Grünstadt Herbstliche Melancholie
Der Herbst ist da. Das lässt sich nur schwer leugnen. Die subtropischen Temperaturen sind quasi über Nacht einstelligen Werten gewichen. Erste Herbststürme sorgen dafür, dass allmorgendlich das wohlige Geräusch eines Laubbläsers erklingt. Und in München wurde von Bürgermeister Dieter Reiter höchstpersönlich die Mutter aller Probleme eröffnet: das Oktoberfest. Untrügliche Zeichen dafür, dass es mit den kuscheligen Temperaturen vorerst ein Ende hat. Für uns Fußballer bedeutet das zweierlei. Zum einen lässt sich von nun an jede Mannschaftssitzung auf folgende Phrase zusammenfassen: „Jungs, der Rasen ist nass! Schießt aus allen Lagen!“ Als Spieler erkennt man an einem solchen Satz sofort die Fachkompetenz des eigenen Trainers. Schließlich manifestiert sich darin die Erfahrung von 45 Jahren Amateurfußball gemeinsam mit physikalischen Grundkenntnissen und einer hochsensiblen Beobachtungsgabe. Die fußballerische Sprengkraft dieser Anweisung potenziert sich nochmals, wenn ein Mitspieler der Aussage eine wertvolle Zusatzinformation über den gegnerischen Torhüter gibt: „Der war beim Warmmachen völlig unsicher.“ Potzblitz! Ein todsicherer Matchplan. Wer zahlt die Bierkiste für die Siegesfeier? Zum anderen – und diese Erkenntnis ist weitaus unangenehmer – wird diese Siegesfeier bei weitem nicht so ausgelassen und unbeschwert ausfallen, wie noch wenige Wochen zuvor. Das haben in erster Linie die sanitären Einrichtungen zu verantworten. Dass diese für Nachtschichten in jedem mittelmäßigen Hygieneamt sorgen würden – geschenkt! Auch die Tatsache, dass es in der Regel viel zu wenige Duschmöglichkeiten in der Kabine gibt, ist einigermaßen zu verkraften. Doch dass gefühlt die Hälfte aller Vereine nicht in der Lage ist, die Duschen mit mehr als drei Litern warmem Wasser zu versorgen, ist ein Skandal. Statt in den Genuss der wohlverdienten heißen Dusche nach Spielende zu kommen, müssen unzählige Amateurkicker ihren Körper bei unmenschlichen Wassertemperaturen um die 29 Grad reinigen. Besonders perfide: Duschen, deren Wasser zunächst eiskalt ist, sich anschließend langsam erwärmt und sofort wieder sinkt, sobald sich ein tüchtiger Abwehrspieler einseift. Was folgt, ist ein unwürdiges Schauspiel, das an die Duschszene im Film „Psycho“ erinnert und bei Mit- wie Gegenspieler gleichermaßen für mitfühlende Betroffenheit sorgt. Lediglich der Abteilungsleiter sitzt kichernd im Sanitärraum und freut sich auf die Rechnung der Stadtwerke. Wie kann man diesem Missstand nun ein Ende setzen? Petitionen? Boykott-Aufrufe? Ein Trauermarsch? Vielleicht. Doch als wirksamste Waffe gegen die Ignoranz der Mächtigen offenbart sich auch hier einmal mehr die gemeine Bierdusche: Denn wer selbst betroffen ist, kann die Tragik der Vereinsduschen kaum leugnen. Die Verantwortlichen im Club daher einfach in schöner Regelmäßigkeit im Siegesrausch mit der Ballerbrühe übergießen – das wird das Duscherlebnis im Fußballverein für alle Beteiligten in Windeseile verbessern. Mein Tipp: Cola-Weizen sorgt für ein besonders klebriges Vergnügen. DIE KOLUMNE Unser Autor kann auf eine lange und erfolglose Karriere in den Niederungen des Amateurfußballs zurückblicken. Hier schreibt er wöchentlich über Schwalbenkönige, Kabinenrituale und Trainingsweltmeister – rein subjektiv natürlich, denn die Wahrheit liegt sowieso auf dem Platz.