Grünstadt „Heimat hat Bedeutung gewonnen“
Helmut Kohl ist, das haben die Feierlichkeiten anlässlich seines Todes gezeigt, ein herausragender Staatsmann des 20. Jahrhunderts gewesen, der eine solche Anerkennung verdient. Es ist sinnvoll, einen Platz oder eine Straße nach ihm zu benennen. Ich selbst habe Würdigungen dieser Art zu Lebzeiten immer abgelehnt. Was nach meinem Tod ist, hat mich nicht mehr zu interessieren. Vorher so etwas festzulegen, geht nicht. Hätten Sie gedacht, dass es dem Rat so schwerfällt, sich zu entscheiden? Nein, ich hätte das nicht gedacht. Ich jedenfalls akzeptiere jede Entscheidung, die der Rat in dieser Frage trifft. Aber ich leugne auch nicht, dass ich es bedauere, dass er eine so lange Diskussion führt. Hat es Sie überrascht, dass die Linke in Speyer für diese Ehrung Kohls ist? Die Linke hat mich überrascht, aber es hat mich auch gefreut. Man kann sich auch mal über eine Meinung der Linken freuen. Lassen Sie uns allgemein auf die Stadt blicken, deren Ehrenbürger Sie sind: Ist Speyer noch Ihre Wohlfühlstadt? Absolut ja. Seit 53 Jahren bin ich jetzt Speyerer Bürger, ich fühle mich wohl in der Stadt. Sie ist nicht so klein, dass man sich auf die Nerven geht; sie ist auch nicht so groß, dass das Leben anonym wird. Ich freue mich, dass sie zunehmend von vielen als attraktiv wahrgenommen wird, ich freue mich über die große Anzahl der Touristen – nicht zuletzt des Einzelhandels wegen. Was fehlt Speyer – wirtschaftlich, touristisch, sozial, für die Bürger? So erfreulich es ist, dass die Stadt wächst, ist es auch wichtig, dass sie Wohnungen in allen Preislagen bietet. Ich wünsche der Stadt, dass sie zügig mit der Planung von Wohngebieten vorankommt. Es ist richtig, dass – wie es derzeit geschieht – die Lücken geschlossen werden. Aber das wird nicht reichen. Ich hoffe, dass ein Teil des ehemaligen Kasernengeländes dafür zur Verfügung gestellt werden kann. Sind Sie überrascht oder enttäuscht, dass vier Bewerber im kommenden Jahr Speyerer OB werden wollen? Ich darf gar nicht überrascht sein. Es gibt nie zu viele Kandidaten. Ich glaube jedoch, dass nicht viele eine gute Chance haben zu gewinnen. Herr Vogel, Sie sind ein erfahrener Kommunal- und Landespolitiker ... Ich lege Wert darauf, dass ich im Stadtrat von Heidelberg angefangen habe. Eben drum: Wie muss es aus Ihrer Sicht weitergehen mit der Kommunalreform? Kann Speyer als kreisfreie Stadt überleben oder wird sie vom Kreis geschluckt? Ich warne davor, eine Gebietsreform von oben gegen den Willen der Bevölkerung zu verordnen. Ich rate von zwangsweisen Veränderungen ab. Wenn eine Kommune das freiwillig will, ist das etwas anderes. Übrigens: Der Begriff „Heimat“ hat an Bedeutung gewonnen, seit Deutschland mit der Einheit größer geworden ist. Das ist zu berücksichtigen. In Speyer wurde vor 45 Jahren nicht eingemeindet, weil weder Helmut Kohl – Klammer auf CDU – noch Paulus Skopp – Klammer auf SPD (1949 bis 1969 OB von Speyer, die Red.) – das damals wollten. Eine Frage an den Bundespolitiker Vogel: Was ist los im Bund, seit der Weg nach Jamaika verbaut ist? Wir haben eine Regierungskrise, aber keine Staatskrise. Aber ein großes und bedeutendes Land wie Deutschland muss trotz dieses Wahlergebnisses zügig zu einer Regierung kommen. Es war am Abend des Wahltages schon absehbar, dass eine Zweier-Koalition ohne die beiden Volksparteien nicht möglich ist. Deshalb ist es jetzt notwendig, dass CDU/CSU und SPD aufeinander zugehen und Kompromisse schließen. An roten Linien darf eine Koalition nicht scheitern. Ich habe immer gesagt, erst kommt das Land, dann die Partei, dann die Person. Unter den gegebenen Umständen habe ich die Hoffnung, dass es zu der ungewollten, aber jetzt notwendigen Großen Koalition kommt. Sind Sie zufrieden mit Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier in diesem Zusammenhang? Ja, absolut. Er macht eine sehr gute Figur. Da bewährt es sich, dass Steinmeier über große politische Erfahrung verfügt. Diese hatten nicht alle seine Vorgänger. Sie sind heute nicht in Speyer, das wird bereits seit Wochen in den Nachrichtenagenturen wiederholt. Flüchten Sie vor den Gratulanten? Ich werde den Geburtstag außerhalb Deutschlands verbringen mit den schönsten Erinnerungen an Feste seit meinem 60. Geburtstag: in Berlin, Erfurt und Speyer. Es ist keine Flucht, sondern ich möchte es meinen Bekannten ersparen, mir wieder ein Fest ausrichten zu müssen. Heute beginnt Ihr 86. Lebensjahr – was wünschen Sie sich dafür? Ich möchte es möglichst gesund erleben, künftig seltener aus Speyer weg sein müssen und ich hoffe, dass Deutschland gut regiert wird.