Grünstadt Hinter vorgehaltener Hand

Hat die Hand nicht mal beim Gähnen vor dem Mund: der Autor.
Hat die Hand nicht mal beim Gähnen vor dem Mund: der Autor.

Die drei schlimmsten Auswüchse des modernen Fußballs sind: 1. Ablösesummen und Gehälter in Höhe mehrerer Fantastilliarden; 2. Anstoßzeiten, bei denen ein gewöhnlicher Soziologiestudent noch nicht einmal gefrühstückt hat; 3. Fußballspieler, die sich beim Sprechen die Hand vor den Mund halten wie bei der Flüsterpost. Gerade letzteres ist in den vergangenen Jahren zu einem allgegenwärtigen Phänomen des kommerziellen Fußballs geworden. Ob Champions League oder Drittligafußball – nahezu überall finden sich Spieler, die sich auf dem Platz unterhalten wie zwei Mafiosi unter Polizeibeobachtung. Sich beim Sprechen die Hand vor den Mund zu halten, scheint geradezu ein Markenkern des heutigen Profifußballers zu sein – neben Tattoos und lächerlichen Torjubeln. Nun kann man einwenden, dass solch ein Verhalten in Zeiten medialer Dauerbeobachtung durchaus nachvollziehbar sei. Schließlich wird von der Boulevardpresse keine Gelegenheit ausgelassen, jede noch so harmlose Äußerung eines Spieler skandalträchtig auszuschlachten. Diese Sichtweise ist sicherlich nicht völlig falsch, aber sie ist, nun ja, ziemlich falsch. Denn mancher Fußballer postet auf seinem Social-Media-Account geradezu im Minutentakt die hirnrissigsten Schnappschüsse in die digitale Welt, nur um ein paar Stunden später einen Smalltalk mit dem Mannschaftskameraden zu einer klandestinen Verschwörung zu inszenieren. Das sieht dann nicht nur total dämlich aus, es ist auch zu einem Symbol der zunehmenden Entfremdung zwischen Spielern und Fans geworden: „Seht her: Wir sind zwar nur zwei Auswechselspieler, die nach dem Spiel belanglose Banalitäten austauschen – aber weil man uns einen Lastwagen voller Geld vor die Tür gestellt hat, ist alles, was wir sagen nun ein großes Mysterium!“ Diese Attitüde ist geradezu dekadent. Sie reduziert den Zuschauer auf eine lästige Begleiterscheinung des Fußballs, vor dem sich die Spieler bei jeder sich bietenden Gelegenheit schützen müssten. So, als würden Millionen von Fußballfans mittlerweile Kurse im Lippenlesen an der Volkshochschule belegen – nur um zu erfahren, dass Mario Gomez sein wöchentliches Brathähnchen immer ohne Haut isst. Ohne Haut! Wie kann er nur? Dabei ist die doch das Beste! Typisch Gomez! Vor einigen Wochen habe ich dann auch noch mitbekommen, wie sich zwei Spieler vor der Ausführung eines Freistoßes in der Kreisklasse die Hand vor den Mund hielten und offenbar konspirativ eine mögliche Variante diskutierten. In der Kreisklasse! Das war das Schlimmste, was ich mitansehen musste, seit Icke Häßlers Auftritt im Dschungelcamp. Der anschließende Freistoß landete dann auch gefühlt an der Eckfahne. Immerhin: Es gibt noch einen Fußballgott! Die Kolumne Unser Autor kann auf eine lange und erfolglose Karriere in den Niederungen des Amateurfußballs zurückblicken. Hier schreibt er wöchentlich über Schwalbenkönige, Kabinenrituale und Trainingsweltmeister – rein subjektiv natürlich, denn die Wahrheit liegt sowieso auf dem Platz.

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