Grünstadt Von wegen fesselnd

Am Donnerstag war es endlich soweit: Die Verfilmung des gehypten Erotik-Bestsellers von E. L. James „Fifty Shades of Grey“ feierte in den Kinos Premiere. In Grünstadt lud das Modehaus Jost passend zum Thema zu einer exklusiven Veranstaltung: Mit einer Dessous-Modenschau und einem selbst gedrehten Erotik-Film wurde den rund 200 Gästen im Europa Theater erst einmal warm um Herz und Wange. Danach gab’s den Film.
Schlafzimmer-Atmo, Lounge-Musik, Sekt prickelt auf der Zunge, während 200 Augenpaare auf die Leinwand gerichtet sind. Ein weiblicher Körper – nackt – bewegt sich rhythmisch zur Musik, streichelt mit den Händen sinnlich über die eigenen Brüste. Im Fokus die erregten Brustwarzen. Szenenwechsel. Zu einer Frau in Fetisch-Reizwäsche und Gasmaske. Vor diesen Bildern erscheint das erste Model überraschend züchtig. Aber auch hier wird mit einem sexuellen Klischee gespielt: Im Bleistiftrock aus Leder und weißer Bluse mimt sie natürlich die heiße Sekretärin. Sie bleibt stehen, schaut fordernd ins Publikum, aber rührt sich nicht mehr von der Stelle. Währenddessen folgen zwei Blondinen, die sich freizügig in Dessous und Strapse präsentieren und sich später in Reizwäsche auf einem Stuhl räkeln. Vergleichsweise langweilig gekleidet ist das männliche Model in schwarzen Boxershorts – immerhin einer engen. Zum Ausgleich gibt er den dominanten Macho und knöpft sich die noch viel zu sehr angezogene „Sekretärin“ vor. Darunter trägt sie Nippel-Pasties zum Spitzenbody. Kokett geht es zu in dieser 20-minütigen Show. Die Choreographien der Models sind zwar klischeehaft, aber mit einem Augenzwinkern zu verstehen. Sex gepaart mit Ästhetik und Humor – das spricht die meist weiblichen Zuschauer an. Dazu ein, zwei Gläschen Gratis-Secco mit den Freundinnen schlürfen und der Mädelsabend scheint perfekt. Regelmäßiges Gekicher und Beifall geben die Bestätigung. Diese intime Atmosphäre, sie gelingt den Veranstaltern. Aus dem Kinosaal ist ein gemütliches Wohnzimmer geworden. Dementsprechend locker ist die Stimmung, als nach der Show und einer Toilettenpause nun endlich das beginnt, worauf alle gewartet haben: der Film. Doch der Funke will nicht überspringen. Das Geheimnisvolle und Bedrohliche, wie es dem Shades of Grey-Protagonisten nachgesagt wird, fehlt. Stattdessen wird herzlich über die Unbeholfenheit der beiden Figuren gelacht. Und nein, nicht in puncto Sex. Der ist wie im Roman immer sauber, immer ästhetisch und immer perfekt. Dem Zuschauer im Gedächtnis bleibt Christian Greys schwermütige Vorstellung am Klavier, die er aber für die nackte Anastasia Steele unterbricht. Er nimmt sie hoch und noch während er sie in Richtung Schlafzimmer trägt, fangen sie an sich zu lieben. „Tja, Schatz. Die ist halt noch leicht“, entschuldigt sich ein Mann laut bei seiner Frau. Das Publikum kreischt und klatscht. Damit dürfte klar sein, diese erinnerungswürdige Szene geht nicht auf das Konto der Regisseurin. Humor, das ist auch genau die Zutat, die die wenigen Männer an diesem Abend brauchen, um zu überleben. Denn der Film ist durch und durch ein Frauenfilm. Soll heißen: Geprotzt wird hier nicht mit Porno, sondern mit begehbaren Kleiderschränken, atemberaubenden Skylines und romantischer Erotik. Fazit: Der Film ist enttäuschend. Viel zu langatmig, wer das Buch nicht gelesen habe, könne die Handlung gar nicht nachvollziehen, so der Tenor des Publikums. Natürlich gibt es auch positive Stimmen. Letztlich aber habe das Rahmenprogramm, für das sich das Modehaus Jost viel Mühe gegeben hat, den Abend zu einem schönen Erlebnis gemacht. Und vielleicht ein bisschen auch der Secco und die im Anschluss folgenden Frauengespräche mit der besten Freundin.