Kolumne „Leininger Nachlese“
„Old Knackers“: 20 Jahre Männerfreundschaft unter englischen und Ebertsheimer Fußballern
Als Fußball-Legende Franz Beckenbauer im Jahr 1966 mit dem Schlager „Gute Freunde kann niemand trennen“ echte Männerfreundschaften besang, hatte er – wie damals ganz Fußball-Deutschland – garantiert keine Engländer im Sinn. Schließlich hatte die deutsche Fußballnationalelf gerade das WM-Finale mit 4:2 gegen England verloren und das umstrittene Wembley-Tor kassiert. Nein, deutsch-britische Freundschaften waren damals ein „No go“.
Der „TSV-Engländer“
58 Jahre später ist das komplett anders, zumindest in Ebertsheim. Wenn der jüngst verstorbene Beckenbauer an diesem Samstag zum TSV kommen könnte, würde er sein Lied über Männerfreundschaften sicherlich voller Inbrunst schmettern – Arm in Arm mit Engländern und gemeinsam mit vielen Ebertsheimer Alt-Fußballern. Denn die praktizieren Männerfreundschaft mit Engländern seit genau 20 Jahren.
Zu verdanken ist die langlebige Freundschaft dem „TSV-Engländer“ Greg Cripps, in Ebertsheim nur als Blonder Hans bekannt. Der aus Uttoxeter bei Birmingham stammende Cripps war Ende der 90er-Jahre zur BASF gekommen – und über „Aniliner“ Thomas Mattern bald darauf zum TSV Ebertsheim. Dort schnürte damals der heutige Lautersheimer Ortschef Mattern die Fußballschuhe im A-Klasse-Team des TSV. Da auch der Cripps-Kumpel „Gonzo“ dazustieß, bereicherten fortan zwei Briten nicht nur das Spiel der Ebertsheimer Aktiven (und später der AH) um die typisch englische Zweikampf- und Kopfballstärke. Auch beim Engagement für den Verein und – sagen wir mal – Ausdauer und Kreativität abseits des Rasens war der Blonde Hans immer ganz vorne dabei.
Nur noch mit Zylinder bekleidet
Vielen, auch dem damals amtierenden Ortsbürgermeister, im Gedächtnis geblieben ist etwa sein Auftritt (mit „Gonzo“ und „Bonsai“) bei der Ebertsheimer Prunksitzung Anfang der 2000er-Jahre. Da trugen die Drei, frei nach dem Motto der britischen Komödie „Ganz oder gar nicht“, auf der Bühne zuletzt nur noch einen Zylinder ... Unvergesslich auch, wenn sich das Karaoke-Gen vom Blonden Hans zu später Stunde meldete und er beim Kerwetanz einen täuschend echten Joe Cocker oder Robbie Williams am Mikrophon gab. Neben solch publikumswirksamen Aktionen war Cripps sofort dabei, wenn mal der zweiten Mannschaft der elfte Mann fehlte.
Kein Wunder also, dass der damalige TSV-Vorsitzende Raimund Diemer den „Blonden Hans Dampf in allen Gassen“ nicht ganz so einfach ziehen lassen wollte, als er im Jahr 2003 in seine britische Heimat zurückgekehrt ist. Allerdings: Viel Überredungskunst hat es für ein baldiges Wiedersehen in Ebertsheim auch nicht gebraucht. Der blonde Hans versprach, im August 2004 mit einem englischen Team am traditionellen AH-Turnier in Ebertsheim teilzunehmen. Und das, obwohl es auf der Insel gar keinen Spielbetrieb für AH-Mannschaften gab. In England bedeutete das Aus im Aktienteam automatisch das endgültige Ende der Fußballerkarriere.
Eine von 16 Mannschaften
Sein englisches Team musste Cripps also selbst zusammenstellen. Dazu trommelte er – weltweit – ehemalige Schulkameraden und Studenten, Kollegen, Mitspieler aus seiner Fußballjugend und aktuelle Kumpels zusammen. Und so hat der Gentleman Wort gehalten und 2004 auch gleich den kompletten Trip über den Teich organisiert: Die bunt zusammengewürfelte Truppe trat als „English Old Knackers“ (E.O.K.) im August als eine von 16 Mannschaften beim Kleinfeldturnier in Ebertsheim an. Klar, dass nach dem Turnier auch das Wiedersehen mit dem Blonden Hans und Gonzo ausgiebig gefeiert werden musste: mit Live-Musik – inklusive Karaoke-Einsätzen – und Sommernachtsfest.
Dieses Grundprinzip, „Fußball und Feiern“, gilt auch noch 20 Jahre nach der E.O.K-Premiere. Zwar kriegt man heutzutage längst keine 16 AH-Teams mehr für ein Turnier zusammen, das „Länderspiel“ der Ebertsheimer gegen die britischen Freunde jedoch findet statt: jedes Jahr am zweiten August-Wochenende in Ebertsheim, Deutschland, alle zwei Jahre im Mai dann das Rückspiel bei den Gegenbesuchen in Uttoxeter, England.
Schicksalsschläge schweißen zusammen
Das konnten bislang weder Corona-Pandemie noch Brexit verhindern. Und auch nicht die frühen Schicksalsschläge, die die deutsch-englische Freundschaft hinnehmen musste. Vermutlich haben die eher noch zusammengeschweißt. Zunächst starb 2007 der Mitinitiator der deutsch-britischen Freundschaft und jahrzehntelange TSV-Vorsitzende, Raimund Diemer – von den Briten nur Mister P(resident) genannt. Und zwei Jahre später der EOK-Gründer himself: Der Blonde Hans wurde nur 38 Jahre alt.
Diemers und Cripps’ wird seither – wie auch des verstorbenen Mister G und Yurgi – mit Sternen auf Trikots und Gastgeschenken gedacht. Doch nicht nur deswegen sind die beiden auch heute noch immer bei den Treffen dabei. So sind die Besuche an den Gräbern der früheren Freunde – inklusive einem Schluck Whiskey – für die Männer absolute Ehrensache. Außerdem erinnern Fotos im Ebertsheimer Vereinsheim an die beiden „Freundschaft-Macher“. Und wenn beim Sommernachtsfest alle gemeinsam „You’ll Never Walk Alone“ schmettern, dann sind sie auch irgendwie dabei.
Kaiser Franz mag’s verzeihen
Übrigens: Beckenbauers Lied wurde dort noch nie gesungen. Obwohl der Refrain die Ebertsheim-Englische Freundschaft durchaus passend beschreibt: Nach dem „Gute Freunde kann niemand trennen“ folgt die zweite Zeile mit „gute Freunde sind nie allein“. So weit ist das inhaltlich ja nicht weg von „You’ll Never Walk Alone“. Aber Kaiser Franz mag’s verzeihen: Sein Schlager würde beim samstäglichen Sommernachtsfest in Ebertsheim wirklich nur inhaltlich passen.