KIRCHHEIM
Neuer Kern fürs Turmkreuz
„Das hier ist der erste Einsatz meines neuen 40-Tonner-Schnellfahrkrans“, erzählt Bengel, der den Testlauf unentgeltlich macht. Er sitzt hoch oben im Führerhaus. Am Haken hat er ein 100 Kilogramm schweres Kreuz. Ganz langsam steigt es gen Himmel, wird vorsichtig über das Kirchendach bugsiert bis es auf der anderen, der östlichen Seite vor dem Glockenturm baumelt. Dort wird das Objekt von dem Altriper Metallgestalter und Restaurator Martin Wilperath, der in Höhe der Turmspitze auf einer Arbeitsbühne steht, entgegengenommen. Der im 90-Grad-Winkel abstehende Fuß des an der Kette schwankenden Christussymbols muss nun in die entsprechende Öffnung einer Metallschiene dirigiert werden. Die Schiene hat der Kunstschmied zuvor mit Korrosionsschutz bestrichen und ein Stück weit aus dem Turm herausgezogen.
Das Kreuz wäre herabgefallen
Verwaltungsratsmitglied Christian Messer beobachtet die Aktion. „Wir hatten keine andere Wahl. Das Kreuz war im unteren Bereich verrostet und wäre irgendwann heruntergefallen“, erläutert er. Am 24. März sei es demontiert worden – auch „fer umme“ von Nachbar Bengel, der sich damals dafür einen Kran geliehen hatte. „Die innere Metallkonstruktion des Kreuzes war stark verrostet“, erzählt Wilperath, was er entdeckte, als er die äußere Kupferschicht aufgeschnitten hatte. Beim Entfernen des Kerns fand er in der Mitte des 3,5 Meter hohen und 1,80 Meter breiten Kreuzes ein Ledersäckchen. Das darin liegende Papier war feucht geworden, die mit Tinte geschriebenen Worte verwaschen.
„Wir haben die Nachricht rekonstruiert“, berichtet Messer. Zu entnehmen gewesen sei, dass das Kreuz von den Familien Ludwig Dörr und Johannes Herting angefertigt und am 30. November 1928 am Turm befestigt worden ist. Beteiligt gewesen seien die beiden Handwerksmeister Johannes und Martin Herting aus Kirchheim an der Eck, die Gehilfen Ferdinand aus Rülzheim, Gottfried aus Grünstadt, Ludwig aus Großkarlbach und Martin aus Dackenheim sowie die Lehrlinge Heinrich aus Bobenheim am Berg und Karl aus Tiefenthal. Außer den Namen stand auf dem Zettel noch die Botschaft: „Möge nun das Kreuz unseres Glaubens noch viele Hunderte Jahre in das Land schauen und jeden Bewohner daran erinnern, dass in diesem Gebäude Gott, der Herr ist, seine Wohnung darin bezogen hat.“
Kupferhülle mit Einschusslöchern
Das Gotteshaus ist 1929 als Kirche St. Johannes der Täufer geweiht worden. Bevor der Bau mit Spenden und viel Eigenleistung errichtet war, sind die Kirchheimer Katholiken zur Andacht zu Fuß nach Neuleiningen oder Großkarlbach gelaufen, gibt Messer Einblicke in die Geschichte. Sich in die protestantische Andreaskirche zu begeben, die schon seit dem ersten Quartal des 16. Jahrhunderts im Ort steht und sogar Teile ihrer Vorgängerin aus dem 13. Jahrhundert aufweist, sei damals undenkbar gewesen, so der Senior und weist auf ein Alleinstellungsmerkmal des katholischen Sakralbaus hin: die Quetschfugen. „Die sind in der Diözese einmalig“, sagt Messer. Ursprünglich habe er gedacht, der Maurer habe vergessen, den zwischen den bis zu einem Meter dicken Bruchsteinen herausquellenden Mörtel sauber abzustreichen. Aber diese Fugen seien nach Auskunft der Denkmalschützer gewollt, „und sie erzeugen interessante Schatteneffekte, wenn die Fassade nachts angestrahlt wird“, so Messer.
Eine Besonderheit ist auch die sehr moderne Art des Kreuzes. „Vor 100 Jahren waren die meist opulent, mit Schnörkeln“, sagt Wilperath. Keine Seltenheit seien jedoch Funde wie der Lederbeutel: „Solche Zeitkapseln sind typisch für Turmkreuze.“ Als der Metallgestalter einen neuen Kern aus nicht rostendem Stahl einsetzte, wurde auch wieder eine Kapsel integriert – mit demselben Text, der um geschichtliche Fakten ergänzt wurde. Schließlich hat das Kreuz wieder seine charakteristische, mit grüner Patina überzogene Kupferhülle erhalten. So sind dann auch weiterhin die Einschusslöcher aus dem Krieg sowie Schäden zu sehen, die durch Blitzeinschlag entstanden sind. Da beim Abbau des Kreuzes laut Messer festgestellt wurde, dass sich im oberen Teil des Turmgiebels Steine gelockert hatten, musste noch der Mannheimer Fachbetrieb Leonhard Hanbuch & Söhne mit Restaurationsarbeiten beauftragt werden. Die gesamte Instandsetzung der Turmspitze wird mit etwa 15.000 Euro zu Buche schlagen.