Grünstadt „Ich lebe mit meiner Kamera“
„Almost human“ (beinahe menschlich) – unter dieser Überschrift steht die derzeitige Schau in der Grünstadter Galerie ContemporaryArt von Jürgen Wageck. Gezeigt werden 33 Bilder des britischen Fotografen Emerson Ifill, der erstmals in Deutschland ausstellt.
«GRÜNSTADT.»Die ausschließlichen Motive: Schaufensterpuppen, die meist unbekleidet sind und innerhalb von vier Jahren in europäischen Metropolen aufgenommen wurden. Viele dieser sogenannten „Visual Merchandising Objects“ zur verkaufsfördernden Warenpräsentation sind lebenden Personen nachempfunden. Anja Benndorf fragte den 63-jährigen Künstler, der in London und Frankfurt lebt, welche Idee hinter dem Projekt steckt. Herr Ifill, wie kamen Sie darauf, nackte Schaufensterpuppen zu fotografieren? Als ich von Analog- auf Digitalfotografie umgestiegen bin, habe ich Porträts mit der neuen Kamera ausprobieren wollen. Da haben sich Puppen einfach angeboten. Sie haben sich nicht bewegt und ich konnte so lange meine Kameraeinstellungen testen, bis ich mit dem Ergebnis zufrieden war. Dass sie unbekleidet sind, war eher ein Zufall. Nackt – wenn Sie das Wort benutzen möchten – fand ich sie nicht, denn sie sind ja keine Menschen. Schaufensterpuppen sind unbekleidet, Verkaufsdisplays zwischen zwei Einsätzen, sozusagen. Die Aufnahmen entstanden unter anderem in Paris, Barcelona, Mailand und Straßburg. Sind Sie in die europäischen Metropolen gereist, mit dem festen Ziel, dort Schaufensterpuppen abzulichten? Ich bin nicht so reich, dass ich für meine eigenen Projekte durch Europa reisen könnte. Aber ich lebe mit meiner Kamera. Sie ist immer dabei und wo ich bin und etwas sehe, was ich fotografieren möchte, dann tue ich das auch. Wo sind die Puppen besonders schön? Ein Engländer fotografiert und schweigt. Es gibt auch abstrakte Puppen, die nur eine Kopfform, aber kein Gesicht haben, auch keinen ausgeformten Körper. Haben Sie so etwas auch gesehen? Ich habe sehr viele abstrakte Puppen fotografiert, aber die Ausstellung heißt „Almost human“ und daher präsentiere ich diese Bilder hier nicht. Sie stellen erstmals in Deutschland aus. Wieso ausgerechnet in Grünstadt? Bisher habe ich meine Werke nur in England gezeigt. Ich hatte zwar mehrere Angebote für Ausstellungen in Deutschland, aber die habe ich stets abgelehnt. Denn für mich ist eine Ausstellung etwas sehr Persönliches und es muss alles stimmen. Nach Grünstadt komme ich schon viele Jahre und ich bin sehr gut befreundet mit Jürgen Wageck. Für Sie sind die Spiegelungen in Ihren Bildern die zweite Dimension. Eigentlich versucht ein Fotograf ja, Spiegelungen zu vermeiden. Sie haben beim Fotografieren durch Schaufensterscheiben kaum eine andere Wahl, als Spiegelungen einzufangen. Haben Sie aus der Not eine Tugend gemacht? Die Spiegelungen sind kein Zufall. Ich habe sie gesehen, als ich durch die Kamera geblickt habe, und fand sie interessant. Gerade die Spiegelung des Umfelds ist ein absichtlicher und wichtiger Teil des Gesamtbildes, denn sie wirkt als Standortbestimmung. In einem Foto sieht man beispielsweise einen Stacheldrahtzaun, der wie eine Dornenkrone an Stelle des Kopfes einer unbekleideten, männlichen, schwarzen Schaufensterpuppe sitzt – ein wesentliches Gestaltungselement. In meiner Arbeit gibt es keinen Platz für Not oder Tugend – nur für ehrlichen, künstlerischen Ausdruck. Was lichten Sie außer Puppen ab? Für Geld und Spaß mache ich alles ... Die Freude am Fotografieren haben Sie aber erst 1992 mit Ende 30 zum Beruf gemacht. Warum? Mein erster Job in den 70er Jahren war Schaufensterdekorateur – ich war verantwortlich, solche Puppen zu dekorieren. Danach habe ich Drucktechnik studiert und mehrere Jahre in dem Beruf gearbeitet. Mittlerweile hatte ich dann mein Talent für das Fotografieren entdeckt und nahm mit einem Stipendium in London das Studium der Fotografie auf. Nach dem Abschluss war ich mehrere Jahre bei verschiedenen Fotografen als Assistent tätig, bevor ich mich mit Ende 30 selbstständig machte. Wer hätte gedacht, dass ich nach so vielen Jahren zu den Schaufensterpuppen zurückkehren würde… Kann man heute, in Zeiten von Smartphone und rasanter Digitalisierung, noch von der Fotografie leben? Es ist schwerer geworden – jeder trägt ein Handy mit sich und produziert Unmengen an Fotos. Angesichts dieser Überflutung mit Bildmaterial sinkt auch die Wertschätzung für qualitativ hochwertige Aufnahmen. Viele Firmen, die früher professionelle Fotografen beauftragt haben, schicken jetzt ihre Azubis mit Digicams oder I-Phones zu diesen Gelegenheiten. Das geht leider auf Kosten der Bildqualität. Es gibt jedoch immer noch Leute, die sich schöne Bilder leisten – wenn es auch immer weniger werden. AUSSTELLUNG Galerie ContemporaryArt, Bahnhofstraße 7, Grünstadt, geöffnet: freitags, 15 bis 19 Uhr, samstags, 10 bis 14 Uhr, und nach Vereinbarung, E-Mail: contemporaryart@web.de. Die Ausstellung „Almost human“ ist bis Ende Januar zu sehen.