Grünstadt
Tanzstudio Claudia Dauth schließt: Abschied vom Lebenstraum
Seit ihrem zehnten Lebensjahr ist Ballett die Leidenschaft von Claudia Dauth. Gleich nach dem Abschluss ihrer Ausbildung zur Gymnastiklehrerin mit den Hauptfächern moderner künstlerischer Tanz und basale Musikerziehung an der Else-Lang-Schule in Köln verwirklichte sie 1985 ihren Traum: Sie eröffnete ein Tanzstudio. Nach zwei Jahren in der Turnhalle der Dekan-Ernst-Schule bezog sie schräg gegenüber ihr eigenes Domizil, das sie mit ihrer Familie selbst errichtet hatte. Rund 300 Schüler zwischen vier und 84 Jahren lernten in 29 Gruppen klassisches Ballett und Jazztanz, trainierten hart für Auftritte – die sogar mehrfach im Fernsehen gezeigt wurden –, hielten sich fit bei Wirbelsäulen- und Konditionsgymnastik.
Doch dann kam ein bis dahin unbekanntes Virus, hielt die Welt in Atem und löste eine globale Vollbremsung aus. Der erste bundesweite Shutdown Mitte März 2020 traf das Tanzstudio im Endspurt der Vorbereitungen zur Feier seines 35-jährigen Bestehens. „Mein Lebenswerk ist zerplatzt, als ich alle Events absagen musste, ohne Aussicht auf ein Nachholen. Das war sehr hart und tränenreich“, blickt Dauth zurück. Ihre jüngsten Eleven standen kurz vor ihrer ersten Aufführung im Weinstraßencenter, ein Ehrungsabend für langjährige Mitglieder war organisiert, sämtliche Choreographien für eine große Show mit 200 Mitwirkenden waren einstudiert, alle Kostüme genäht und sogar ein Jubiläumssekt von Julia Benzinger aus Kirchheim kreiert.
Tanzen im Quadrat
Bis Anfang Juni war das Tanzstudio geschlossen, mit der Wiederöffnung begann eine „sehr interessante, anstrengende und zermürbende Lernphase“. Es ging nur noch um Corona-Verordnungen, permanentes Putzen und Desinfizieren. Der kreative, an sich Freude stiftende Beruf trat ganz weit in den Hintergrund. „Wir mussten unseren 120 Quadratmeter großen Saal in Karrees einteilen, nur innerhalb seines Quadrates durfte sich ein Schüler bewegen.“ Korrigierendes Eingreifen und Partnerarbeit waren tabu, Formationen konnten nicht gebildet werden, Sprünge und Drehungen waren wegen zu hoher Aerosol-Belastung verboten. „Nachdem man sich mit angezogener Handbremse in 15 Minuten einigermaßen warm getanzt hatte, mussten wir querlüften und standen im Durchzug.“ Teilnehmer der nächsten Trainingsgruppe mussten vor der Tür warten, bis die vorherigen Eleven das Haus verlassen hatten – mitunter in strömendem Regen. Offene Angebote in den Sommer- und Herbstferien waren wegen der Kontaktbeschränkungen untersagt.
Im zweiten Lockdown versuchte man es mit Online-Unterricht. Doch die Juristen des Deutschen Bundesverbandes für Tanzpädagogik mahnten zur Vorsicht: Übungsleiter könnten zur Verantwortung gezogen werden, wenn sich Schüler daheim verletzen, etwa auf ungeeignetem Boden ausrutschen. Dazu kam, dass das digitale Angebot nach anfänglicher Begeisterung letztendlich nur von einer Handvoll Leuten angenommen wurde, andererseits die Produktion von Videos zeitaufwendig und teuer ist. „Wir haben seit November keine Beiträge mehr eingezogen, trotzdem erhielten wir bis März rund 100 Abmeldungen“, berichtet Dauth, die ihr Studio nicht wieder aufgemacht hat. „Was haben wir denn aktuell für eine Perspektive?“, fragt die Tochter Eliane (23). Es gebe weiterhin strenge Auflagen wie Maskenpflicht und Abstandsgebot, dazu müsse man auch noch den Test- beziehungsweise Impfstatus kontrollieren, so die studierte Holztechnikerin.
Nur noch rote Zahlen
Wirtschaftlich lässt sich die Tanzschule seit Ausbruch der Pandemie nicht mehr betreiben, wie der Vater Karl-Georg Dauth berichtet: „Seit März 2020 schreiben wir rote Zahlen, die Ausgaben übersteigen die Einnahmen erheblich.“ Die Staatshilfen seien sehr umständlich zu beantragen, kämen spät und deckten nur einen Teil der Verluste ab. „Allein um Überbrückungshilfe III zu erhalten, müssen wir 1500 Euro Honorar an den Steuerberater entrichten. Das steht in keinem Verhältnis zu dem, was uns letztendlich überwiesen wird“, so Dauth. Nicht ersetzte Kosten seiner selbstständigen Frau wie Krankenkassenbeiträge und Altersvorsorge müssten aus den inzwischen nahezu aufgezehrten Rücklagen finanziert werden. Keinen Cent gab es auch für die drei geringfügig Beschäftigten, die aus eigener Tasche bis 31. März weiterbezahlt und dann gekündigt wurden. Der Vertrag für eine Honorarkraft, der zum Jahresende 2020 auslief, sei nicht verlängert worden. Die zwei verbliebenen angestellten Tanzpädagoginnen beziehen momentan noch Kurzarbeitergeld.
„Nun gibt es das Tanzstudio Claudia Dauth nicht mehr“, sagt die Gründerin, die sich wenigstens noch mit ihrer Schwester Petra Asel im Tanzen fit hält. „Sie leitet mich im Jazzdance an und ich zeige ihr Übungen aus dem klassischen Ballett“, erläutert die 58-Jährige, die sich keine Chance auf einen Berufswechsel ausrechnet. Nach einer Therapie, die sie aus der Depression geholt hat, und dank ihrer Familie kann sie aber wieder lächeln und nach vorne schauen: Zusammen mit Asel möchte sie zumindest Erwachsene unterrichten – „sobald wir uns wieder frei in unserem Tanzraum bewegen dürfen“.