Hintergrund RHEINPFALZ Plus Artikel Warum haben die Deutschen weniger Lust auf Spargel?

Spargelbauern wie Rebecca Funck aus Eisenberg stellen dieses Jahr eine geringere Nachfrage fest. Beim Spargelanbau plant man lan
Spargelbauern wie Rebecca Funck aus Eisenberg stellen dieses Jahr eine geringere Nachfrage fest. Beim Spargelanbau plant man langfristig. Spargel, der in diesem Jahr gepflanzt wurde, kann erst in drei Jahren geerntet werden. Danach hat man sechs Jahre lang etwas davon. »Ob wir nächstes Jahr neue Anlagen pflanzen, müssen wir gut überdenken«, sagt Funck.

Eigentlich ist der Spargel des Deutschen liebstes Gemüse. Im Schnitt 1,5 Kilogramm davon verspeist jeder Bundesbürger jährlich. Doch dieses Jahr bleibt das weiße Gold wie Blei in den Regalen liegen. Oder gleich auf den Feldern. Eine Ursachenforschung.

Bei Rebecca Funck steht jeden Tag ein Spargelgericht auf dem Tisch. Die 33-jährige Eisenbergerin liebt Spargel und sie lebt davon. Sie beobachtet allerdings, dass die Kunden derzeit zurückhaltend sind, obgleich der Preis, den diese für den Spargel bezahlen müssen, nicht höher ist als in den vergangenen Jahren. Ihr Eisenberger Betrieb liefert zum einen direkt an den Handel, an 25 Rewe-Märkte in der Region und in geringerem Umfang an zwei weitere große Handelsunternehmen. Zum anderen werden Spargel und Erdbeeren an 30 Ständen in der Region angeboten. Die Geschäftsführerin des Erdbeerlandes Funck sagt, bei beiden seien die Zahlen rückläufig: „An den Verkaufsständen verkaufen wir 30 bis 40 Prozent weniger als in den Vorjahren, an den Handel liefern wir 70 Prozent weniger als sonst.“

So wie Funck und ihrem Co-Geschäftsführer Alexander Seiler geht es vielen Spargelbauern – was dazu führt, dass Landwirte in der Südpfalz Spargel vernichten, weil sie ihn nicht verkaufen können. So weit geht Funck nicht, bei ihr wird die Erntemenge reduziert: „Von 35 Hektar Spargel haben wird derzeit nur noch sieben in der Ernte“, sagt sie. Die Spargelpreise sind gesunken, die Spritpreise, die Energiekosten, die Kosten für Verpackungsmaterial und Personal gestiegen. „Es ist nicht kostendeckend“, fasst Funck zusammen, „es ist ein schwieriges Jahr.“ Trotzdem will sie den Kopf nicht in den Sand stecken: „Wir kriegen das schon hin und ho

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ffen, dass uns die Leute unterstützen und Spargel kaufen.“ Schließlich gehe die Saison noch bis 24. Juni und Spargel gebe es für jeden Geldbeutel – von 5 Euro bis 13,90 pro Kilogramm.

Gedrückte Stimmung bei Spargelbauern

Simon Schumacher vom Verband Süddeutscher Spargel- und Erdbeeranbauer (Bruchsal), der rund 600 Landwirte vertritt, berichtet von einer gedrückten Stimmung unter den Spargelbauern und untermauert das mit Zahlen aus einer Umfrage des Netzwerks der Spargel- und Beerenanbauer, an der in der zweiten Mai-Woche 274 Betriebe teilgenommen haben. So beurteilen die Spargelbauern das Geschäft mit der Gastronomie im Vergleich zu einem „durchschnittlichen Jahr“ als gut, der Verkauf über die Direktvermarktung wird von der Hälfte der Teilnehmer als „mittelmäßig“ bezeichnet. Für den Handel gibt die Hälfte der Teilnehmer allerdings an, dass die Absatzsituation „schlecht bis sehr schlecht sei“. Schumacher sagt: „Die Verbraucher wollen wieder in den Urlaub fahren. Energiekosten und Sprit können sie nicht sparen. Also sparen sie an Lebensmitteln.“ Eine ähnliche Erklärung hat Hans-Jörg Friedrich vom Pfalzmarkt in Mutterstadt, der von rund 30 Spargelbauern aus der Vorder- und Südpfalz beliefert wird: In einer Inflationszeit mit hohen Energiekosten werde Spargel wohl als Luxusprodukt gesehen. Beim Pfalzmarkt sei die Nachfrage nach Spargel sowohl im Lebensmitteleinzel- als auch im Großhandel zurückgegangen, sagt der Vorstand.

