Grünstadt „Grausiges Drama am Haff “

Die alte Dame hat sich auf den Besuch vorbereitet, als ob sie einen lieben Gast erwartet: Der Tisch im Wohnzimmer ist hübsch gedeckt und der Tee gekocht, in einer Vase Frühlingsblumen. Und im Vorgespräch am Telefon hatte die 89-Jährige sich bemüht, mögliche Hemmungen vor dem Gespräch über ihre Flucht aus Ostpreußen auszuräumen:„Ich werde nichts Schmutziges erzählen.“ Doch die Fakten sind bekannt, Entsetzliches haben Flüchtlinge aus dem Osten erlebt. Nur geplaudert wird an diesem Nachmittag sicher nicht. Dass das Gespräch so bewegt, so zu Herzen geht, überrascht dann aber doch. Es sind nicht nur die Erlebnisse, die berühren, sondern die Art, wie die alte Dame sie schildert. Hass und Selbstmitleid sind ihr fremd. Tränen steigen ihr nur in die Augen, wenn sie erzählt, wie schlimm es anderen ergangen ist. So beginnt sie sachlich, berichtet wie sie im Oktober 1944 als 18-Jährige mit den Eltern und der älteren Schwester den Hof der Familie bei Tilsit verlassen musste, in eine Stadt weiter westlich umgesiedelt ist. Im Februar 1945, als die Rote Armee immer näher rückt und schon Geschütze zu hören sind, beginnt ihre Flucht. „Das Mädchen muss weg“, hatte ein deutscher Soldat den Eltern geraten. Die Schwester war schon aufgebrochen, zusammen mit einem französischen Kriegsgefangenen, Zwangsarbeiter auf dem Hof der Familie. Vater und Mutter bleiben zurück, als das junge Mädchen das Auto eines Feldpostkuriers besteigt, der sie bis zum Frischen Haff mitnimmt. Von dort soll es über das Eis auf die Nehrung gehen und dann per Schiff in einen sicheren Ostseehafen. Ziel ist Rheinsberg in Brandenburg, wo ihr Bruder in einem Lazarett liegt. Die Daten hat die 89-Jährige für das Gespräch aufgeschrieben. Auf einer Landkarte zeigt sie die Stationen ihrer Flucht. Die Fakten sollen stimmen. Erinnert sich, dass mehr als tausend Menschen an jenem Februartag übers Haff wollten, auf dem Eis Überwege für die Flüchtenden abgesteckt waren. Berichtet von einem kleinen Wunder: In der Menge entdeckt sie den Pferdewagen mit ihrer Schwester und dem französischen Soldaten. Doch die Freude über das Wiedersehen ist kurz. Zu schrecklich ist das, was die Schwestern sehen und hören. Das Eis ist brüchig, Wagen brechen ein, die Flüchtenden werden von Tieffliegern beschossen, Menschen schreien. „Ein grausiges Drama am Haff.“ Sie betet, wünscht sich, dass eine Kugel sie treffen möge, damit es vorbei ist. Es gelingt den Dreien auf die Nehrung zu kommen, ohne dass Pferd und Wagen auf der acht Kilometer langen Strecke einbrechen. „Wir haben uns umarmt und waren so glücklich.“ Sie reihen sich in den langen Treck der Flüchtenden ein. Am 1. März die Ankunft in Rheinsberg: „Unser Pferd hat Unglaubliches geleistet, 600 Kilometer in 16 Tagen.“ Es waren schreckliche Tage. „Am Weg lagen Leichen, abgelegt wie man eine Jacke ablegt. Babys und alte Menschen im Schnee, nicht einmal zugedeckt.“ Kriminelle bestehlen Flüchtlinge. In den Nächten denken die Schwestern oft an die Eltern, weinen viel. Den Vater werden sie nicht mehr wiedersehen, er wird von Russen erschossen. Die Mutter kommt erst Jahre später aus einem Lager frei. In Rheinsberg treffen sie den Bruder. Bei einer Familie kommen die Geschwister und ihr französischer Begleiter unter. Über den Bruder lernt sie ihren künftigen Ehemann kennen, erzählt die 89-Jährige. „Einen dünnen, hustenden Mann, der wegen Tuberkulose im Lazarett war.“ Am 28. April kommen die Russen. Die Stadt wird für drei Tage zur Plünderung freigegeben, weil ein Unterhändler der Roten Armee erschossen wurde. „Sie haben grausam gehaust.“ Die jungen Frauen verstecken sich, werden aber doch „abgeholt und danach haben sie uns zurückgetragen, weil wir nicht mehr laufen konnten.“ Keine Details, Nachfragen verbietet sich, nur zuhören ist noch möglich. Eine Frau mit Baby kann es nicht mehr ertragen, hat sich die Pulsadern aufgeschnitten. „Schlimme Tage, so viel Leid. Doch die Deutschen haben auch Schuld auf sich geladen.“ Über ein Jahr bleibt die junge Frau in der Stadt, arbeitet bei einer Schneiderin. „Sie war wie eine Mutter zu mir.“ Der junge Mann, den sie in Rheinsberg kennengelernt hat, ist im Herbst 1945 heim nach Mannheim gefahren. Man schreibt sich Briefe. Im Juni 1946 kommt er zurück, zusammen geht es nach Kirchheimbolanden, wo seine Großeltern leben. Im Dezember die Heirat, ein Kind wird geboren. Arme Zeiten, ihr Mann kann nicht arbeiten, die Tuberkulose ist wieder ausgebrochen. Die junge Frau ernährt die Familie mit Näharbeiten, arbeitet bis spät in die Nacht. Trübe Gedanken und Albträume. Mit der Zeit wird es besser. Der Ehemann gesundet, findet eine Stelle, und alles wendet sich zum Guten, als sie nach Grünstadt ziehen. Vor einigen Jahren ist ihr Mann, gestorben, fast 65 Jahre waren sie verheiratet. Viele glückliche Jahre hatten sie. Aber jetzt nach dem Tod des geliebten Mannes kommen die Albträume wieder. Nicht nur die Bilder von der Flucht und aus dem April 1945. Nicht vergessen kann die 89-Jährige auch einen heißen Tag im Frühsommer 1947: Im sechsten Monat schwanger ist sie zwei Stunden lang in ein Dorf gelaufen. Für ein paar Handvoll Erbsen will sie arbeiten, aber an allen Höfen wird sie abgewiesen. Völlig erschöpft macht sie sich auf den Rückweg. Jetzt blitzt zum ersten Mal Zorn in ihren Augen auf. „Als eine Bauersfrau aus jenem Dorf später bei mir was nähen lassen wollte, habe ich sie weggeschickt.“ Nach zwei Stunden ist das Gespräch beendet. „Ich habe das alles noch nie jemanden erzählt, nur in der Familie wurde darüber gesprochen.“ Nachbarn und Bekannte wissen nicht, was sie Schreckliches erlebt hat. Und das soll auch so bleiben. Wir einigen uns, dass der Bericht ohne Namen erscheinen wird.