Grünstadt Mit zunehmender Gestaltungskraft

Liederabend in schöner Umgebung: Lena Maria Kosack und Achim Scheuermann im alten Grünstadter Ratssaal.
Liederabend in schöner Umgebung: Lena Maria Kosack und Achim Scheuermann im alten Grünstadter Ratssaal.

Einen geradezu idealen Raum für Konzerte in intimerem Rahmen haben Altertumsverein und Musikschule am Freitagabend erschlossen: Der alte Ratssaal im Museumsgebäude gab eine herrliche Umgebung ab für den Liederabend der Musikschullehrerin Lena Maria Kosack und ihres Begleiters Achim Scheuermann aus Schifferstadt im Rahmen des Kultursommers. Die herzliche Bewirtung seitens des Altertumsvereins steigerte das Wohlbefinden der 30 Zuhörer.

Einen Zusammenhang mit dem Kultursommermotto „Industriekultur“ herzustellen, war leicht: „Das Lied in der Zeit der Steingutfabrik“ umfasst tatsächlich die Hauptspanne des deutschsprachigen Liedschaffens, schließlich bestand die 1801 gegründete Fabrik bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts. Und so teilte die Sängerin zwischendrin in bunter Mischung knappgefasste Daten über Komponisten, die Geschichte der Steingutfabrik und industriell-technologische Erfindungen der Zeit mit. Möglicherweise beeinträchtigte dieses Moderationsgeschäft anfangs die Konzentration der Sängerin auf die Liedvorträge. Gerade was das Lied angeht, werden an der Unterhaardt im benachbarten Kirchheim beim Konzertwinter und Liedersommer immer wieder Maßstäbe differenzierter Gestaltung gesetzt. Im Vergleich dazu erschien Lena Maria Kosacks Vortrag der Schubertlieder „Lachen und Weinen“ und „Du bist die Ruh“ zunächst – nach der Pause wurde das ganz anders – enttäuschend undifferenziert. Sie sang die Strophen rasch, dabei strahlend scharf und durchdringend; man vermisste Bestrebungen, das Stimmtimbre entsprechend dem Textsinn zu differenzieren. Auch das „Heidenröslein“ und „Auf dem Wasser zu singen“ wurden auf diese Weise eher summarisch geboten, wobei sowohl der gekonnte, exakte und intonatorisch saubere Gesangsvortrag als auch die flotte, klare, aber meist etwas trockene Klavierbegleitung durchaus qualitätvoll waren. Achim Scheuermann war mit seiner Partnerin immer exakt zusammen; der Flügel indes hatte zeitweise die Tendenz, die Sängerin zu übertönen, beispielsweise in den beiden ersten der vier Lieder von Mendelssohn, dem „Nachtlied“ und der recht forciert gesungenen „Neuen Liebe“. Im fünften Schilflied nach Lenau – die Textautoren waren im Programmblatt leider großteils nicht benannt – hätten das „süße Deingedenken“ und das „stille Nachtgebet“ des Textes durchaus Gelegenheit zu sanfter, sachter Stimmführung gegeben – auch hier blieb’s beim strahlenden Forte. Den Anforderungen des extrovertierten und rasanten Hexenliedes indes zeigen beide Interpreten sich bestens gewachsen. Hier braucht’s eine starke, klar strahlende Stimme, um dem glänzend gespielten Aufruhr im Klavier Paroli zu bieten. Die Sopranistin ließ keine Wünsche offen. Die Verrammelung sämtlicher Fenster bei Konzertbeginn hatte das vorher angenehme Raumklima binnen Kurzem nahezu unerträglich gemacht; Programme dienten als Fächer, und bei Beginn der Pause wurden die Fenster geradezu aufgerissen. Dafür schmeckte der kühle Wein umso besser ... Wie verwandelt erschienen Kosack und Scheuermann nach der Pause. Zunächst wurden drei Lieder von Johannes Brahms – zu seiner Zeit wurde die Steingutfabrik durch drei Brände in ihrer wirtschaftlichen Entwicklung zurückgeworfen – geboten. Jetzt war alles vorher Vermisste da: Das „Mädchenlied“, das „Vergebliche Ständchen“ und „Nicht wandle mein Licht“ waren in Gesang und Klavier lebhaft und sinnvoll durchgestaltet, in Ausdruck, Dynamik und Klang reich differenziert. Das war packendes und plastisches Gestalten – ein Eindruck, der nach dem Konzert mehrfach geäußert wurde. Diese Qualitäten steigerten sich eher noch in fünf Mörike-Liedern von Hugo Wolf. „Der Gärtner“ war packend und intensiv. „Das Stündlein vor dem Tag“ war stark dramatisch vergegenwärtigt. Im „Verlassenen Mägdlein“ verlebendigte Lena Maria Kosack das Leid der Verlassenen geradezu beklemmend. Hier ist auch Achim Scheuermann besonders stark, malt in feiner Harmonie mit der Sängerin unheimlich fahle Farben. Die romantische Ironie des „Zitronenfalters im April“, der zu früh erwacht und nun zu verschmachten fürchtet, scheint Kosack besonders zu liegen. Sie verdeutlicht seine intensive Angst – und das Augenzwinkern der Komposition. Zum Schluss das bekannte Frühlingslied „Er ist’s“, nunmehr höchst zufriedener Applaus und als Zugabe Wolfgang Amadé Mozarts „Zauberer“ – höchst brillant und amüsant vorgetragen.

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