Grünstadt
Grünstadter Arzt fordert mehr Konsequenz beim Umgang mit dem Coronavirus
Zwei neue Corona-Fälle sind gestern im Leiningerland bekannt geworden – in einem Fall handelt es sich um einen Patienten von Jens Galan. Der 50-jährige Grünstadter war Skifahren in Italien und hatte sich dort krank gefühlt. „Er hatte hohes Fieber und Erkältungssymptome“, berichtet Galan, der sich mit seinem Patienten darüber abgestimmt hat, dass er mit der RHEINPFALZ über den Fall sprechen darf. Sein Patient habe am Montag in der Hausarztpraxis angerufen. „Das ist vorbildlich“, sagt Galan, der jedem, der fürchtet, sich mit dem Virus angesteckt zu haben, rät: „Rufen Sie erst bei Ihrem Hausarzt an!“
Praxis bleibt geöffnet
Hausarzt Galan hat sich mit dem Mann verabredet und ihm auf dem Parkplatz seiner Grünstadter Praxis einen Rachenabstrich genommen. „Ich bin in Schutzkleidung raus“, berichtet der Arzt. Am Mittwochmorgen habe das Labor bestätigt, dass der Mann sich mit dem Virus infiziert hatte. Galan berichtet, der Mann habe keine Kinder, die in Schulen gingen und er habe sich auch ansonsten nicht in der Öffentlichkeit aufgehalten, sondern sei zu Hause geblieben. Galans Praxis in der Hochgewanne bleibt weiterhin geöffnet: „Es gibt keine Gefahr für die Mitarbeiter oder die Patienten.“ In der Praxis gebe es ausreichend Schutzanzüge und Desinfektionsmittel, auch Schutzmasken seien noch vorhanden, wenn auch nicht mehr so viele.
Das Gesundheitsamt gab am Mittwoch bekannt, dass bei einem weiteren Mann ein Test auf das Virus positiv ausgefallen sei. Der Mann wohnt in der Verbandsgemeinde Leiningerland. Auch ein Mann aus Neustadt wurde positiv getestet. Alle drei seien momentan nicht schwer erkrankt, hieß es vom Gesundheitsamt. „Die Männer und enge Kontaktpersonen stehen unter häuslicher Quarantäne nach dem Infektionsschutzgesetz. Alle ermittelbaren Kontaktpersonen werden über die Infektion informiert.“ Im Donnersbergkreis gibt es seit Mittwoch eine bestätigte Infektion in der Verbandsgemeinde Göllheim. Die infizierte Person und ihre Familie befinden sich ebenfalls in häuslicher Quarantäne, eine Kita wurde vorläufig geschlossen.
Galan: Man sollte Schulen schließen
Jens Galan (48) ist seit zehn Jahren Hausarzt mit eigener Praxis und er ist Vorsitzender der Ärztegemeinschaft im Leiningerland. Das ist ein Verein, in dem rund 50 Ärzte aus der Region organisiert sind. Ihm ist es wichtig, die Menschen aufzuklären. „Man fragt sich: Reagiere ich über? Verbreite ich unnötige Panik?“, fasst er den Zwiespalt zusammen, den man als Arzt habe. Aber die schnelle Ausbreitung des Virus in Italien und mittlerweile auch in Deutschland gebe doch Anlass zum Handeln. „Ich bin im Moment nicht besorgt um unser aller Gesundheit“, sagt Galan, wohl aber um die der vorerkrankten und alten Menschen. Wenn man sich aber vorstelle, dass viele Patienten erkrankt seien und jeder, dem es schlecht geht, auch das Recht auf eine Behandlung auf einer Intensivstation im Krankenhaus habe, könne man sich ausrechnen, wie schnell die Krankenhäuser an ihre Grenzen kämen: „Die Situation auf den Intensivstationen im Umkreis ist sowieso angespannt, auch ohne Corona“, sagt der Arzt.
