Obrigheim
Nabu zeichnet Familien für ihre Unterstützung von Schwalben aus
An der vorderen Wand des Hauses von Gerlinde und Erwin Ragaller in Mühlheim hängen seit rund 40 Jahren 16 Schwalbennester. „In der Anfangszeit haben die Schwalben sie noch selbst gebaut, aber nach ein paar Jahren sind die Nester dann nach und nach abgefallen. Und weil die Schwalben immer weniger Baumaterial finden, war es für sie schwierig, neue Nester zu bauen“, erinnert sich Ragaller. Es gebe keine Pfützen mehr, sogar die Feldwege seien betoniert – keine Chance also für die Schwalben.
Deshalb habe er sich damals Rat beim Vogelschutzverein in Bockenheim/Kindenheim geholt und sich im Lauf der folgenden Jahre 16 Kunstnester gekauft. „Eins hat damals schon 70 D-Mark gekostet“, erinnert sich Ragaller. Die Kunstnester für die Mehlschwalben seien immer im Doppelpack an einem Brett befestigt und deshalb ideal für die Kolonienbrüter, erklärt Ornithologin Anita Bastian, zweite Vorsitzende des Nabu Eisenberg/Leiningerland.
Bewunderung für die Flugkünstler
„Wer vermeiden möchte, dass sich Schwalbenkot unter den Nestern sammelt, der dann entsorgt werden muss, kann im Abstand von mindestens 50 Zentimetern ein Brett unter den Nestern anbringen, auf dem sich der Kot sammelt – dichter dran sollte das Brett aber auf keinen Fall sein, da sonst die Schwalben die Nester nicht mehr anfliegen“, betont die Fachfrau. Außerdem bestehe die Gefahr, dass sich Falken oder andere Feinde auf das Brett setzen und die Jungvögel herausholen.
Das Nachbarhaus von Familie August Fröhlich wurde bereits vor Jahren vom Nabu Eisenberg/Leiningerland mit der Plakette „Schwalben willkommen“ ausgezeichnet. Dort gibt es seit mehr als 40 Jahren ebenfalls mehrere Schwalbennester. „Unsere beiden Häuser haben eine gute Position im Ort, sie liegen hoch und können von den Schwalben gut angeflogen werden“, sagt Gerlinde Ragaller. „Ich bewundere diese kleinen Vögel, die bis nach Afrika fliegen, wieder zurückkommen, Mühlheim finden und dann auch noch unser Haus – das ist schon eine beachtliche Leistung“, sagt sie anerkennend.
Mit dem Flugzeug über die Alpen
Bastian bestätigt, dass Schwalben lange Zeit in der Luft bleiben können und in großen Verbänden fliegen. Die Savannen und Regenwälder südlich der Sahara seien ihr Ziel – sie legten damit teils deutlich mehr als 5000 Kilometer pro Strecke zurück und benötigten dafür abhängig von der Wetterlage und den eingelegten Pausen um die vier bis sechs Wochen. „Leider kehrt nur jede zweite Schwalbe von der langen und gefährlichen Reise zurück nach Deutschland, wobei neben Erschöpfung plötzliche Kälteeinbrüche und Dauerregen während des Zugs die Haupttodesursachen sind, da die Schwalben dann keine Fluginsekten finden und verhungern. Aber auch die besonders im Mittelmeerraum illegalen Jagden bringen vielen Tieren den Tod“, erklärt Bastian.
Susanne Bentz, erste Vorsitzende des Nabu Eisenberg/Leiningerland, sagt, dass die warmen Aufwinde die Schwalben wohl in extrem hohe Gefilde tragen und sie so beispielsweise die Alpen überqueren können. „Wenn allerdings ein früher Wintereinbruch kommt, schaffen sie es nicht mehr. Aus diesem Grund wurden beispielsweise 1971 die Schwalben aus der ganzen Pfalz mit dem Flugzeug über die Alpen gebracht“, berichtet sie.
Nachbarn ärgern sich über Vogelkot
Die Tochter des Ehepaars Ragaller, Maike Ehresmann, hat im breiten Torbogen ihres Hauses mehrere Nester von Rauchschwalben. „Das Haus wurde schon von meinen Großeltern bewohnt und die Nester sind schon seit 63 Jahren da“, sagt sie. Nester von Rauchschwalben sind oben offen und befinden sich nicht an der Hauswand, sondern in Ställen, Scheunen, Lagerhallen, Torbögen oder Garagen. Auch Ehresmann wurde deshalb mit der Nabu-Plakette „Schwalben willkommen“ ausgezeichnet.
Die Sorgen mancher Nachbarn können die Schwalbenschützer nicht nachvollziehen. „Der Vogelkot, der in Nachbars Garten landet, kann nicht allein den Schwalben zugeordnet werden. Wir wohnen hier auf dem Land, mitten in der Natur und da gehört Vogelkot nun mal mit dazu“, sagt Gerlinde Ragaller. Sie warte jedes Frühjahr erneut, bis die kleinen Flugkünstler endlich wieder da seien. Vergangenes Jahr seien fünf ihrer Nester belegt gewesen. „Die Schwalbe gilt seit jeher als Glücksbringer, man sagt auch: Wo Schwalben wohnen, da wohnt das Glück.“