Grünstadt RHEINPFALZ Plus Artikel Kirchheimer Konzertwinter: Hammer am Hammerflügel

Christoph Hammer
Christoph Hammer Foto: Satzinger

Stammgäste des Kirchheimer Konzertwinters kennen Christoph Hammer, Professor in Augsburg, seit langem als subtil agierenden Pianisten. Er ist hier in verschiedenen Zusammenhängen und mit mehreren Besetzungen aufgetreten. Seine Spezialität ist der Hammerflügel, jene Entwicklungsstufe des heutigen Klaviers, die vor rund 200 Jahren zur Zeit Mozarts und Beethovens in Gebrauch war. Am Sonntag, 20. Oktober musiziert er um 17 Uhr zusammen mit dem Klarinettisten Markus Schön zur Eröffnung der 29. Konzertwintersaison.

Die Klaviersaiten waren damals, vor 200 Jahren, auf hölzernen statt später auf metallenen Rahmen weit weniger stark als heute gespannt, die Mechanik der Klavierhämmer war eine andere und hatte weniger Wucht. Das und andere instrumententechnischen Faktoren hatte einen leiseren, intimeren Klang als heute zur Folge, der mehr schnarrte, mehr dem Gitarrenklang ähnelte, in den Bässen weniger kräftig, in den Höhen wenig brillant war.

Richtig zufrieden war man mit den Instrumenten nicht: Man wünschte sich kräftigeren, auch einheitlicheren Klang, experimentierte mit verschiedenen Mechaniken, die unterschiedliche Stärken und Schwächen hatten. Kurz – das Instrument war noch im Entwicklungszustand.

Rekonstruktion historischer Spielweisen

Warum sollte uns das interessieren? Gewisse Möglichkeiten, den Klang zu polieren und erlesen zu machen, ihn lange im Raum schweben zu lassen, die für die Flügel der Generation Steinway typisch sind, hatte der Hammerflügel nicht – man muss auf diesem Originalinstrument Musik der Klassik in vieler Hinsicht anders artikulieren, als das ein modernes Instrument nahelegt. Allein dadurch kommt der Interpret dem Original und den Absichten des Komponisten näher. Wenn sich ein Interpret, wie Hammer es tut, auch theoretisch mit der Rekonstruktion historischer Spielweisen befasst, ist der Gewinn doppelt. Oft Gehörtes wirkt frisch, manche häufig wenige plausible Stelle läuft nun wie selbstverständlich.

Ähnliches lässt sich für die Klarinette sagen. Markus Schön, seines Zeichens Solo-Klarinettist der Bayerischen Staatsoper in München, spielt auf einer neunklappigen Klarinette, kopiert nach Heinrich Grenser (Dresden etwa 1805) von Jochen Seggelke. Auch hier sind Klang und Technik anders als heute.

Außer den Vortragsqualitäten beider Musik macht das Programm das Konzert hochinteressant. Schön und Hammer bringen Musik, die großteils selten zu hören ist: Zwei Sonaten in B-Dur von Franz Danzi und Anton Eberl dienen als Rahmen, dazwischen gibt es das Konzertstück über „Adelaide“ von Beethoven in einem Arrangement von Iwan Müller und Introduzione e Tema con Variazioni von Rossini, welche die Klarinette glänzen lassen, überdies eine Fantaisie pour la Clarinette avec accompagnement von Sigmund Neukomm. Solo wird Hammer eine Variationsfolge von Haydn ausloten, die zu den expressivsten Klavierwerken der Wiener Klassik gehört.

Die Künstler

Markus Schön studierte Klarinette in Detmold, Saarbrücken und Hannover. Schon früh wurde er Mitglied des Bundesjugendorchesters und danach der Jungen Deutschen Philharmonie. Der Klarinettist ist Preisträger verschiedener Wettbewerbe, so gewann er beispielsweise 1999 den ersten Preis beim Mendelssohn-Wettbewerb Berlin. Zweimal nahm ihn der Deutsche Musikrat in seine Konzerte junger Künstler auf, seit 2003 ist Markus Schön Solo-Klarinettist der Bayerischen Staatsoper und vielseitig als Kammermusiker unterwegs.

Christoph Hammer zählt international zu den profiliertesten Musikern im Bereich der historischen Aufführungspraxis. Er studierte Musik, Germanistik und Musikwissenschaft in München und Los Angeles. Seit 1996 realisierte er als Leiter der Neuen Hofkapelle München zahlreiche Aufnahmen. 2003 begründete er das Festival Residenzwoche München. Mehr als 30 CDs sind inzwischen erschienen. Auch als Solist, Liedbegleiter und Kammermusiker genießt er einen internationalen Ruf. 2009 bis 2013 unterrichtete Hammer als Professor für historische Tasteninstrumente an der University of North Texas, USA; seit 2013 ist er an der Universität Augsburg Professor für historische Tasteninstrumente und Kammermusik.

TERMIN

Eröffnungskonzert: Sonntag, 20. Oktober, 17 Uhr, Kirchheim, protestantische Kirche. Eintritt frei, Kollekte

Markus Schön
Markus Schön Foto: FiegeBC. Schneider
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