurde in Ungstein Eiswein gelesen, im Leiningerland war es dazu nicht kalt genug. Lediglich 4,5 bis 5,5 Grad Minus zeigte das Thermometer der Winzer in der Region an.
Risiko für Winzer ist groß
Nicht jeder Betrieb geht das Risiko ein, auf Eiswein zu hoffen. Winzer Gerhard Siebert aus Sausenheim produziert diesen nicht. „Der Aufwand ist zu groß und zudem ist es riskant, ob es überhaupt gelingt“, sagt Siebert. Die Menge, die man mit Eiswein erzielen könne, sei gering. Besonders die klimatischen Verhältnisse hätten sich die letzten drei Jahrzehnte verändert, weiß Winzer Wolfgang Pahlke aus Battenberg. „Früher waren es von zehn Wintern vielleicht acht, in denen wir Eiswein herstellen konnten. Heute ist es genau anders herum“, erklärt Pahlke. Seit vielen Jahren produziert der Familienbetrieb Hahn-Pahlke keinen Eiswein mehr, dafür aber andere Süßweine wie Beeren- oder Trockenbeerenauslesen. Der Eiswein sei im Verkauf nicht so gefragt. Das weiß auch Inge Benzinger aus Kirchheim. Das Familienweingut Benzinger produziert Bioweine, einen Eiswein hat es nicht im Sortiment. „Die Ernte würde eventuell direkt in das Weihnachtsgeschäft fallen, was für uns sehr stressig wäre“, sagt Benzinger. Der Markt für Eiswein sei so gering, ein Überangebot würde den Preis senken, was letztendlich den derzeit produzierenden Betrieben nicht helfen würde.