Seiner Meinung nach ist der Umgang mit der Pandemie in Deutschland inkonsequent: „Da bewundere ich die Italiener. Ich war überrascht, wie konsequent die das durchziehen.“ Der italienische Ministerpräsident Conte hat das ganze Land zur Sperrzone erklärt. Die Menschen sollen zu Hause bleiben, wenn nicht gewichtige Gründe dagegen sprechen. Galan fordert für Deutschland: „Man sollte auch bei uns zügiger konsequent sein.“ Dazu ist es für ihn unabdingbar, Schulen zu schließen. „Das Virus wird in den nächsten ein, zwei Wochen durch die Schulen schwappen“, ist er sich sicher: „Diese Welle muss man flach halten.“ Für Seniorenheime würde er nur eingeschränkt Besuche empfehlen: „Wenn jemand besonders stark betroffen ist, sind es alte und kranke Leute.“ Sie gelte es zu schützen. Des Weiteren müsste man Zusammenkünfte „auf das Notwendige beschränken“ – das gelte für größere Sportereignisse ebenso wie für Kulturereignisse. Mit Blick auf das Leben im Land sagt er: „Ich denke, das läuft darauf hinaus, dass das gesellschaftliche Leben stark eingeschränkt wird.“
Ärzte sind verunsichert
Bei der Ärzteschaft spüre er eine „große Verunsicherung“, die Mediziner seien „am Limit“. Denn es gelte, zusätzlich zur Versorgung der Patienten den Praxisalltag in Corona-Zeiten zu organisieren, die Kommunikation zwischen Mitarbeitern, Patienten und anderen Ärzten aufrechtzuerhalten und sich die nötigen Infos zu beschaffen – es gibt derzeit in sehr kurzer Zeit sehr viele neue Informationen.
Das Gesundheitssystem, auch das Gesundheitsamt machten in seinen Augen „sehr gute Arbeit“, so Galan. Über die RHEINPFALZ hat er erfahren, dass die Kassenärztliche Vereinigung gestern mit Hausbesuchen bei Verdachtsfällen begonnen hat – da hätte er sich eine Vorab-Info per E-Mail gewünscht. Die Ärzte hätten schon vor mehr als einer Woche eine Anfrage der KV bekommen, ob sie sich vorstellen könnten, als Test-Arzt Hausbesuche zu machen. Galan sagt, er könne das nicht leisten, schließlich gebe es in der Praxis genug zu tun. Eine andere Anfrage hätten die Ärzte auch vom Gesundheitsamt in Neustadt bekommen, das für den Kreis Bad Dürkheim und Neustadt zuständig ist. Hier wurden Ärzte gesucht, die im Neustadter Testcenter für Corona-Verdachtsfälle Dienste wahrnehmen können. Das leerstehende Gebäude in der Speyerdorfer Straße ist von 16 bis 20 Uhr – also nach den Praxiszeiten – geöffnet. Galan sagt: „Wir müssen das Gesundheitsamt unterstützen, die können das sonst nicht schaffen.“
Etwas Kritik schwingt bei Jens Galan mit, wenn er über die Ärzteschaft spricht. Zum einen ärgert er sich über Verbandsvertreter, die die Sache aus Sicht des Grünstadter Arztes zunächst etwas heruntergespielt haben. Zum anderen müssten sich die Ärzte auch an die eigene Nase fassen, wenn sie nicht ausreichend vorbereitet seien, findet er: „Ein Hygieneplan, ein Pandemieplan und eine Minimalausstattung an Schutzmasken sollten eigentlich in jeder Praxis vorhanden sein.“
Bei Erkältungssymptomen Krankschreibung
Die Ärzte dürfen Patienten nun bei Erkältungssymptomen für eine Woche krankschreiben – und zwar ohne sie gesehen zu haben. Galan plant zudem, demnächst Videosprechstunden anzubieten. Dies müsste man sich normalerweise von der Kassenärztlichen Vereinigung genehmigen lassen – derzeit entfällt das. Denn es gehe auch darum, bei Patienten mit anderen Krankheiten abzuschätzen, ob man ihnen den Besuch in der Praxis empfehle oder nicht.