Grünstadt
Friseurhandwerk in der Krise: „Viele Azubis werden ausgenutzt“
Traumjob Friseur? Für die Grünstadterin Nadine Weber steht jedenfalls fest: Sie hat als Haarschneiderin ihre berufliche Erfüllung gefunden. „Schon früh war für mich klar: Entweder werde ich Friseurin oder Psychologin“, sagt die 29-Jährige und schmunzelt. Seit Oktober 2024 arbeitet sie im Salon „Jess Room of Hair“ in der Grünstadter Jakobstraße. Nun gehört zu den wenigen Pfälzer Jungmeistern im Friseurhandwerk aus dem Prüfungsjahrgang 2024. Auch bundesweit zieht es immer weniger junge Menschen in diesen Beruf, das verdeutlichen Zahlen der Bundesagentur für Arbeit.
Lag die Anzahl der Beschäftigten im Friseurgewerbe Ende 2017 noch bei 195.693 Personen, waren es zum 31. Dezember 2023 nur noch 150.136. Die negative Entwicklung zeigt sich auch in der Pfalz: So wurden 2010 laut Handwerkskammer 642 Neuverträge mit Auszubildenden im Friseurhandwerk geschlossen – im vergangenen Jahr waren es nur noch 214. Und während es zum Jahresende 2010 noch 1609 Salons in der Region gab, verzeichnet die Handwerkskammer aktuell nur noch 1505 Friseurgeschäfte.
50 Prozent brechen vorzeitig ab
Mehr als 50 Prozent der Azubis im Friseurgewerbe brechen nach Angaben des Bundesinstituts für Berufsbildung ihre Ausbildung vorzeitig ab. Die Neu-Meisterin Weber überrascht das nicht. „Es wird immer schwieriger, einen guten Ausbildungsplatz zu bekommen. Viele werden einfach nur ausgenutzt“, sagt sie mit Blick auf die Überstunden und schlechte Bezahlung, die in der Branche üblich seien. „Auch ich wollte vor meinem Wechsel nach Grünstadt raus aus dem typischen Friseuralltag, bei dem man drei Kunden gleichzeitig bedient“, so Weber.
Ein weiteres zentrales Problem seien die niedrigen Preise mancher Konkurrenten. Besonders Billig-Friseure und Barbershops, die Haarschnitte für rund zehn Euro anbieten, machen es laut Weber schwierig, wirtschaftlich zu arbeiten. „Ich vermute stark, dass viele nicht angemeldet sind oder nicht mal einen Friseurmeister beschäftigt haben“, so die 29-Jährige. Ein wichtiger Punkt – denn in Deutschland besteht für Friseursalons die Meisterpflicht. Will ein Barbier auch ans Kopfhaar, muss er eine entsprechende Qualifikation vorweisen oder einen Friseurmeister als handwerklichen Betriebsleiter beschäftigten. Andernfalls drohen Geldstrafen oder die Schließung des Betriebs.
Handwerk beklagt „Über-Akademisierung“
Handwerkskammer-Sprecherin Ellen Thum führt noch weitere Gründe für die schwierige Situation der Friseurbetriebe an: „Zum einen ist sie auf den demografischen Wandel zurückzuführen, zum anderen aber auch auf die Tatsache, dass das Friseurhandwerk bei der Berufswahl oft nicht als erste Wahl angesehen wird.“ Thum kritisiert zudem eine gesellschaftliche „Über-Akademisierung“, die sich negativ auf das gesamte Handwerk auswirke.
Ein weiteres Problem sei die immer geringer werdende Anzahl an Ausbildungsplätzen. Laut Thum sehen vor allem kleine Betriebe zunehmend davon ab. Die Gründe seien gestiegene Kosten für Material, Energie und Personal sowie ein hoher Zeit- und Bürokratieaufwand. „Die Rückzahlungen der Corona-Soforthilfe lasten noch zusätzlich auf den Betrieben, was auch zu einer Aufgabe des Betriebes führen kann“, so die Sprecherin.
Friseurin ist für Mindestlohnerhöhung
Eine zusätzliche Belastung ist aus Sicht des Zentralverbands des Deutschen Friseurhandwerks die geplante Erhöhung des Mindestlohns auf 15 Euro. Die Präsidentin Manuela Härtelt-Dören warnte etwa vor erhöhten Sozialabgaben und Personalkosten, die zu einem Verlust vieler Arbeitsplätze führen könnten. Eine Befürworterin ist dagegen Nadine Weber. Sie sieht in der Lohnerhöhung auch eine Chance, wenn sie dazu beiträgt, dass sich mehr junge Menschen für eine Friseurausbildung entscheiden. Auch aus Sicht der Handwerkskammer sei eine Erhöhung der Löhne bei gleichzeitigen Tarifbindungspflichten notwendig, um die Situation zu verbessern, so Thum.
„Weiterentwicklung ist wichtig“
Friseurbetriebe müssten sich zudem hervorzuheben, um auf dem Markt zu überleben, meint Weber. Der Salon am Römerplatz, in dem sie arbeitet, setze beispielsweise auf vegane Haarpflege- und Stylingprodukte sowie auf eine verstärkte Präsenz in den sozialen Medien. „Weiterentwicklung ist wichtig“, sagt Weber und ergänzt: „Es kommen ja alle paar Monate neue Trends, die durch Influencer in den sozialen Medien verbreitet werden und nicht nur junge Menschen erreichen.“
Zur Person
Nadine Weber gehört zu den 274 Jungmeistern aus 15 verschiedenen Gewerken, die im Jahr 2024 ihre Meisterprüfung bestanden haben und im März von der Handwerkskammer der Pfalz geehrt wurden. Vor dem Besuch der Meisterschule in Kaiserslautern arbeitete Weber zwölf Jahre lang als Friseurin in Bad Dürkheim. Seit Oktober 2024 gehört die 29-Jährige zum Team im Grünstadter Salon von Jessica Seelinger.