Grünstadt Reizende Resterampe

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Frankenthal rühmt sich gerne seiner Geschichte als Fabrikenstadt. Bei Rheinkilometer 432,8 ist im Flussbett allerdings ein weniger ruhmreiches Kapitel pfälzischer Industriegeschichte zu besichtigen – zumindest bei starkem Niedrigwasser: eine Kalkschlammhalde aus den 40er- und 50er-Jahren. Entdeckt wurde sie 2003. Jetzt kümmert sich die BASF darum, die Altlasten zu sichern.

Im Grunde ist es purer Zufall, als eine Streife der Wasserschutzpolizei Ludwigshafen am 29. August 2003 nördlich der Autobahnbrücke über den Rhein „eine Blaufärbung im Uferbereich“ erspäht und sie der Stadtverwaltung Frankenthal meldet. Der Fluss führt nach einem Rekordhitzesommer extremes Niedrigwasser. Und aus seinen Fluten taucht erstmals, wie die BASF und die beteiligten Behörden behaupten, ein Stück industrielles Erbe der unangenehmeren Sorte auf: Kalkschlamm – offenbar aus alten Absetzbecken in den Strom gelangt.Öffentlich bekannt ist dieser Umstand freilich erst seit der Sitzung des Planungs- und Umweltausschusses am 21. März (wir berichteten). Dort erläuterte ein Vertreter der Struktur- und Genehmigungsdirektion (SGD) Süd dem Gremium, was in den 1940er- und 1950er-Jahren auf Frankenthaler Gemarkung passiert ist und wie die BASF das von ihr verursachte Problem zu lösen gedenkt (siehe „Zur Sache“). Zwischen der Entdeckung der Ablagerung und ihrer nun geplanten Sicherung sind fast anderthalb Jahrzehnte vergangen – offenbar ohne größere Aktivitäten seitens des Ludwigshafener Chemiekonzerns: Im Jahr der Entdeckung habe die BASF auf den damals erkennbaren Teil der Halde Boden und Steine werfen lassen, informiert eine SGD-Sprecherin. Die Strömung des Rheins und vom Schiffsverkehr ausgelöste Wasserbewegungen haben den Grund aber wieder weggespült. In der folgenden Zeit – nämlich 2005, 2009, 2011, 2015 und 2017 – beschränkte sich das Unternehmen nach eigenen Angaben im wesentlichen darauf, die während der Niedrigwasser in diesen Jahren für ein bis zwei Wochen trocken gefallene Fläche von Wachleuten beaufsichtigen zu lassen. Näher untersucht wurde die Ablagerung erst acht Jahre nach ihrem Auffinden. Dass es bis zu einer „geophysikalischen Erkundung“ so lange dauert, hat einen natürlichen Grund, wie eine BASF-Sprecherin beteuert: „Erst 2011 war der Wasserstand im Rhein so niedrig, dass eine vollständige Vermessung möglich war.“ Wie gefährlich für Mensch und Umwelt aber ist der in den Rhein geflossene Industrieabfall? Diese Frage beantworten das Unternehmen und die beteiligten Behörden unterschiedlich. Laut BASF ist „die Gefährlichkeit des Kalkmaterials als gering bis mäßig einzuschätzen“. Die Konzernsprecherin erläutert anhand eines Beispiels: „Das Material hat eine ähnliche Zusammensetzung wie der Kalk, den man als Baustoff (Verputz) im Baumarkt kaufen kann.“ Direkter Kontakt könne Hautreizungen und Augenschädigungen zur Folge haben. Etwas weniger volkstümlich fällt die Antwort der SGD-Sprecherin aus. Calciumhydroxid – besser bekannt als gelöschter Kalk – schlummere unter der verkrusteten Oberfläche im Rhein. Sein pH-Wert liege bei 12,5 Prozent, der Stoff ist also stark bis sehr stark basisch. Die Gefahrenstoffverordnung stufe gelöschten Kalk als „reizend“ ein. Werde der Kalkschlamm freigesetzt, sei er für Fische giftig, hatte ein Vertreter der Behörde mit Sitz in Neustadt den Mitgliedern des Planungs- und Umweltausschusses referiert. Bleibt die letztlich entscheidende Frage: Warum hat es 14 Jahre gedauert, bis die Öffentlichkeit von den Ablagerungen bei Rheinkilometer 432,8 erfährt? Die BASF-Version: „Das Betreten des Flussbetts bei Niedrigwasser ist als solches gefährlich, da das Bugwasser der Schiffe Fußgänger gefährdet. Fußgänger meiden daher in aller Regel diesen Bereich.“ Insofern sei der Sicherheitsdienst bei niedrigen Pegelständen nur für den Fall eingesetzt gewesen, „um Fußgänger, die eventuell trotzdem das Flussbett betreten wollen, zu informieren“. Die Struktur- und Genehmigungsdirektion zieht sich darauf zurück, „nur als Fachbehörde“ eingebunden gewesen zu sein. Deshalb könne man dazu „keine Aussage treffen“.

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