Grünstadt
Warum Kinder jetzt häufiger krank sind als vor Corona
Von Simone Daiker
Michael Goldner hat in den vergangenen Monaten häufig beobachtet, wie erst die Pandemie und dann Krankheitswellen bei Kindern den Eltern zusetzten. „Viele Eltern sind momentan extrem angespannt“, sagt der Grünstadter Kinderarzt. Denn kaum sei die eine Kinderkrankheit überstanden, folge schon die nächste. Das sei unter anderem deshalb ein Problem, weil die Betreuungssituation für Kinder in Deutschland zu wünschen übriglasse und die Eltern oft auf sich gestellt seien.
Familie Franzreb aus Dreisen kann davon ein Lied singen: Husten, Schnupfen, Grippe, Bindehautentzündung, Scharlach – die zwei Kita-Kinder seien seit November immer wieder krank, erzählt Mama Melanie Franzreb. Auch im Kindergarten seien viele Kinder krank. „Es ist katastrophal, ganz ganz bös’“, beschreibt sie die Situation. Die Erzieher seien ebenfalls häufig krank, Geschwister von kranken Kindern würden nach Hause geschickt, selbst wenn sie gesund seien, oder der Kindergarten werde gleich ganz geschlossen. Wenn beide Eltern berufstätig seien, werde es natürlich irgendwann schwierig, sich immer wieder für seine Kinder krankschreiben zu lassen. Dadurch entstehe eine Ausnahmesituation für die ganze Familie.
So schlimm war es noch nie
Wie Forscher der Universität Halle (Saale) bei einer Studie namens Löwen-Kids herausgefunden haben, durchleben Kinder in den ersten beiden Lebensjahren im Durchschnitt 13 respiratorische Infektionen, also Infektionen der Atemwege, die überwiegend durch Viren übertragen werden. Doch Goldner sagt: „Kleinkinder sind momentan deutlich mehr als 13 Mal krank.“ Dadurch, dass Kinder im Lockdown waren, Masken trugen und auf Abstand bleiben mussten, seien sie kaum mit Tröpfcheninfektionen in Kontakt gekommen. Deshalb habe das Immunsystem wenig zu tun gehabt. Jetzt schlügen die Krankheiten umso mehr durch, meint er.
Schon im vergangenen Herbst habe es eine schlimme Krankheitswelle gegeben. „Das hatten wir in 20 Praxis-Jahren noch nicht“, sagt der Kinderarzt und berichtet von ungewöhnlich vielen Infektionen mit dem RS-Virus und Influenza zwischen Oktober und Dezember. Zu Beginn des Jahres 2023 habe sich die Situation zwar beruhigt, doch: „Seit Anfang des Jahres gibt es eine Riesen-Scharlach-Welle.“ Außerdem kursiere seit einigen Wochen auch ein hoch fieberhafter Infekt.
Hausmittel sind nicht verkehrt
Die fünf Ärzte in der Kinderarztpraxis Grünstadt nähmen alle Patienten an. Das sei wegen der zwei zusätzlichen Fachärzte, die seit vergangenem Juli im Team sind, auch möglich. Jetzt im April sei mit dem besseren Wetter ein Rückgang der akuten Atemwegsinfektionen zu erwarten, meint Goldner. Er geht davon aus, dass sich das Immunsystem an die veränderte Situation anpassen werde. Eins stehe jedoch fest: „Fakt ist, die Krankheiten werden im nächsten Herbst wieder kommen – nur in welchem Ausmaß wissen wir nicht.“
Die Belastung der Eltern mache auch ihm als Kinderarzt zu schaffen, erzählt er. Er rät Eltern, die Ruhe zu bewahren, wenn die Kinder krank sind. Zuwendung sei gut. Wenn man sich wohlfühle, sei das gut für die Genesung. Außerdem hätten Kinder ein gutes Gespür für ihren Körper und würden sich auch mal selbst schlafen legen, wenn es ihnen nicht gut geht. Hausmittel wie Tee oder Hühnerbrühe seien nicht verkehrt, meint er. Sein Universal-Tipp: „Gönn dem Kind das, was normalerweise verboten ist.“
So wird Scharlach behandelt
Scharlach wird durch Streptokokken-Bakterien ausgelöst, davon gibt es viele verschiedene Typen, wie Kinderarzt Michael Goldner erklärt. Für die Krankheit gebe es verschiedene Anzeichen. Manchmal sei es eindeutig: Die Zunge ist himbeerrot, Rachen und Mandeln sind entzündet oder ein roter Hautausschlag ist am Körper zu sehen. Wenn die Anzeichen gegeben sind, dann ist laut Goldner klar: „Das Kind braucht Penicillin.“
Einen Test könnten Kinderärzte auch machen, allerdings dauere es mehrere Tage, bis die Ergebnisse da seien. In der Wartezeit gehe es dem Kind allerdings schlecht, wenn es nicht behandelt wird. Deshalb mache man bei eindeutigen Anzeichen keinen Test und verschreibe stattdessen direkt ein entsprechendes Antibiotikum, erklärt Goldner.
Es gebe auch Fälle, bei denen diese Behandlung nicht anschlage. Zum einen, wenn man das Medikament nicht lang genug genommen hat, und die Krankheit nach dem Absetzen wieder auftritt. Manchmal würde man sich in großen Familien aber auch gegenseitig mit den verschiedenen Typen anstecken. „Dann kreist Scharlach in der Familie“, erklärt Goldner.
Hinzu kommt, dass die Alternative Amoxicillin, auf die wegen der Lieferengpässe bei Medikamenten oftmals zurückgegriffen werde, nicht so gut greife wie Penicillin. Goldner bestätigt, dass Rezepte wegen der schwierigen Situation bei der Verfügbarkeit von Medikamenten im Nachhinein oft abgeändert werden müssten: „Die Therapiemöglichkeiten sind ziemlich eingeschränkt im Moment.“