Grünstadt
Neues aus der Schatzkiste
In seiner 29. Saison hat sich der Kirchheimer Konzertwinter die Überschrift „Unerhört“ gegeben. Was sich hinter diesem doppelbödigen Titel verbirgt, haben wir Dominik Wörner, den künstlerischen Leiter der Konzertreihe gefragt. Die neue Spielzeit startet am 20. Oktober.
Kobe, Tokyo, Grünstadt. Als sich Dominik Wörner mit der RHEINPFALZ in einem Café zum Gespräch trifft, hat der Künstlerische Leiter des Kirchheimer Konzertwinters mal wieder eine große Reise hinter sich. Er war in Japan. Eine Woche. Der Bassbariton hat kleine und große Konzerthäuser bespielt, ist gefragt im Bach-begeisterten Land der aufgehenden Sonne. Er war in diesem Jahr schon zum sechsten Mal dort. Ob man da hinsichtlich seines CO2-Fußabdrucks ein bisschen ins Schwitzen gerät? „Man beschäftigt sich natürlich damit. Ich achte im Alltag schon sehr darauf, bin zum Beispiel überzeugter Bahnfahrer. Die Flüge reißen mich da aber rein. Wahrscheinlich müsste ich als Ausgleich irgendwie mindestens einen Baum pflanzen oder so“, überlegt Wörner und schiebt augenzwinkernd hinterher: „Nach Japan segeln kann ich ja leider nicht.“
Tatsächlich mache man sich aber natürlich auch als Künstler seine Gedanken zum Klimaschutz – auch im Fernen Osten stehe das Thema auf der Tagesordnung. „Die Japaner gehen damit aber anders um. Die Diskussion wird dort nicht so aggressiv, so hitzig wie hier geführt – das ist zumindest meine Wahrnehmung“, sagt Wörner. Vielleicht liege das auch daran, dass der Japaner im Umgang mit Naturkatastrophen ja schon so seine Erfahrungen habe. „Ich erinnere mich, als ich mal zu Zeiten eines heftigen Taifuns dort drüben war, der auch einige Bäume geknickt hatte. Ich hatte da schon großen Respekt vor dieser Situation, das Konzert ist aber deswegen trotzdem nicht ausgefallen, alle um mich herum blieben ausgesprochen ruhig und gelassen“, so Wörner.
Unerhört – oder ungehört?
Nun ist Wörner aber wieder zurück im Lande – und steckt mitten in den letzten Vorbereitungen auf den Konzertwinter, der ja am 20. Oktober schon eröffnet wird. Diesmal lautet das Motto der Konzertreihe: „Unerhört“. Wobei mit diesem Begriff weniger das Rebellische, das Subversive gemeint ist. Vielmehr steht „Unerhört“ hier eigentlich für „Ungehört“. Denn im Fokus dieser Saison stehen viele unbekannte, teils vergessene Künstler und Werke. „Es gibt so vieles, was wir bisher noch nicht gehört oder erhört haben“, sagt Wörner zu dem Pioniergeist, der dieses neue Programm durchweht. So wird in Kirchheim beispielsweise erstmals Musik aus den Archiven von Darmstadt und Uppsala erklingen. „Diese Werke waren lange unediert und nur als Handschrift verfügbar. Wie klingt das? Ziemlich unerhört! Eine spannende Sache“, findet Wörner. Rund 350 Jahre seien diese Stücke wohl nicht mehr gehört worden. Immerhin 260 Jahre fristeten die alten Graupner-Kantaten ein Schattendasein, beim großen Kantatenkonzert holen sie die Konzertwinter-Macher aus der musikalischen Schatzkiste.
Keine Frage: Man will dem Publikum etwas Besonderes bieten. Wenn Wörner so darüber schwärmt, wie er das Unerhörte wieder hörbar machen will, von historischen Klarinetten, Chalumeau, Dulzian, Theorbe und dem Hammerflügel spricht, dann merkt man: Für den Künstlerischen Leiter des Konzertwinters ist das Ganze eine Art Wagnis. Ein Abenteuer, auf das er gerne so viele Menschen wie möglich mitnehmen möchte.
Analoges Crowdfunding
An den Eintrittspreisen dürfte es dabei nicht scheitern. Das sogenannte Kirchheimer Fairplay wird beibehalten. Will heißen: Der Eintritt zu jeweiligen Veranstaltung ist frei. Von den Besuchern werden aber Spenden erbeten. Wie viel man geben möchte, ist dabei jedem selbst überlassen. Wörner: „In der Vergangenheit sind wir damit immer gut gefahren. Viele unserer Zuhörer sind da sehr großzügig.“
Dennoch: So eine ambitionierte Konzertreihe kostet. Und mit Einnahmen aus freiwilligen Spenden lässt sich im Vorfeld nur schwer rechnen. Auch, ob beantragte Zuschüsse bewilligt werden und Sponsoren wieder mitmachen, ist jedes Jahr aufs Neue spannend. Um in Zukunft da zumindest etwas mehr Planungssicherheit zu gewinnen, hat der Freundeskreis des Konzertwinters im Sommer eine Fördermitgliedschaft eingeführt. Das Prinzip ist denkbar einfach: Das Fördermitglied überweist jährlich 150 Euro auf das Vereinskonto. Dafür erhält es exklusive Dankeschöns: etwa eine Einladung zur Orgelvorführung der historischen Mönch/Hartung-Orgel der St. Andreaskirche, eine signierte CD von einem Kantatenkonzert oder Einlass zur moderierten Anspielprobe des Eröffnungskonzertes. Dieser Blick hinter die Kulissen ist, wenn man so will, eine Art analoges Crowdfunding. „Wir sind gespannt, wie das angenommen wird“, sagt Wörner. Auch das: ein Experiment. Ein Wagnis. Wie die ganze Konzertreihe.