Grünstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Taubenplage im Leininger Unterhof: Was das Gesundheitsamt fordert

Wollen endlich, dass die Taubenplage aus der Nachbarschaft verschwindet: Anwohner Hans-Arthur Schenk (von links), Bärbel Schenk,
Wollen endlich, dass die Taubenplage aus der Nachbarschaft verschwindet: Anwohner Hans-Arthur Schenk (von links), Bärbel Schenk, Hans-Peter Müller und Silvia Müller.

Magen-Darm-Erkrankungen, Lungenentzündungen und die Papageienkrankheit: Der Leininger Unterhof ist derzeit eine Problemzone. Der Grund: Massen an Taubenkot, die seit Monaten die Nachbarschaft verschmutzen. Was das Gesundheitsamt jetzt zum Schutz der Allgemeinheit fordert.

„Es ist wie in dem Hitchcock-Horrorfilm ,Die Vögel’, wenn sie gegen Abend über den Himmel ziehen und sich auf dem Dach gegenüber niederlassen“, beschreibt Anwohner Andreas Garst die Situation in der Obergasse 7. An manchen Abenden haben er und sein Nachbar Hans-Arthur Schenk schon fast 200 Tauben gezählt, die sich auf dem Nachbarhaus niederlassen. „Ab 20 Uhr sitzt alles voll, teilweise sogar in zweiter Reihe“, berichtet der 73-jährige Schenk von seinen Beobachtungen.

Dabei kündigt sich das Ausmaß bereits von Weitem an: Federn werden vom Wind über den Asphalt getrieben. Die Nase nimmt den merkwürdig beißenden Geruch schon wahr, noch bevor das Auge die Ursache dafür erkennt. Der Gehweg vor dem Leininger Unterhof gleicht einem Minenfeld aus Taubenkot.

Eine von einem Auto erfasste Taube liegt seit Tagen auf dem Gehweg.
Eine von einem Auto erfasste Taube liegt seit Tagen auf dem Gehweg.

Dreck, Lärm und Gestank

Den eigenen Garten oder die Terrasse können die Anwohner deswegen schon lange nicht mehr genießen. „Man muss ja immer damit rechnen, dass vielleicht etwas im Kaffee landet“, sagt Nachbar Hans-Peter Müller. Selbst in heißen Sommernächten wird deswegen in der Obergasse bei geschlossenen Fenstern geschlafen. „Nicht nur, dass die Tauben einen ganz schönen Lärm verursachen und es stinkt, die fliegen auch mal schnell ins Zimmer“, betont der 73-jährige Schenk.

Den Beobachtungen der Nachbarn zufolge gelangen die Tiere durch kleine Belüftungsfenster an der West- und Ostseite unters Dach des Gebäudes und legten dort ihre Eier. Die Jungtiere verschwänden aber nicht einfach, sie sorgten ebenfalls für Nachkommen in dem Altbau. Anwohnerin Bärbel Schenk ärgert sich: „Und sie versauen die ganzen Häuser!“ Verstehen könne sie die Untätigkeit der Eigentümer nicht. „Ihr Haus steht doch unter Denkmalschutz und der Kot versaut ja nicht nur alles, sondern er ist auch gesundheitsschädlich.“

Hilfeanfragen gescheitert

Aus ihrer Verzweiflung heraus hätten die Nachbarn das Gespräch mit den Besitzern des Gebäudes gesucht. Auch an das Gesundheitsamt, an das Ordnungsamt Grünstadt und den Denkmalschutz des Landkreises hätten sie sich gewandt. Aber nichts habe sich bisher getan.

„Dass es einem Eigentümer nicht recht sein kann, wenn dermaßen viele Tauben in seinem Haus nisten, sollte jedem klar sein“, sagt einer der beiden Eigentümer auf Anfrage der RHEINPFALZ knapp. Mehr wollten er und die Miteigentümerin öffentlich nicht sagen. Stattdessen verwiesen sie auf den Bewohner Georg Gailer, der das Drama um die Taubenplage seit Jahren miterlebe.

Dicht an dicht drängen sich die Tiere.
Dicht an dicht drängen sich die Tiere.

Tiere vom Nisten abschrecken

Gailer nimmt seinen Vermieter in Schutz: „Es ist eine Katastrophe, aber was soll er dagegen machen? Die Verantwortung liegt bei der Stadt.“ Diese habe vor Jahren verschlafen, das Problem rechtzeitig anzugehen. Damals habe eine ältere Frau täglich die Tiere angefüttert. „Es wurde gemeldet, aber es hieß nur, die Frau sei krank, da könne man nichts machen“, so der 67-jährige alleinerziehende Vater. Seitdem hätten sich die Tiere unkontrolliert vermehrt.

