Kirchheim RHEINPFALZ Plus Artikel Kantaten von Graupner in der Kirche

Gut besucht war das Konzert in der Protestantischen Kirche in Kirchheim.
Gut besucht war das Konzert in der Protestantischen Kirche in Kirchheim.

Im Zenit des fünfteiligen Kirchheimer Konzertsommers stand wieder einmal Christoph Graupner. Es gab ein Kantaten-Programm mit spezieller Besetzung.

Unter Leitung von Florian Heyerick musizierten die Soprane Marie-Luise Werneburg und Hanna Zumsande sowie Dominik Wörner, Bariton, und das Kirchheimer BachConsort; SWR und Deutschlandfunk zeichneten auf.

Man verlässt die Kirche ein bisschen wie berauscht nach dieser Begegnung mit einem, der aus der Distanz von 300 Jahren wie ein in Musik gegossener Wunderwerk ins heute strahlt. Es ist das mittlerweile vierte Projekt, das sich ausschließlich mit Christoph Graupner beschäftigt.

Mit CD-Mitschnitt

Und auch diesmal ging es mit gleich zwei Konzerten ganz spektakulär zur Sache. Denn folgen wird eine weitere CD-Produktion mit der Welt-Ersteinspielung jener Passions- und Oster-Kantaten. Fünf davon hat Graupner 1720/21, kurz vor seiner Bewerbung ums Leipziger Thomaskantorat, komponiert und sie bilden einen chronologischen Zyklus rund um die Liturgie von Passion und Auferstehung. Die Texte lieferte wie für alle übrigen Sakralwerke Graupners der Hofprediger Georg Conrad Lichtenberg, Vater des Physikers und Aphoristikers Georg Christoph Lichtenberg.

Mit den Texten, seien sie auch noch so theologisch verschwurbelt, gelingt dem Klangrhetoriker Graupner jeweils eine Transformation ins unmittelbar Anrührende. Er erklärt schlicht, was gemeint ist, mit einer Tonsprache, die direkt ins emotionale Zentrum der Lauschenden zielt. Und so erlebt man das Konvolut der Kantaten „Ein jeglicher sei gesinnt“ (Gründonnerstag), „Zerfließ, meine Herz, in Blut“ (Karfreitag), „Nun ist auferstanden“ (1. Ostertag), Christ lag in Todesbanden“ und „Du schönes Wohnhaus“ (Sonntag Jubilate) einen ganzen Kosmos an prachtvoll aufblitzenden klingender Himmelskörpern.

Inbrünstige Spiritualität

Choral, Arie, Ensemble, nicht zuletzt Rezitative von inbrünstiger Spiritualität – in allem outet sich da der einstige Opern-Schöpfer mit seiner ans unmittelbar Sinnliche appellierenden Eloquenz. Und welch hervorragendes Ensemble er nach dem Konkurs der Darmstädter Bühnen in der Kirchenmusik etablieren konnte, davon kündet die frappant virtuose Ausgestaltung sowohl der Gesangs- als auch der Orchesterparts.

Und heute? Dominik Wörner, selbst ein hochkarätiger Bariton, zeigte auch dieses Mal wieder ein kundiges Händchen. Mit den Sopranistinnen Marie-Luise Werneburg und Hanna Zumsande - nicht zum ersten Mal hier zu Gast - hatte er zwei Protagonistinnen an Bord, die sich trittsicher in Gassen und Gässchen der Alten Musik zu orientieren wissen, zudem beide über das verfügen, was Mozart als „geläufige Gurgel“ bezeichnete: schöne, unangestrengte Stimmkünstlerinnen, die sich mühelos und geschmeidig durch alle Register bewegten, zudem dem Textexegeten Graupner mit ihren subtilen, oft dezidiert nachdrücklichen Gestaltungen einfühlsam Tribut zollten. Und ebenso wie Dominik Wörner, dessen makellos leuchtender Bariton die fantastischen Arien und Rezitative nichts weniger als zusätzlich veredelte, spielten auch die beiden Protagonistinnen versiert ein bisschen Oper. Kirchenoper eben, in Mimik, Gestik, Augenspiel. Ganz behutsam und geschmackvoll, aber mit „hörbarem“ Effekt.

Lustvolle Interaktion

Florian Heyerick, Graupner-Forscher und Alte-Musik-Agitator von Graden auf internationalem Parkett, leitete vom Cembalo aus das vorzügliche Kirchheimer BachConsort, besetzt mit Streichern, Holzbläsern sowie Orgel (Peter Kranefoed) der allerersten Liga des europäischen Genre-Pools. Sie interagierten lustvoll und klanglich perfekt ausbalanciert mit den Vokalisten. Und prunkten gleich diesen mit allerlei spieltechnischer Akrobatik. So waren beispielsweise die von den Solisten meist homophon vorgetragenen Choräle für die umspielenden Instrumentalisten wahre Bravourstücke. Heyerick durchforstete das klangrhetorisch so üppige bestückte Terrain mit äußerster Konzentration, aber vor allem überschwänglicher Liebe zum überraschenden Detail. Es blieb spannend bis zum ultimativen Schlussakkord.

Info

DLF Radio Kultur sendet einen Mitschnitt der Konzerte am 28. Juli ab 20:03 Uhr. Ein genauer Sendetermin beim SWF, vermutlich im April 2023, wird noch bekannt gegeben. Nächster Kirchheimer Konzertsommer-Termin:, 14. August, 17 Uhr, mit Benno Schachtner, Countertenor, und Julian Behr, Laute, mit „Englische Lieder zur Laute“; www.konzertwinter.de

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