Grünstadt „Stück deutsches Kulturgut geht verloren“
GRÜNSTADT. Immer weniger Menschen sind in der Lage, sie zu lesen oder gar zu schreiben: die altdeutsche Schrift. Im Kurs „Sütterlin: Deutsche Schrift lesen und schreiben“ der Volkshochschule Grünstadt vermittelt Dozent Erich Gottwein aus Kirchheim ab 7. November in sechs Einheiten von je zwei Schulstunden die Grundlagen, um selbstständig Sütterlin lesen und schreiben zu können. Warum es wichtig ist, Sütterlin zu unterrichten, wie schwierig die Schrift zu erlernen ist und wen man überhaupt noch dafür interessieren kann, das hat uns Erich Gottwein erzählt.
Es existieren noch so viele Dokumente von früher, die so viel über die Vergangenheit berichten könnten – wenn man sie denn lesen kann. Für immer mehr Menschen sind diese Schätze leider nicht mehr zugänglich, weil sie dies eben nicht mehr können. In Irland und Schottland wird wieder die keltische Mundart, das Gälische, gelernt – warum also nicht auch hier die altdeutsche Schrift wieder lernen und lehren? Wenn sich niemand kümmert, geht ein Stück deutsches Kulturgut verloren! Wen erreichen Sie mit Ihrem Kursangebot – kann man die Jüngeren in Zeiten von Twitter und Co. überhaupt noch für Sütterlin interessieren? Überwiegend erreichen wir Leute ab etwa 40 Jahren bis zum Alter von 70 Jahren. Das reicht vom Hobbyhistoriker, der bei seinen Recherchen zur Dorfchronik immer wieder auf Unterlagen in Sütterlin stößt, bis hin zum interessierten Laien, der gerne die Familien-Dokumente seiner Vorfahren verstehen möchte. Meist sind die Kursteilnehmer so begeistert darüber, was sie in der kurzen Zeit gelernt haben und umsetzen können, dass sie auch ihr Umfeld begeistern und interessieren. Wir sind überzeugt, dass wir so auch die Jüngeren erreichen werden. Wie muss man sich Ihren Kurs vorstellen – ist Sütterlin wirklich völliges Neuland? Manche sind erst einmal schon erstaunt: Man muss tatsächlich das Alphabet neu lernen. Das ist der trockene Teil des Kurses, der logischerweise ganz am Anfang steht: Wir befassen uns in der ersten Stunde nur mit den Buchstaben, kommen dann aber schnell zu den ersten kleineren Texten. Bereits beim vierten Treffen lesen wir dann schwierigere Texte. Und die sind alles andere als langweilig: Wir lesen Wilhelm Busch oder Aphorismen von Albert Einstein – es darf also auch ruhig geschmunzelt werden. Dokumente wie eine Heiratsurkunde aus dem Jahr 1854 stehen außerdem genauso auf dem Plan wie Entlassungsurkunden. Solche Texte sind historisch sehr interessant, weil sie Einblicke in die damalige Zeit erlauben. Warum belassen Sie es nicht beim Lesenlernen, wieso auch noch schreiben? Wenn man eine Schrift oder Sprache schreiben kann, bleibt viel mehr hängen, und noch dazu länger. Ein gewisser Stolz auf das Gelernte gehört auch dazu und bringt Motivation. Nach den Kursen bekomme ich sogar immer wieder von den Teilnehmern selbst in Sütterlin verfasste Briefe. Das freut mich sehr – so weiß ich, dass ich mit meinem Kurs wieder jemanden begeistert habe für dieses Kulturgut. Info Der Kurs mit insgesamt sechs Einheiten findet bei genügend Interessenten ab dem 7. November immer montags von 18 bis 19.30 Uhr im Leininger-Gymnasium statt. Kosten: 31 Euro. Anmeldung bei der VHS Grünstadt, Telefon 06359/9297235, oder online unter www.kvhs-duew.de. Im Februar ist auch in Bad Dürkheim wieder ein Kurs geplant. | Interview: Kym Schober |kcs