Stattdessen fühlt sich Gailer in der Pflicht, spült nach eigenen Angaben mehrmals die Woche den Gehweg von den Hinterlassenschaften der Vögel frei. Auch eine Schubkarre voller Taubenkot habe er vom Dachboden entsorgt, „wo es davon aber noch viel mehr gibt“. Dort habe er zudem Seile gespannt, um die Tiere am Nisten zu hindern. Krähen-Attrappen und ein Stacheldraht soll die Tauben künftig vom Einschlüpfen abbringen. Der 67-Jährige spielt nun mit dem Gedanken, die Obergasse zu verlassen. „Ich bin krank, will mir meine Gesundheit nicht noch weiter versauen.“

„Pflicht liegt bei Eigentümern“

Die Stadt Grünstadt hingegen sieht die Verantwortung bei den Eigentümern. Zwar sei normalerweise eine Gemeinde verpflichtet, den Taubenkot vom Gehweg zu entfernen. Diese Pflicht könne per Satzung auf die Eigentümer von Haus und Grundstück übertragen werden. „Diese übertragen dann die Verpflichtung zur Straßenreinigung oft per Mietvertrag auf ihre Nutzer der Wohnungen und Grundstücke“, erklärt ein Sprecher der Stadt die Rechtslage.

Darüber hinaus sei der Stadt Grünstadt das Taubenproblem seit Längerem bekannt, berichtet der Sprecher weiter. Bereits seit zwei Jahren würde die Behörde deswegen von den Eigentümern vorbeugende Maßnahmen fordern, die die unkontrollierte Vermehrung der Tauben auf ihrem Dachboden einschränkt. Allerdings seien die Eigentümer „dieser Empfehlung bisher nicht gefolgt“.

Kot gefährdet Gesundheit

Da es sich um ein Privatgrundstück handele, halte sich der Handlungsspielraum der Stadt Grünstadt aber in Grenzen. Zwar seien mittlerweile weitere Ordnungsbehörden wie die Bauaufsicht aber auch die Ordnungsbehörde des Kreises, das Veterinäramt, das Gesundheitsamt sowie die Untere Denkmalbehörde involviert. Seit September 2023 gebe es konkrete Hinweise auf eine Taubenplage auf dem Grundstück, „weswegen über das Infektionsschutzgesetz Maßnahmen gegen die Eigentümer geprüft werden“, teilt die Stadtverwaltung weiter mit.

Denn der Taubenkot ist für Menschen nicht unbedenklich. Laut der Gefährdungsbeurteilung Hochbau der Berufsgenossenschaft der Bauwirtschaft scheiden Tauben in ihren Exkrementen unter anderem Mikroorganismen wie Bakterien, Hefen, Pilze und Erreger der Papageienkrankheit sowie in Deutschland seltener den Pilz Histoplasma capsulatum aus. Selbst Tiere, die augenscheinlich nicht krank wirken, könnten Träger der Infektionserreger sein. Da diese oft im Gefieder der Vögel sitzen, könnten Erreger durch Aufflattern auch in die Luft gelangen.

Nicht die einzige Hinterlassenschaft der Vögel.
Nicht die einzige Hinterlassenschaft der Vögel.

Eine Gefahr für alle

Bei einem Vororttermin im August der zuständigen Behörden, bei denen die Eigentümer terminlich verhindert waren, sei eine explizite Gefährdung der Allgemeinheit festgestellt worden, sagt eine Sprecherin der Kreisverwaltung Bad Dürkheim. Deswegen sollten Bewohner den Dachboden nicht ohne ausreichende Schutzausrüstung betreten: „Es ist zu erwarten, dass sich dort sehr viel Kot befindet.“ Die enthaltenen Erreger könnten Lungenentzündungen oder zu Magen-Darm-Erkrankungen führen.

In Zuge des Infektionsschutzes habe die Behörde die Eigentümer aufgefordert, einen Fachmann zur Vogelabwehr zu beauftragen. Bei einem weiteren Begehungstermin am gestrigen Dienstag hätten die Eigentümer zugesichert, nun Angebote einzuholen und die Abschreckmethoden mit dem Veterinäramt abzustimmen. „Wir gehen davon aus, dass sich nun eine angemessene Lösung für das Problem finden lässt“, betont die Sprecherin.

Pflicht zur Unterhaltung

Aus Sicht des Denkmalschutz gebe es außerdem keine Einwände, die Speicherluken etwa mit einem Gitter zu verschließen. Diese Schritte müssten dann mit weiteren Behörden abgeklärt werden. Der Taubenkot habe nach Einschätzung des Denkmalschutzes bislang aber keine Schäden an der Fassade angerichtet, so die Sprecherin weiter und verweist darauf, dass Eigentümer grundsätzlich verpflichtet seien, „denkmalgeschützte Objekte dauerhaft und fortlaufend zu unterhalten, um Schäden vom Gebäude abzuwenden“.

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