Grünstadt Unter Grenzgängern

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«Obersülzen.» Der ehemalige Obstbauer Gunter Schumann kann einfach nicht von den Äpfeln lassen: Auch im Ruhestand treibt ihn die Suche nach den besten Bedingungen für Gala, Cox Orange und Golden Delicious um. Über ein Jahr verbrachte der Obersülzner jetzt in Mazedonien, um einen Betrieb beim Anbau zu unterstützen. Ein Gespräch über Obstbau zwischen Mittagshitze, Mentalitätsunterschieden und Migrantenlagern.

Trotz sanfter Hügelketten, rotblühender Blumenmeere und gastfreundlicher Einwohner: Es gibt sicherlich idyllischere Orte als Gevgelija, um sich mit dem Apfelanbau zu beschäftigen. Denn die kleine Stadt im Südosten Mazedoniens liegt direkt an der griechischen Grenze – und das hat Folgen. Gevgelija gilt als „Las Vegas des Balkans: Unzählige Griechen strömen hierher zum Glücksspiel und lassen sich in Bussen zurückkarren, wenn das Geld fürs Taxi verzockt wurde. Aber nicht nur Vergnügungssüchtige zieht es über die Grenze. Tausende Flüchtlinge haben vor der Schließung der Balkanroute hier versucht, einen Weg nach Europa zu finden. Das berüchtigte ehemalige Lager Idomeni liegt direkt hinter einem Bahnübergang. Gunter Schumann zog es dennoch nach Gevgelija. Und das, obwohl er weder auf der Suche nach dem schnellen Geld, noch die Flüchtlingskrise der Grund war. Im Auftrag der deutschen Inhaber sollte der Obersülzener den Apfelanbau eines Betriebs bei Gevgelija auf Vordermann bringen. „Wenn ich selbst dort unten einen Betrieb eröffnet hätte, hätte ich mit Sicherheit keinen einzigen Apfelbaum gepflanzt“, verdeutlicht Schumann die Herausforderung. Die Äpfel haben das ganze Leben des 68-Jährigen bestimmt. Den landwirtschaftlichen Betrieb in Obersülzen übernimmt er von den Eltern und spezialisiert sich dann auf die runde Frucht. Mit erstaunlicher Begeisterung kann er auch heute noch über die besten Anbaubedingungen oder den notwendigen Pflanzenschutz referieren. Aber als er 2014 in den Ruhestand geht, muss er den Betrieb verpachten – die vier Kinder haben Karrieren abseits der Landwirtschaft eingeschlagen. Vater Schumann allerdings lassen die Äpfel nicht los. Als die Anfrage aus Mazedonien kommt, zögert er nicht lange: „Es hat mich einfach gereizt, eine andere Gegend kennenzulernen“, sagt er. Im Oktober 2015 geht es los, bis Ende 2016 bleibt Schumann schließlich vor Ort. Der Pfälzer Apfel-Experte soll die Effizienz des 300 Hektar großen Betriebs verbessern, der auf etwa 160 Hektar Obstbau betreibt. „Als ich da runterkam, war der Betrieb ein Trümmerhaufen“, schildert Schumann. Einfach ist die Aufgabe auf dem Balkan also nicht. In Gevgelija trifft er auf ganz andere Bedingungen als in der Pfalz. Es ist windig und oft unerträglich heiß – in vielen Monaten ist nach der Mittagszeit nicht mehr an Arbeit auf der Plantage zu denken. Aber noch größere Probleme als das Klima macht ihm die ungewohnte Arbeitsauffassung. „Das ist oft ineffizient“, sagt Schumann. „Wenn da jemand in der Hierarchie über den einfachen Arbeitern steht, dann hat der anstelle einer Obstbauschere meist eher eine Zigarette in der Hand.“ Schumann lässt sich davon nicht unterkriegen. Er packt selbst mit an, will auf jeden Fall vermeiden, als der abgehobene Experte aus Deutschland zu gelten: „Wenn die Leute sehen, dass die Arbeit schneller geht und man sich dabei auch weniger gequält hat, dann wirkt das.“ Wenn es mal knirscht, lädt er die Mitarbeiter abends auf ein Bier ein, „dann passt es auch wieder.“ Rückschläge gibt es trotzdem. Als sich Mitte des Jahres erste Erfolge zeigen, kehren auf einmal alte Probleme zurück. Kleine Diebstähle und Betrügereien unter den Angestellten häufen sich. „Das ist verständlich“, sagt Schumann. „Bei diesem niedrigen Lohn kann ich das wirklich niemandem verübeln.“ Aber gerade auch deshalb packt ihn die Herausforderung in Mazedonien. Fachkräfte in der Landwirtschaft sind dort Mangelware, die Bezahlung für ungelernte Arbeiter schlecht. Schumann will deshalb mit seiner Expertise dafür sorgen, dass in dem Betrieb Menschen aus der Region ausgebildet und dann auch eingestellt werden können. Er selbst nennt das seine „ideellen Gründe“ für den langen Aufenthalt. Aber trotz aller fachlicher Herausforderungen, kann man wirklich ausblenden, dass nur wenige Kilometer entfernt tausende Menschen in einem Lager ausharren? Als die mazedonische Regierung im August 2015 die Durchfahrt nach Serbien stoppte, strandeten große Gruppen von Flüchtlingen am Bahnhof Gevgelijas – es kam zu gewaltsamen Konflikten mit der serbischen Polizei, die Tränengas einsetzte. Genau wie das Lager in Idomeni wurde Gevgelija zu einem Symbol der Flüchtlingskrise. Schumann selbst bekommt mit, wie junge Männer immer wieder nachts einen Weg durch das zerklüftete Bergland suchen und dann von den Behörden aufgegriffen werden, wie Polizisten aus Österreich, Kroatien und Serbien zur Unterstützung anreisen: „Das hat mich schon sehr bedrückt“, sagt er ernst. Die Plantage, auf der er arbeitet, ist bewacht und von hohen Zäunen umgeben. Die Bilder aus den Abendnachrichten sind zu dieser Zeit sehr nah. Gunter Schumann wirkt allerdings nicht wie jemand, der sich von Dingen aus der Bahn werfen lässt, die er nicht selbst in der Hand hat. Über seinen Alltag in der ungewohnten Umgebung sagt er beispielsweise: „Man gewöhnt sich schnell an alles, wenn es keine Alternativen gibt.“ Das liegt womöglich auch daran, dass Schumann nicht zum ersten Mal im Zeichen des Apfels in fernen Ländern unterwegs war. In Chile, Argentinien oder Israel war er früher schon als Obstbau-Experte: „Da fragt man sich schon, wo hört die fachliche Arbeit auf und wo fängt das Vergnügen an“, sagt er selbst. Aber wahrscheinlich sind beide Dinge für Gunter Schumann einfach das Gleiche.

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