Grünstadt „Trauer und Wut“

Der Kleinkarlbacher Winzer Karl-Otto Gabel-Müller an der West-Umgehung von Kirchheim. Im Hintergrund ist die neu gebaute Eckbach
Der Kleinkarlbacher Winzer Karl-Otto Gabel-Müller an der West-Umgehung von Kirchheim. Im Hintergrund ist die neu gebaute Eckbachtalbrücke zu sehen.

«KLEINKARLBACH.»Ein großes Thema 2018 war die Eröffnung der West-Umgehung von Kirchheim nach dreieinhalbjähriger Bauzeit. Der Kleinkarlbacher Winzer Karl-Otto Gabel-Müller (60) hat jahrelang gegen die Trasse gekämpft. Er ist bis vors Oberverwaltungsgericht nach Koblenz gegangen, weil er sie verhindern wollte. Im Interview mit Kathrin Schnurrer erzählt er, warum ihn das Thema noch immer beschäftigt – obwohl die Straße längst gebaut ist.

Die Ortsumgehung von Kirchheim wurde im November eröffnet. Mit welchem Gefühl befahren Sie die Straße?

Mit einer Mischung aus Trauer und Wut. Warum? Weil mich das Thema als Ortsvorsitzender der Bauern- und Winzerschaft Kleinkarlbach über 25 Jahre lang in Anspruch genommen hat. Sie stehen für den Protest gegen die West-Umgehung von Kirchheim und sind bis zum Oberverwaltungsgericht gegangen, um sie zu verhindern. Die Koblenzer Richter haben im Januar 2010 allerdings entschieden, dass die Planungen für die 3,4 Kilometer lange Strecke rechtmäßig sind. Die Klage von Ihnen und den beiden anderen Klägern, der Ortsgemeinde Kleinkarlbach und dem Verein „Pro Ost“, wurde abgewiesen. Würden Sie, Stand heute, wieder bis vors Oberverwaltungsgericht gehen? Ja, ich würde das nochmal machen. Es war die richtige Entscheidung, dass wir alles versucht haben, um diese Strecke zu verhindern. In meinen Augen ist es ein Fehler, dass man nicht schon am Anfang eines Verfahrens Rechtsmittel einlegen kann. Damals waren auch die Kosten ein Argument. Es hieß, dass die Westvariante billiger ist als die Ostvariante. Was wollen Sie da sagen als Bürger? Jetzt hoffe ich, dass es nicht so weitergeht mit dem weiteren Stück der Umgehung Richtung Herxheim am Berg. Bei Menschen, die sich einen Gutteil Ihres Lebens mit einem Thema befassen, besteht die Gefahr, dass Sie sich zu sehr hineinsteigern. Können Sie den ganzen Frust, den ganzen Protest, jetzt, nachdem die Straße gebaut ist, nicht begraben? Im Moment noch nicht. Es ist eine grundlegend falsche Entscheidung. Bei der Eröffnung der B 271 neu waren Sie mit den Vereinskollegen von „Pro Ost“ in Trauerbekleidung vor Ort, es gab eine Art stillen Trauerzug mit Traktoren. Ich habe bei der Eröffnung jemanden sagen hören: „Der Gabel-Müller kann es einfach nicht akzeptieren.“ Ist das so? Ich akzeptiere den Beschluss, aber ich bin immer noch der Meinung, dass er falsch war. Der Richter hat’s ja richtig gesagt: Es war eine Entscheidung des politischen Wollens und die ist beeinflusst worden durch politische Erwägungen. Der Golfplatz war wichtiger als alle anderen Erwägungen, man ist mitten reingegangen in Weinbergsgelände. Mindestens 50 Grundeigentümer haben Grund und Boden verloren. Es ist ein Musterbeispiel für Lobbyismus durch FDP-Politiker. Der Richter in Koblenz hat damals übrigens auch gesagt, dass nach Kirchheim-West nicht zwangsläufig auch Herxheim-West kommen muss. Ich stehe weiterhin hinter „Pro Ost“ und bin als Vertreter von Kleinkarlbach im Vorstand des Vereins. Falls die West-Umgehung von Herxheim am Berg käme, wäre ich mit einem Grundstück bei Dackenheim wieder betroffen. Nochmal zum Protest von Pro-Ost bei der Eröffnung der B 271 neu … … das war eine Schmalspur-Protestaktion. Ich war nicht zufrieden, wie das abgelaufen ist, aber unsere Vorsitzende Karola Bender-Haaß wollte das so. Ich wäre für einen deutlicheren Protest gewesen, vor allem angesichts der Phantombegrüßungen der Bundestagsabgeordneten Johannes Steiniger und Gustav Herzog und des ehemaligen Abgeordneten Norbert Schindler. Alle drei waren bei der Eröffnung nicht da. Dann wurde auch noch der ehemalige Weinbaupräsident Edwin Schrank als Vertreter der Winzerschaft begrüßt. Der Weinbauverband bei der Bauern- und Winzerschaft hat sich in den ganzen Jahren aber mehr oder minder aus der Sache rausgehalten. Die Bundestagsabgeordneten hatten Sitzungswoche im Bundestag in Berlin. Aber nochmal zurück: Sie sprachen vorhin von Weinbergen, die die Winzer verloren haben. Wie viele Weinberge sind bei Ihnen für den Straßenbau genutzt worden? Und was sagen Sie zu dem Argument des Landesbetriebs Mobilität, der sagt, dass die Strecke unter anderen deshalb 21,8 anstatt 25,2 Millionen Euro gekostet hat, weil die Grunderwerbs-Kosten gestiegen seien? Bei mir waren sechs Weinberge betroffen, einige habe ich ganz verloren, bei anderen wurde ein Teil angeschnitten. Die Entschädigung für die Winzer war angemessen, sie war so hoch wie sie bei anderen Projekten im Land war. Die Preissteigerung auf den Grunderwerb zu schieben, ist lächerlich. Das ist doch alles liederlich geplant. Die müssen das doch wissen, wie viel die Flächen kosten. Die Kirchheimer sind sehr froh, dass Sie endlich Ruhe haben und der Durchgangsverkehr weg ist. Können Sie das nachvollziehen? Ich gönne den Kirchheimern die Umgehung, aber dass bei uns 50 Prozent mehr Verkehr prognostiziert wird, muss ich als Kleinkarlbacher sagen. Da ist mir das Hemd näher als die Hose. Merken Sie schon, dass mehr Autos durch Kleinkarlbach fahren? Es ist schon mehr Verkehr, aber ich kann das jetzt nicht quantifizieren. Sind Sie in den ganzen Jahren Ihres Protestes gegen die Strecke von Kirchheimern angegangen worden? Nein, ich bin nicht persönlich angegangen worden. So geht’s weiter Wie die Anwohner der Kirchheimer Weinstraße ohne den Dauerverkehr vor ihrer Haustür leben und was sie zur West-Umgehung sagen, lesen Sie in unserer Ausgabe vom 2. Januar.

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