Grünstadt Noch ein „Merse “mit Legenden-Potenzial

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Beim Betreten der Wohnung des jungen „Merse“ weist nichts auf eine typische Junggesellenbude hin: nirgends ölige Pizza-Pappschachteln, leere Bierkästen oder überquellende Aschenbecher. Ist das tatsächlich der Haushalt eines 25-jährigen Singles? Ist er. Man muss nur genauer hinsehen: Die Nebenzimmer sind zugestellt – nicht nur mit fünf unzerlegten Fahrrädern, sondern auch mit zahllosen Ersatzteilen und anderem Radlerzubehör. Im stilvollen Wohnzimmer ist beim Blick hinter die Couch eine Langhantel zu sehen: in Reichweite für den täglichen Couch-Nutzer. Auf dem Tisch liegt neben dem unbenutzten Fernsehmagazin ein aufgeschlagenes Buch. Mark Cavendish steht auf dem Einband. Bei dem Namen blitzen die Augen des Neuleininger Hausherren auf. Denn Ex-Weltmeister Cavendish quält sich für die selbe Leidenschaft wie „Merse“: Radrennfahren. Diesen Vergleich würde der 1,87 Meter große und 77 Kilogramm schwere Modellathlet aus Neuleiningen sicher zurückweisen. Schließlich verdient der bescheidene Steuerfachangestellte im Gegensatz zu Vollprofi Cavendish mit dem Radrennsport nur „ein kleines Zubrot“ zum Lebensunterhalt. Im vorigen Jahr war’s etwas mehr: Im Team Stradalli bike aid war Merseburg in der Elite-KT-Klasse, der dritthöchsten Radrenn-Klasse, als Jungprofi weltweit bei so vielen Rundfahrten und Rennen im Sattel wie noch nie zuvor. Wegen des enormen Zeitaufwandes für seine Rad-Leidenschaft hat Merseburg in Absprache mit seinem Chef die Anzahl der Arbeitstunden verringern müssen. Die sechs Wochen Urlaub, die der Neuleininger normalerweise in seinen Sport investieren kann, haben 2016 nicht ausgereicht. Denn neben der üblichen Trainingslager in Mallorca standen diverse Rennen vom Donnersberg über Schifferstadt und Köln bis Belgien oder Wales an. Und als Höhepunkte das Mannschaftszeitfahren mit seinem Team Stradalli-BikeAid in Katar, eine 20-tägige Tour durch China und eine knapp zweiwöchige Rundfahrt in Eritrea. Abseits des Velodroms war das Radsport-verrückte afrikanische Land Merseburgs ganz persönlicher Höhepunkt: „Die Menschen dort sind Wahnsinn. Sie haben mich schon auf der Straße erkannt, immer freundlich begrüßt und trotz der großen Armut zum Essen oder Trinken einladen wollen. Das war eine tolle Erfahrung – auch als Mensch.“ Dass er zwölf Tage lang mit seinem Rad auf 1400 Kilometern Sonne, Sand und Buckelpisten getrotzt hat, gerät da fast in den Hintergrund. Aber nur fast. Denn ohne seinen enormen Ehrgeiz wär’ der 25-Jährige nicht so erfolgreich. Unzählige Platzierungen unter den Top Ten in den vergangenen Jahren zeugen davon: meist auf Kopfsteinpflaster, Sprintstrecken oder lange Rennen mit nicht so großen Steigungen. Übrigens: Der 17. Platz bei der WM in Katar steht bei der Erfolgs-Auflistung auf seiner Internet-Seite nur unter ferner liefen. In diesem Jahr ist Merseburg wieder zu seinem „alten“ Team Erdinger Alkoholfrei Silber Pils Bellheim zurückgekehrt. Der Zeitaufwand bei den Profis war doch enorm. Auch weht unter den Sportlern ein etwas rauerer Wind. Trotzdem will „Merse“ die Profi-Erfahrungen nicht missen. Davon zehrt er auch in der Saison 2017, wenn er wieder bei den Amateuren in die Pedale tritt. Immerhin startet er dort erneut in der höchsten Klasse. „In diesem Jahr werden es aber nicht mehr die im Jahr zuvor als Jungprofi zurückgelegten gut 22.000 Kilometer, die ich im Sattel sitze“, trauert Merseburg seiner Entscheidung in dieser Hinsicht doch etwas nach. Nein, werden es nicht. Nach den bislang gut 7000 Trainingskilometern kommt er 2017 wohl „nur“ knapp an die 20.000 Kilometer-Grenze. Und das sind nur die auf dem Fahrrad. Denn im Winter hält sich der Positiv-Sportverrückte mit Langlauf fit. Auf die Frage, wie lange ein Langlauf bei ihm ist, antwortet er beiläufig: „So 30 Kilometer. Wenn ich bei meinem Kumpel in Hessen bin, werden’s auch mal 50 Kilometer.“ Wie seine Wohnung schon mutmaßen ließ: „De Merse“ ist kein normaler Single-Mann. Noch Beispiele gefällig? Zu seinen Lieblingsessen zählt er allerlei Gemüse, Fisch und Obst, zu seinen Lieblingsgetränken Mineralwasser, Apfelschorle und Tee. Das unterscheidet ihn auf jeden Fall mal von allen anderen Legenden im weinseligen Neuleiningen. Das Potenzial zur Legende aber hat auch der „junge Merse“. Zumal, wenn er sich irgendwann einmal seinen Lebenstraum erfüllen kann: die Teilnahme an einem Ironman. Beim Königs-Triathlon stehen zunächst 3,86 Kilometer Schwimmen an, dann 180,2 Kilometer Radfahren und abschließend ein Marathonlauf über 42,195 Kilometer. Wer nach den bislang beschriebenen Leistungen Zweifel bei der Auftaktdisziplin haben sollte, dem sei gesagt, dass der ganz junge „Merse“ – bevor er bei der E-Jugend des TSV Neuleiningen im Fußballtor stand – mit den Grünstadter Delphinen äußerst erfolgreich an Schwimmwettkämpfen teilgenommen hat. Die unterschiedlichen Schwimmstile hat er heute noch drauf: Das Potenzial ist also da. Doch vor dem großen Ironman-Traum sollen erst noch einige Radrenn-Pokale in seiner Wohnung landen. Und mehr als nur eine Tür mit Zeitungsartikeln über Dominik Merseburg zugeklebt sein. Mit dem Sieg seines Teams bei der dritten Etappe auf der fünftägigen Polen-Rundfahrt vorige Woche ist wieder ein Bericht dazu gekommen. Nächste Herausforderungen sind an Pfingsten die Rennen im nordrhein-westfälischen Steinfurt und Oberhausen sowie im saarländischen Oberbexbach, am 10. und 11. Juni in Hatzenbühl, am 13. Juni in Schifferstadt, am 14. Juni in Gelsenkirchen und 15. Juni in Frankfurt-Sossenheim. Merseburgs Chancen für vordere Plätze sind nicht schlecht. Und Freiflächen für weitere Pokale, Urkunden oder Zeitungsartikel würde „Merse“ in seinen Zimmern garantiert auch noch finden. Schließlich hat er ja eine Junggesellenwohnung.

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