Verband kritisiert Handel

Verbandsvertreter Schumacher findet, dass der Handel eine Mitverantwortung trage: „Der Handel hält bis mitten in die Saison hinein neben dem heimischen Spargel Importware zu Spottpreisen in seinen Regalen“, sagt er. Spanischer Spargel sei in diesem Jahr wegen des schlechten Wetters später geerntet worden – so dass spanischer und deutscher Spargel zur gleichen Zeit in den Märkten lagen. Wenn der günstigere ausländische Spargel neben dem deutschen liege, greife der Kunde zu Ersterem. Nach Ostern habe es ein Überangebot an deutschem Spargel gegeben, was dazu geführt habe, dass die Preise am Boden lagen und – so drückt es Schumacher aus – „sich man vom Handel erpressen lassen“ konnte. Kleinere und mittlere Betriebe würden aufgrund des Preisdrucks mittlerweile dazu übergehen, nicht mehr für den Handel zu produzieren, sondern die Ware lieber im Direktverkauf absetzen.

Was sagt der Handel zu den Vorwürfen?

Die RHEINPFALZ hat den Handelsverband Lebensmittel (Berlin) und fünf große Handelsketten um eine Stellungnahme gebeten – geantwortet haben Aldi, Hit, Kaufland und der Handelsverband. Dieser erklärt die derzeitige Situation beim Spargel mit dem Einmaleins der Marktwirtschaft: „Ein großes Angebot scheint auf eine eher schwache Nachfrage zu treffen. In einer Marktwirtschaft führt so eine Situation zu geringeren Preisen.“ Dass es neben dem deutschen Spargel auch ausländische Ware gebe, liege daran, dass die Händler den Kunden auch außerhalb der klassischen Saison ein Angebot machen wollten. Weil zwar das Ende der Ernte festgelegt ist, nicht aber deren Beginn, komme es vor, dass heimische Ware in den Markt dränge und die Bestände von importiertem Spargel noch nicht verkauft seien. Wenn dann auch noch die Nachfrage zurückhaltend sei, bleibe den Händlern nichts anderes übrig, als „die Ware zu einem Preis anzubieten, den die Kunden bereit sind, zu zahlen“. Die Importware wegzuwerfen, sei keine Option.

Die Lebensmittelhändler Hit, Aldi und Kaufland betonen in ihren Stellungnahmen, dass sie Wert auf Regionalität legen und mit ihren Spargel-Lieferanten seit Jahren vertrauensvoll zusammenarbeiteten. „Sobald deutscher Spargel verfügbar ist, bieten wir auch nur diesen an und führen keine Importware mehr“, teilt die Hit-Sprecherin mit: „Dieser ist in Bezug auf Frische und Qualität der Importware weit überlegen.“ Der Anteil an weißem Importspargel liege bei Hit im Schnitt nur bei 10 bis 12 Prozent. Aldi reklamiert für sich, seit Anfang Mai nur noch deutschen Spargel im Regal zu haben, „um den Erzeugern bei Überbeständen zu helfen“. Aldi sei „immer an einer fairen Preisfindung interessiert“. Bei Aldi Süd gebe es zwischen April und Juni regionalen Spargel von 50 Bauern. An die rund 100 Hit-Märkte liefern 20 Betriebe das weiße Gemüse. Von Kaufland heißt es, dass seit Anfang April sowohl deutsche als auch Importware im Regal liege. Wenn es bei Obst und Gemüse Ernteübeschüsse gibt, würde auch mehr Ware abgenommen als zuvor geplant: „In Absprache mit unseren Lieferpartnern führen wir regelmäßig Angebotsaktionen zur Mengenregulierung durch.“ Beim Preis sei es eine Frage von Angebot und Wettbewerb.

Rebecca Funck, die 20 Festangestellte und 200 Erntehelfer aus Rumänien und Polen beschäftigt, wirbt für eine Differenzierung: Die Kritik des Verbandsvertreters Schumacher bezieht sich ihrer Meinung nach insbesondere auf die Preisgestaltung der jeweiligen Zentralen der Handelskonzerne. Ihr Betrieb hingegen liefere nicht an eine Zentrale, sondern sie habe mit den einzelnen Märkten zu tun: „Ich habe den Eindruck, dass es in der Vergangenheit hier mit der Preisfindung in Ordnung war.“ Allerdings merke sie schon, dass es in diesem Jahr weniger Spielraum gebe als in den vergangenen Jahren.

Das Wetter spielt eine Rolle

Nicht nur der Hunger auf Spargel, auch die Lust auf Erdbeeren ist in diesem Jahr geringer ausgeprägt, sagen Vertreter der Landwirtschaft. Bei Rebecca Funck, die die Früchte auf rund 30 Hektar anbaut, ist die Erdbeer-Saison hingegen gut angelaufen. Durch die acht Felder für Selbstpflücker, die dieser Tage geöffnet wurden, erhofft sie sich einen weiteren Schub. Das Wetter scheint immerhin dieses Mal mitzuspielen – anders als es beim Spargel war: Es schneite, als der Spargelverkauf Anfang April begann. Denn neben der allgemeinen Stimmung im Land hat auch das Wetter einen Einfluss auf das Kaufverhalten. Zumindest beim Spargel und bei den Erdbeeren ist das so.

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