Kirchheim
Viel mehr als eine Verlegenheitslösung
Mit einem kammermusikalischen Brillanten krönte Dominik Wörner, Impresario des Kirchheimer Konzertwinters, am Sonntag die eigentlich eher unfreiwillig zustande gekommene, aber schlussendlich doch sehr erfolgreiche Sommerstaffel 2022 der 30. Ausgabe seiner Konzertreihe: Solist am Cembalo war das japanische Multitalent Masato Suzuki, als Komponist, Dirigent, Organist und Regisseur längst aus dem Schatten seines berühmten Vaters Maasaki Suzuki getreten und wie er weltweit unterwegs. Obendrein präsentierte der dem Kirchheimer Projekt seit langem verbundene Künstler ein Gipfelwerk der Tastenkunst: der „Clavierübung IV. Teil“ von Johann Sebastian Bach, BWV 988, landläufig bekannt unter dem Titel „Goldberg-Variationen“.
Ein Opus Magnum der Musikgeschichte
Was sich an kaum belegbaren Legenden um deren Entstehung rankt, angefangen bei der erst posthum durch den Bach-Biographen Johann Nikolaus Forkel befeuerten Widmung – Bachs Schüler Johann Gottlieb Goldberg war zum Zeitpunkt der Entstehung 1740 erst 13 Jahre alt und wohl kaum in der Lage, eine solch schwierige Partitur zu bewältigen –, darf man getrost vernachlässigen. Fakt ist: Ganz gleich in welcher Form man diesem Opus Magnum der Musikgeschichte begegnet, man möchte niederknien vor Faszination.
Wer sich mit dem streng symmetrisch aufgebauten Variationen-Werk, seiner formal strukturellen Stringenz, mit dem analytischen Blick des Mathematikers nähert, wird von einer Ekstase in die nächste fallen. Allein die Architektur gleicht einer mittelalterlichen Kathedrale. Wer einfach zuhört, sich auf die spannende kosmische Umrundung aller nur denkbaren Spielarten französischer, italienischer, deutscher Manier zwischen Suitensatzfolge, Kanon, harmonischer Finesse und rhythmischer Kontrastlaune einlässt, wird sich von Satz zu Satz wie in einer Art Sog immer weitergezogen, immer (neu-)gieriger zum nächsten der 30 Funkelsteine des Colliers getragen fühlen.
Masato Suzuki findet seinen eigenen Zugang
Zahllos die Vergleiche, kein Tastenkünstler, der je daran vorbeikam, obwohl an technischem Schwierigkeitsgrad kaum zu toppen. Die ebenso geniale wie exzentrische Klavierfassung des kanadischen Ausnahmepianisten Glenn Gould mit ihren extremen Tempokontrasten spukt einem vielleicht am eindringlichsten durchs musikalische Gedächtnis.
Suzukis ebenso technisch brillantes wie impulsreiches Spiel freilich stand zuallererst für Authentizität. Er präsentierte den klaviertechnischen Parforceritt der 30 Variationen zwischen „Aria“ und „Aria da Capo“ als Station für Station sorgsam durchorganisierte, dabei durchaus lustvolle Reise durch die unbeschreibliche Allheit Bach’schen Erfindungsgeistes. Er ließ im sehr dezidierten Wechselspiel zwischen erstem und zweitem Manual teilhaben an der formal kunstvollen Architektur, schuf Transparenz bei zugleich sorgsamem Einsatz des gestalterischen Instrumentariums.
Die Wahl der Tempi, in der schlichten Eindringlichkeit der Aria, der behutsamen Nachdenklichkeit der Sarabanden oder der rauschhaften virtuosen Rasanz etwa der 14. Variation, folgte einem wohlausbalancierten Prinzip. Ebenso wie Phrasierung und Akzente stets eindringlich der musikalischen Erzählung nachspürten. Es war ein geradezu wollüstiges Spiel zwischen nonchalanter Geläufigkeit, geistreichem Humor und kristallklarer Diktion. Welch ein Fest!