Grünstadt Schön, aber verlassen

Unheimliche Geschichte: Birgitta Assheuer und Hedayat Jonas Djeddikar erzählt in Wort und Musik die schaurige Geschichte vom ein
Unheimliche Geschichte: Birgitta Assheuer und Hedayat Jonas Djeddikar erzählt in Wort und Musik die schaurige Geschichte vom einsamen Mönch.
Zu Beginn: ein Melodram – etwas, was für viele Hörer merkbar überraschend kam. Ein romantisches Schauergedicht – mit uraltem Turm, Ritter und einsamem Mönch – von Nikolaus Lenau erklang, von Birgitta Assheuer – sie war knapp vor dem Konzert für einen erkrankten Kollegen eingesprungen – gekonnt vorgetragen. So recht beim Publikum kam der „Traurige Mönch“ aber nicht an: Die Geschichte ist kompliziert, Assheuer trug sie recht rasch vor, der Lautsprecher unterlegte den Text mit viel Hall. Nun war das Gedicht nicht nur Gedicht, sondern von Franz Liszt (1811-83) zum Melodram erweitert. Das ist eine Gattung, die sich außer im amerikanischen Spielfilm nie so recht durchsetzte: Gesprochenes Wort, von Musik begleitet, verdeutlicht, ausgedeutet. Liszts farbenreiche, expressive Zwischenspiele waren in ihrem Stimmungsgehalt unmittelbar verständlich. Hedayat Jonas Djeddikar trug sie mit der nötigen Fingerfertigkeit klar, verständlich und mit Glanz vor. Birgitta Assheuers Vortrag wusste zu gefallen: Sie sprach die eigenartig verblassten Texte Lenaus und später auch Tiecks mit einfühlsamer Zärtlichkeit und Sorgfalt im Detail, aber durchaus auch mit einer gewissen Distanz. Denn was sollte man von der „Schönen Magelone“ halten, einem Liederzyklus mit Prosatext von Ludwig Tieck, komponiert von Johannes Brahms? Das sind aber beileibe nicht die einzigen Autoren. Die „schöne Magelone“ ist die 1527 von Veit Warbeck, einem Schüler Luthers, geschriebene deutsche Übersetzung eines knapp 100 Jahre älteren anonymen französischen Textes. Der märchenhafte Ritterstoff ist wahrscheinlich älter. 1535 erstmals verlegt, war das Buch über drei Jahrhunderte als in billigen Drucken verbreitete Volkslektüre verbreitet. Das 19. Jahrhundert rechnete es wie die Geschichten der Schildbürger, den Till Eulenspiegel und die Historia vom Doktor Faust zu den „deutschen Volksbüchern“, die die Romantiker nach dem Vorbild Goethes wieder aufgriffen. Ludwig Tieck, einer der schlechtesten dieser Literaten, straffte und glättete den Text des Volksbuchs hin zu stereotypester Süßlichkeit und bereicherte die Kapitel durch Gesänge der handelnden Personen, hauptsächlich des provenzalischen Grafensohns Peter. Der war von Natur aus der bei weitem schönste aller jungen Männer und warf überdies im Turnier sämtliche Gegner im Dutzend aus dem Sattel, ohne Ermüdung zu zeigen. Peter hätte nun in Ruhe abwarten können, bis er das wohlbestellte Reich seiner Eltern erbt, aber er ein fahrender Sänger impft ihm mit dem Gedanken, er müsse hinaus in die Welt. Gesagt, getan. Zu Neapel verliebt er sich in die Königstochter Magelona, natürlich das schönste, klügste und tugendhafteste weibliche Geschöpf, das erdacht werden kann. Peter hat sich in den Kopf gesetzt, nicht zu verraten, wer er ist. Stattdessen brennt er mit Magelone durch. Man ruht von den Strapazen der Flucht am Meer – und dann quält Tieck uns, wie so häufig, mit einem seiner unverständliche Worte. Ein böser Rabe raubt nämlich den „Zindel“, den die schlafende Magelone an der Brust getragen. Was immer das ist, Peter muss ihn wiederhaben und folgt dem bösen Vogel im modrigen Kahn aufs Meers (der Kommentat zu einer verdienstvollen Ausgabe des Volksbuchs informiert darüber, dass es sich um ein rotes Stück Stoff, eine Art Taft handelt) und wird dort von Seeräubern gefangen. Die schöne Magelone indes erwacht, zweifelt einen Moment lang an ihrem Peter, ersieht dann aber klug an dessen unbeirrt grasendem Pferd, dass er nicht durchgebrannt, sondern einem geheimnisvollen Schicksal erlegen sein muss. Und sie begibt sich – noch klüger – zielgenau an jene Stelle, an der Peter Jahre später – nach allerlei nutzlosen Abenteuern mit dem Sultan und seiner schönen Tochter, die Peter wegen seiner Schönheit ebenfalls liebgewinnen – schiffbrüchig strandet. Happy End. Tieck schildert die bei alledem entstehenden Seelenregungen so wortreich und ohne jedes Geheimnis, dass schon der Leser manche Zeile entbehren möchte. Was sollte Musik dem hinzufügen können? Und so komponierte Johannes Brahms gekonnte und kunstreiche, aber kaum tiefer anrührende Liedchen, die der Bariton Georg Gädker, optisch ein rechter David Garrett, mit kräftig-sonorer, wohlklingender Stimme vorzutragen weiß. Nur manchmal nimmt er es mit der Tonhöhe verschiedener Durchgangsnoten nicht sonderlich genau. Und an wenigen Stellen droht ihn die ansonsten tadellose Klavierbegleitung Djeddikars zu übertönen. Fazit: Eine durchaus interessante Begegnung mit wenig bekanntem Romantischen, das die Gattungsgrenzen überwinden will, die die Zuhörer aber kaum zu glühenden Anhängern beider Werke gemacht haben dürfte.