Lautersheim RHEINPFALZ Plus Artikel Severin Günther: Neunjähriger Organist begleitet Gottesdienste

Begleitet jeden Gottesdienst in der evangelischen Kirche in Lautersheim an der Orgel: der neunjährige Severin Günther.
Begleitet jeden Gottesdienst in der evangelischen Kirche in Lautersheim an der Orgel: der neunjährige Severin Günther.

Meist bekommen es die Kirchenbesucher nicht mit. Aber wenn sie sähen, wer ihren Gottesdienst an der Orgel begleitet, würden sie sich vermutlich die Augen reiben. Denn an dem Instrument auf der Empore sitzt Severin Günther, ein neunjähriger Lautersheimer. Und er spielt wie ein Großer.

Als Bezirkskantor Martin Reitzig im September 2020 zum 150. Geburtstag der Walcker-Orgel ein Konzert in der protestantischen Kirche in Lautersheim gab, ist Severin zu ihm auf die Empore gegangen und hat ihn gebeten, auch mal spielen zu dürfen. „Danach hat Herr Reitzig mich gefragt, ob ich Unterricht bei ihm nehmen wolle“, erzählt der Neunjährige. Im Oktober ging es dann los. Seither ist es um den Jungen, der nach den Sommerferien aufs Nordpfalz-Gymnasium gehen wird, geschehen. Ins Abschluss-Buch der vierten Klasse an der Grundschule Göllheim hat er als Berufswunsch „Organist“ eingetragen. Mutter Henny Günther erzählt lachend: „Die Mitschüler haben gefragt, was man da denn organisiere.“

Severin ist auf dem Lautersheimer Gutshof in eine musikalische Familie hineingeboren worden. Der Vater Volker Günther ist Trompeter und verdient seine Brötchen mit Konzerten, als Lehrer an der städtischen Musikschule Mannheim und als Leiter der Wormser Dombläser. Für die anderen Verwandten ist Musik ein wesentlicher Bestandteil der Freizeitbeschäftigung. Die Oma spielt Akkordeon, die Mama im Musikverein Worms-Pfeddersheim Klarinette, die großen Schwestern haben Geige und Klavier gelernt – jeweils ab dem sechsten Lebensjahr. Severin habe sich schon als Vierjähriger aus Neugierde ans Piano gesetzt und „Hänschen klein“ geübt, beschreibt Henny Günther das große Interesse ihres Sohnes.

Seit vier Jahren Klavierunterricht

Mit fünf Jahren habe er dann begonnen, Klavierstunden zu nehmen. Er lernt beim Fachbereichsleiter der Musikschule Leiningerland in Grünstadt, Stefan Merkelbach. Dabei zeigt Severin überdurchschnittliches Engagement. „Er übt viel und stets freiwillig“, betont die Mutter. Während der Shutdowns in der Corona-Krise, als er jede Menge Zeit daheim verbringen musste, weil Sport und Schule ausfielen und Kontaktbeschränkungen das Treffen mit Freunden unterbanden, habe er sich noch intensiver mit dem Tasteninstrument beschäftigt – täglich vier, fünf Stunden lang.

„Als Bernhard Vanecek, ein Freund von uns, mal vorbeikam und den Türkischen Marsch spielte, wollte Severin diese Mozart-Komposition auch unbedingt können“, so Henny Günther. Ihr Ehemann habe die Noten besorgt und Severin habe geübt und geübt und geübt. Noch im Schlafanzug setzt er sich vor der Schule – egal, ob Präsenzunterricht oder Homeschooling – an eines der Klaviere oder E-Pianos, die überall im Hof verteilt sind. „Jeden Morgen gibt es bei uns 15 Minuten Hausmusik, die Großmutter singt dazu und die kleine Nichte, die gerade ein Jahr alt ist, steht mit der Rassel dabei“, beschreibt Günther ein Ritual. Fährt die Familie in den Urlaub, wird für Severin ein elektrisches Klavier eingepackt, so wie der Vater oft eine Trompete mitnimmt.

Seit Pfingsten Organist beim Gottesdienst

Den ersten Gottesdienst, der wegen der Pandemie unter freiem Himmel im elterlichen Gutshof stattfand, hat der Neunjährige am Zweiten Weihnachtsfeiertag auf dem E-Piano begleitet. Seit April spielt der Schüler das elektronische Klavier in der katholischen Kirche seines Heimatortes. An der Orgel des protestantischen Sakralbaus saß Severin erstmals an Pfingsten, seither ist er dort der Organist bei jedem Gottesdienst, die alle 14 Tage stattfinden. Im Juni gab er einer Vorabendmesse in der katholischen Kirche Göllheim den musikalischen Rahmen. „Da kam er endlich an die Pedale“, erzählt Günther, dass ihrem Sohn mitunter ein paar Zentimeter Körpergröße fehlen, um dem Pfeifen-Instrument die richtigen Töne zu entlocken. Um das obere Manual zu erreichen, müsse er sich richtig strecken.

Die Pfarrer hätten alle großes Vertrauen in Severin, berichtet die Mutter. Jederzeit könne er in die Kirchen hinein und üben. Er habe auch ein Mitspracherecht bei den Stücken fürs Orgelvor- und -nachspiel sowie die Choräle. „Moderne Lieder hasse ich und Rap ist keine Musik“, macht der Schüler klar. „Hallelujah“ von Leonard Cohen war für ihn gerade noch so okay, „aber ich spiele lieber Bach“, so Severin, der sehr gern Youtube-Videos über Orgeln und Cembalos schaut. Was ihn an der „Königin der Instrumente“ so fasziniert? „Dass sie Pedale und Register hat und ich so mit einer Taste drei Stimmen erzeugen kann“, erklärt der Neunjährige, der sogleich anfügt: „Manche Register ziehe ich aber nicht, weil sie schrecklich klingen oder für die kleine Kirche zu laut sind.“ Richtig begeistert habe ihn die Oberlinger-Orgel im Musikinstrumentenmuseum in Windesheim, auf der er bei einem Ausstellungsbesuch spielen durfte.

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