Grünstadt Quietschende Züge nerven Anwohner

Grünstadt: Das Ehepaar Berzel ist genervt: Seit über einem halben Jahr „kreischen“ die neuen Züge bei der Einfahrt in den Bahnhof. Die hohen Ton-Frequenzen verleiden Bewohnern höherer Etagen im Bitzenstraße-Hochhaus den Aufenthalt auf dem Balkon. Eine Überprüfung der Fahrzeuge hat nach Angaben der DB Regio jedoch „keine Unregelmäßigkeiten ergeben“.
„Die Experten der Bahn sollten mal auf den Balkons ab der dritten Etage aufwärts den Lärm messen, den die neuen Züge seit über einem halben Jahr verursachen. Draußen frühstücken, lesen oder grillen macht angesichts des zigmal am Tag, regelrecht ins Gehirn gehenden Quietschens jedenfalls keinen richtigen Spaß mehr.“ Der Rentner Dieter Berzel will die schrillen Quietschgeräusche bei der Einfahrt der Züge in den Grünstadter Bahnhof nicht einfach so hinnehmen. Zumal auch an ein regelmäßigen Ausschlafen nicht mehr zu denken sei: „Einen Wecker brauch’ ich nicht mehr. Denn jeden Tag um 4.30 Uhr ,kreischt’ unüberhörbar der erste Zug.“ Ehefrau Veronika schüttelt kurz den Kopf: „Das Quietschen in diesen unglaublich hohen Frequenzen nervt mich zwar tagsüber, aber morgens kann ich ausschlafen – ich geh’ ja mit Ohrstöpseln ins Bett.“ Um mal ein Meinungsbild der anderen Bewohner des achtstöckigen Mietblocks zu erhalten, hat Berzel einen Tag lang eine Unterschriftenliste im Eingang ausgehängt. Ruckzuck hatten sich zehn Familien eingetragen als „mitleidende Anwohner, die die Lärmgeräusche der neuen Regionalzüge stören“. Offensichtlich ist das Quietschen in den unteren Stockwerken nicht so laut, denn unterschrieben haben nur Bewohner ab der dritten Etage. Ein Mieter hatte auf den Zettel geschrieben „Wer war zuerst da?“ Berzel: „Natürlich waren die Gleise und der Bahnhof zuerst da. Es dreht sich ja auch nicht um die normalen Bahngeräusche, sondern nur um dieses schrille Quietschen. Früher quietschten die Züge nur bei großer Hitze, aber die neuen zu jeder Zeit. Ich versteh’ nicht, dass in unserer hoch technisierten Zeit bei einem neu entwickelten Zug Metall auf Metall reibt – auch hinsichtlich des Verschleißes.“ Nachdem sich auch schon Freinsheimer Bürger über die neuen lauten Züge der Regionalbahn beschwert haben, will Berzel nun den Kreis der Beschwerdeführer erweitern. Eine Sprecherin des rheinland-pfälzischen Wirtschafts- und Verkehrsministeriums teilte auf Anfrage der RHEINPFALZ mit, dass bei der den Freinsheimern zugesagten Besichtigung der Fahrzeuge durch Vertreter des Landes und dem Eisenbahn-Bundesamt „keine optisch sichtbaren wesentlichen Auffälligkeiten festgestellt“ worden seien. Nach Angaben der DB Regio AG hätten auch Schallmessungen keine Überschreitung der einzuhaltenden Grenzwerte ergeben. Die Reibelemente der Bremsscheiben hätten sich nun eingeschliffen, die Triebfahrzeugführer seien zudem zu einem anderen Bremsverhalten angehalten worden, so dass sich die Lärmsituation verbessert habe: „Hierzu trägt auch bei, dass die Triebfahrzeugführer, wenn immer möglich, bei längerem Stillstand die Motoren der Fahrzeuge abstellen.“ Zu den von Berzel konkret bemängelten Quietschgeräuschen in Gleisbögen in Bahnhöfen wie in Freinsheim und Grünstadt hat die DB Regio AG mitgeteilt, dass es hierzu mehrfach Ortsbesichtigungen gegeben habe. Eine Überprüfung der Spurkranzschmierungen der Fahrzeuge habe keine Unregelmäßigkeiten ergeben. Im Juli seien überdies Akustikmessungen von der DB Systemtechnik durchgeführt worden; deren Auswertung liegt aber noch nicht vor. Die DB Regio habe dem Land gegenüber zugesichert, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um die Lärmbelästigungen aus Bremsen und Kurvenfahrt auf ein vertretbares Maß zu begrenzen, betonte die Ministeriums-Sprecherin. Berzel schöpft aus den Aussagen aus dem Verkehrsministerium und der DB Regio wenig Hoffnung. So habe er zum Beispiel als regelmäßiger Zugfahrer selbst feststellen müssen, dass innerhalb des Zuges das Quietschen kaum zu hören sei. Das mache deutlich, wie wichtig allein der Ort der Akustikmessungen ist. Der Grünstadter setzt eher auf die Unterstützung durch die Kommunalpolitik und vor allem auf öffentlichen Druck. Er hat nämlich keine Lust mehr, im Sommer auf Regen zu hoffen – denn auf nassen Gleisen „kreischen“ die neuen Regionalzüge kaum einmal.