Grünstadt Gottesdienst vor 200 Jahren
Ungewöhnlich startet der Kirchheimer Konzertwinter am Sonntag in seine 28. Saison: Aus Anlass der Vereinigung der Lutheraner und der Reformierten zur Pfälzischen Landeskirche vor 200 Jahren zeichnet der Theologe Bernhard Bonkhoff in einer „knappen historischen Liturgiefeier die damaligen Gegebenheiten der im kirchlichen Gottesdienst gepflegten Vokal- und Instrumentalmusik erlebnisecht nach. Dazu konzertiert der versierte Orgelimprovisator Rudolf Lutz.
Noch im frühen 18. Jahrhundert hatten sich die beiden protestantischen Konfessionen in der Pfalz untereinander oft heftig befehdet, als sie mit den Katholiken stritten. Meist war aufgrund des landesherrlichen Religionsrechts die eine Konfession nur mehr oder weniger geduldet. Strittig war häufig, welcher Geistliche die Kasualien – Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen – vornehmen durfte. Gewiss spielten dabei auch die einzunehmenden Gebühren eine Rolle. Aus Grünstadt ist aus jener Zeit ein bei Walter Lampert vollständig wiedergegebenes Flugblatt über eine Schlägerei um die Leiche des Verblichenen auf dem Weg zum Friedhof überliefert – kein Einzelfall. Nicht zuletzt die geistesgeschichtliche Strömung des Rationalismus brachte es indes im Lauf des 18. Jahrhunderts mit sich, dass man sich für dogmatische Streitigkeiten, etwa über die sakramentale Natur des Abendmahls, immer weniger interessierte. Religion wurde mehr als moralische Anstalt zur Bändigung der Bevölkerung angesehen. Die Franzosenzeit am Ende des 18. Jahrhunderts fegte im Linksrheinischen die vielen Kleinstaaten mit unterschiedlicher Religionsverfasstheit hinweg. Als die heutige Pfalz im Gefolge des Wiener Kongresses 1816 bayerisch wurde, entstand ein von der breiten Mehrheit des Kirchenvolks getragener Wille zur Vereinigung, der vom bayerischen König Ludwig I. gefördert wurde. Denn der war, obwohl katholisch, nach dem protestantischen Staatskirchenverständnis, zum Oberhaupt der zu bildenden Protestantischen Landeskirche geworden. Auf dem Weg dahin waren viele Unterschiede zusammenzuführen, nicht zuletzt in der Kirchenmusik. Die lutherische Gottesdiensttradition war nahe an der ins Deutsche übersetzten katholischen Messe geblieben. Die Reformierten, die in der Folge liturgisch dominierten, gruppierten um die Predigt eine nüchterne Andacht. Daher dauerte es lange, bis ein gemeinsames Gesangbuch herauskam, um das es dann heftigen Streit gab – auch, weil es die vertrauten Texte durch rationalistische Neuschöpfungen ersetzt. In dieses Umfeld führen die beiden Protagonisten des Konzerts. „Bonkhoff wird hinsichtlich der damals verwendeten Gesangbuchslieder auf der Grundlage des durch die Unionssynode von Kaiserslautern beschlossenen Gottesdienst-Ablaufes die Besucher eintauchen lassen in jene aus heutiger Sicht fremde Welt des Rationalismus, als die christliche Gemeinde nur noch ein Publikum gewesen ist“, erläutert der Veranstalter und versichert, dass daraus aber keine trockene Lehrstunde entstehe. Vielmehr obliege es den Konzertbesuchern, als Gemeinde zu fungieren und die damals verwendeten Choräle mitzusingen. Dazu werde der als humorvoller Moderator bekannte Schweizer Musiker Lutz mit seinen höchst kunstvollen Improvisationen und begleitenden Kommentaren für geistreiche Kurzweil sorgen. Zum Konzert gibt es eine außergewöhnliche Zugabe, quasi eine weitere Union in Form einer Wiedervereinigung: Bernhard Bonkhoff ist mit einer Kirchheimer Familie weitläufig verwandt. Ihm ist eine Kirchheimer Bürgermeisterkette aus bayerischer Zeit vererbt worden, die „auf persönlichen Wunsch Bonkhoffs im Rahmen des Eröffnungskonzertes dem Kirchheimer Ortsbürgermeister Robert Brunner quasi als Rückführung an den zugehörigen Ort feierlich zum Verbleib überreicht werden. Neueste Erkenntnisse, welchen Weg die Amtskette im Laufe der Jahre zurückgelegt hat, werden - soweit bekannt - dabei mitgeteilt“, so der Veranstalter. Termin Konzert am Sonntag, 28. Oktober um 17 Uhr in Kirchheims protestantischer Kirche. Der Eintritt ist frei.