Grünstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Stammtischparolen kontern: Strategien gegen Populismus

Argumentationstraining gegen Stammtischparolen: Die Workshop-Teilnehmer sollen künftig als Mentoren und Multiplikatoren in ihrem
Argumentationstraining gegen Stammtischparolen: Die Workshop-Teilnehmer sollen künftig als Mentoren und Multiplikatoren in ihrem privaten und beruflichen Umfeld die Demokratie schützen.

Wie begegnet man plumpen Stammtischparolen? Wie schützt man die Demokratie gegen Populisten? Damit hat sich die Kolpingsfamilie Grünstadt in einem Workshop befasst.

Politische Bildung ist eines der vielen Themen, mit denen sich die Kolpingsfamilie in Grünstadt befasst. „Wir waren schon öfter bei Veranstaltungen für Demokratie dabei und haben auch bei der Kundgebung für Demokratie in Grünstadt mitgewirkt“, erzählt Rita Schmid, Vorsitzende der Kolpingsfamilie. Die beiden Referenten aus Mainz, Luis Caballero und Zillan Daoud von der Landeszentrale für politische Bildung, haben klare Ziele: Demokratie-Bildung zu fördern, Menschenrechte zu verteidigen und Menschen darin zu bestärken, Haltung zu zeigen. Caballero, Soziologe und ausgebildeter Argumentationstrainer sowie Sozialarbeiterin und Trainerin Daoud wollen die 18 Workshop-Teilnehmer am Samstag befähigen, in Zukunft als Mentoren und Multiplikatoren die Demokratie zu schützen – im privaten, beruflichen, kirchlichen und gesellschaftlichen Umfeld.

Im Workshop geht es darum, die Hintergründe von Diskriminierung zu beleuchten. „Warum ist es so schwer, gegenüber Menschen, die diskriminierende Parolen äußern, Haltung zu zeigen?“, fragt Caballero die Teilnehmer. Erste Antworten sind: „Überraschung“, „Überrumpelung“, „Entsetzen“, „Schwarz-Weiß-Denken“ und „Angst“. „Angst deshalb, weil Menschen, die diskriminierende Parolen äußern, dies oft aggressiv machen“, erläutert Caballero. Auch die Angst vor der Vermischung von Sachlichem mit Persönlichem könne ein Hinderungsgrund sein, lieber nichts zu sagen. „Doch wer schweigt, stimmt zu“, gibt er zu bedenken. Deshalb sei es besser, sich zu äußern, obwohl es kein allgemeingültiges Rezept gebe. „Manchmal erreicht man den Hauptredner nicht, aber es kann ausreichen, diejenigen zum Nachdenken zu bringen, die nur dabeistehen und schweigend zuhören“, sagt Caballero. „Es ist wichtig, dieses Schweigen zu durchbrechen und Widerstand gegen demokratiefeindliche und menschenverachtende Äußerungen zu zeigen.“

Dem Gegenüber mit Fragen begegnen

Ein weiterer Diskussionspunkt ist die Frage, was Menschen kennzeichnet, die solche Parolen verbreiten. Die Antworten der Teilnehmer sind vielfältig: „Zugehörigkeit zu einer Gruppe, Macht, Unzufriedenheit, mangelndes Wissen, alte Weltbilder, Intoleranz, Spaß am Provozieren und Frustabbau“. Caballero und Daoud bestätigen diese Aussagen und fragen, warum es wichtig sei, die eigene konträre Meinung zu äußern. „Um die Menschen zu schützen und Populismus zurückzudrängen“, sind Antworten aus der Gruppe.

Dann werden konkrete Beispiele diskutiert. „Was kann ich entgegnen, wenn ich höre, Bürgergeldempfänger sind alle faul?“, fragt Rita Schmid. Caballero rät, dem Gegenüber mit Fragen zu begegnen: „Wie meinst du das?“, „Wie viele Menschen kennst du, die Bürgergeld bekommen?“, „Warum bist du so sauer auf Bürgergeldempfänger?“

Eine weitere Parole wird genannt: „Ausländer sind straffälliger als Deutsche“. Hier könne man Statistiken anführen: „Migration nach Deutschland hat die Kriminalität in den letzten 20 Jahren nicht erhöht. Die Zahl der Straftaten ging tendenziell zurück, obwohl die Zahl der Ausländer seit 2005 um mehr als 70 Prozent gestiegen ist“, erläutert Caballero. Eine andere Parole lautet: „Ausländer nehmen uns die Wohnungen weg“. Hierauf könne man entgegnen, dass Single-Haushalte, die Wohnungen nur mit einer Person belegen, weit mehr Wohnungen „wegnehmen“ als Migranten, was mit Daten belegt werden könne. „Würde jeder Single eine weitere Person in seinem Haushalt aufnehmen, hätten wir weit weniger Wohnungssuchende“, ist sein Argument.

Eine rege Diskussion entfacht sich, als das Thema Belästigung von Frauen durch Migranten angesprochen wird. Sind es immer die Männer mit schwarzen Bärten, oder findet die Mehrzahl der Gewalttaten nicht eher im häuslichen Umfeld statt? Dies sei eine mögliche Frage. Viele weitere Floskeln und Parolen werden kritisch beäugt. Am Ende sind sich alle Teilnehmer einig: Haltung zu zeigen sowie die Demokratie und Menschenrechte zu schützen, das sollte klar geäußert werden und das oberste Ziel sein.

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