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Kirchheimer Konzertwinter: Akkordeonkonzert mit Viviane Chassot.
Kirchheimer Konzertwinter: Akkordeonkonzert mit Viviane Chassot.

Die internationale Akkordeon-Interpretin und ECHO-Klassik-Preisträgerin Viviane Chassot gastierte bei Sommeredition des Kircheimer Konzertwinters.

Manch einer mochte sich erinnern an Paris-Reisen in den 70er- und 80er- Jahren und an die schon damals an U-Bahn-Stationen Musizierenden, die zuweilen Bach-Präludien und -Fugen auf dem Akkordeon herunterfabulierten, als hätte es niemals andere Tastenträger gegeben. Auf einem Instrument also, das man hierzulande allenfalls in die Schublade Wandervogel und Volkstanz steckte.

Allmählich freilich hat sich das Instrument emanzipiert, technisch aufgerüstet. Das konzertante Knopfinstrument verfügt über einen nahezu pianistischen Tonumfang, lässt sich quasi „umregistrieren“, prunkt mit klanglichen Raffinessen.

Dass die Sicht auf das erst im 19. Jahrhundert „geborene“ Instrument sich mittlerweile doch gründlich gewandelt hat, ist Komponistinnen und Komponisten zu verdanken, die es in ihren Werken einsetzen, und gerade auch Interpreten und Interpretinnen wie der Schweizer Ausnahme-Künstlerin Viviane Chassot, vielfach preisgekrönt und in allen bedeutenden Konzerthäusern und mit Orchestern nebst Dirigenten auf internationaler Ebene präsent. Und eben auch mal in der Pfalz. Am Sonntag im Rahmen der zweiten Sommeredition des Kirchheimer Konzertwinters in der schmucken, kühlen Protestantischen Kirche des Ortes.

„Bach in Flow“

„Bach in Flow“ war Chassots Programm überschrieben – richtungweisend im Blick auf die Wurzeln ebenso wie auf deren Transformation ins Heutige. Bach bildete die Klammer, den Leitfaden durch eine wunderbar vielfarbige Reise durch Stile, Epochen, Befindlichkeiten mittels einer klanglichen Diva, die sich erst spät – zu spät natürlich für die Autorenschaft von Haydn, Mozart, Beethoven oder Mendelssohn – und zunächst auch nicht gleich in den konzertanten Olymp einzureihen, zu verfeinern, ihr Terrain zu erobern vermochte.

Wer indes eine der Inventionen, die Nr. 8 in F-Dur und Generationen von Klavierschülern ins Lehrbuch geschrieben, Praeludium und Fuge c-Moll (BWV 847) und erst recht das hochvirtuose „Italienischen Konzert“ (BWV 971) in einer solch federleichten, vor mediterraner Champagnerlaune, gleichzeitig innigstem Schmelz im zweiten Satz und Blitze sprühender Brillanz wie in Chassots fantastischer Interpretation goutiert hat, wird das Cembalo erst mal vergessen wollen.

Das Akkordeon „atmet“. So erläuterte es die auf sympathisch barrierefreie Weise mit dem Publikum kommunizierende Künstlerin mit Worten, was längst als phänomenales Klangerlebnis Ohren und Sinne berauscht hatte – die ungemein filigranen dynamischen Schattenrisse, der Fächer an Emotion, Aufbegehren, Befrieden, zuweilen latente klangliche Nuancen an die Oberfläche fördernd, wie zum Beispiel die Holzbläser- Register im Andante von BWV. Der Balg als Maître de Plaisir.

Kleine Tonbrücken

Und so wie sie für Bach zu Beginn einen roten Impro-Teppich auf Bassfundament auslegte, bevor die Invention losperlte, so erwanderte Chassot auch im Folgenden Epochen und Stile mittels kleiner Tonbrücken, improvisierte sich knapp und frappant schlüssig zu den Vorzimmern der Komponisten.

So lag nach Bach unversehens Astor Piazzollas Tango-Schwermut am Wegesrand (Adios Nonino) und erreichte mühelos auch Didier Squiban, den 1959 geborenen Bretonen, dessen Suite Nr. 1, obwohl ursprünglich für Klavier geschrieben, in ihrer wunderbaren Melange aus klassischem Ebenmaß, bretonischer Folklore und auch einem Hauch französischer Musette das Akkordeon geradezu gebieterisch einzufordern schien.

Bewunderte man bei Jean Philippe Rameau und seinem „L’Entrentien des Muses“ einmal mehr Viviane Chassots unglaublich eloquentes Fingerspiel, das mit einer ebenso atemberaubenden Präzision wie feenhaften Anmut über die Knöpfe huschte, Kaskaden von Trillern jubilierte und in Klängen von schmelzendem Samt verebben ließ, so trumpfte die Interpretin mit „Revelation“ des zeitgenössischen russischen Komponisten Sergey Voytenko, dem einzigen Originalwerk des Abends für Akkordeon, kraftvoll auf. Sie präsentierte ein wahres Füllhorn an klanglichem Raffinement. Valentin Silvestro, dem 1937 in der Ukraine geborenen Meister, gehörte der stillere, der nachdenklichere Abgesang.

Für frenetischen Beifall spendierte Viviane Chassot noch einen charmanten Walzer von Frederic Chopin und, eingedenk des Leitgedankens, noch einmal einen vollendet modellierten Satz von Bach, die Allemande aus der Suite Nr. 5.

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