Grünstadt Technik ist entscheidend

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CARLSBERG. Einen Lehrgang besucht, um etwas zu lernen, das sie hoffentlich nie brauchen – das taten am Mittwochabend 22 Mädchen und Frauen in der Carlsberger Schulturnhalle. Pierre Polini, Trainer mit über 25-jähriger Kampfsporterfahrung, und die RHEINPFALZ hatten zur Sommeraktion „Selbstverteidigung“ geladen.

Nach der Schnupperstunde hatte etwa die Hälfte der Teilnehmerinnen Interesse, so einen Kurs zu belegen. „Bis ich euch einen perfekten Block aus dem Karate beigebracht habe, vergehen Wochen“, sagt Polini, der die Frauen um ihn herum gleich locker-sportlich duzt. „Ich möchte Euch lieber einen passiven Block zeigen, den ihr schon könnt“, erklärt er und zieht blitzschnell die Hände hinter den Kopf, sodass dieser von den Armen mit spitz nach vorn gerichteten Ellenbogen vor Schlägen geschützt ist. „Das macht jedes Kind automatisch.“ Nicken in der Runde. Paarweise stellen sich die Frauen auf, die eine holt zur Ohrfeige aus, die andere blockt. So geht das einige Minuten im Wechsel. Gut gelaunt sind alle dabei, auch wenn es nicht sofort einwandfrei klappt. Aber: Übung macht die Meisterin. „Nun reicht es natürlich nicht, die Attacke abzuwehren. Der Angreifer steht ja immer noch da“, leitet der Coach des TSV Carlsberg und des ATSV Wattenheim zum nächsten Schritt über: ein Schlag auf die Nase. „Das haut den stärksten Gegner um“, verspricht der 36-Jährige. Dabei rät er, statt der Faust die flache Hand zu benutzen, die eine größere Fläche habe und weniger leicht verletzt werde. Beherzt gehen die Teilnehmerinnen, die aus dem gesamten Leiningerland und aus Eisenberg kommen, zur Sache. Polini und drei seiner langjährigen Schüler – Nico Kramer, Friederike Zydorek und Tina Salzwedel –, die als Co-Trainer fungieren, gehen von Paar zu Paar. Sie demonstrieren, korrigieren und loben. „Nach der Theorie ist immer das mildeste Mittel zu wählen“, erläutert Polini, „kleiner Tipp von mir: Wenn Gefahr droht – voll drauf“. Gewalt werde immer schlimmer, sie habe eine andere Dimension als früher. Alter und Geschlecht spielten keine Rolle mehr, die Aggressoren stürzten sich zu mehreren auf eine Person. Wenn diese am Boden liegt, werde gnadenlos nachgetreten, spricht er aus seiner Erfahrung als Mitarbeiter im Justizvollzug. Was ist, wenn der Täter viel größer und schwerer ist als man selbst? Nicht Kraft sei das Entscheidende, sondern Technik, so Polini und zeigt, wie er sich durch eine Drehung aus dem Würgegriff des 99-Kilo-Mannes Kramer befreit, dessen Gewicht daraufhin zum Running Gag des Abends wird. Die Stimmung ist ausgelassen, es wird viel gelacht. „Wer würgt jetzt wen?“, fragt die Altleiningerin Friederike Moebus ihre Partnerin. „Ich bin verblüfft, mit wie wenig man wie viel erreichen kann“, sagt die 47-jährige Christina Schleier, deren Tochter Lena Tae-Kwon-Do-Schülerin von Polini ist. Sie mache erstmals so einen Kurs mit. Tamina Danneck (22) hatte mal Selbstverteidigung in der Schule. „Aber da haben wir etwas anderes gelernt, zum Beispiel den kleinen Finger aus dem Gelenk zu drehen.“ Effektiv wehren könne man sich, wenn man „gezielt und mit Entschlossenheit“ empfindliche Stellen ins Visier nehme, zählt der Trainer Nase, Augen, Kehlkopf, Genitalien und Kniescheibe auf. „Was ist mit dem Solarplexus?“, möchte eine Frau wissen. Bei einem einigermaßen durchtrainierten Menschen funktioniere das nicht, sagt Polini und lässt sich von „den 99 Kilogramm“ mit Kraft auf das Nervengeflecht boxen. Auf die Frage, was bei einer Messerattacke zu tun ist, winkt Polini ab: „Um dafür gewappnet zu sein, muss man jahrelang trainieren. Wir üben das im Kampfsport mit schwarzem Edding, um sehen zu können, wie oft wir gestochen worden wären.“ Wichtig sei, stets aufmerksam zu sein, brenzlige Situationen schon im Ansatz zu erkennen und so früh wie möglich zu reagieren. „Je näher ihr dem Boden kommt, desto schlimmer wird es“, betont der einstige Tae-Kwon-Do-Weltmeister und zeigt mit Zydorek die „Königstechnik“, mit der sich das „schwache Geschlecht“ selbst aus einer misslichen Rückenlage befreien kann. „Sehr hilfreich“, beurteilt Julia Schwalb die Schnupperstunde. Die 23-jährige Hettenleidelheimerin fühlt sich sensibilisiert und zeigt sich interessiert an einem Selbstverteidigungskurs. (abf)

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