Grünstadt Fantasie einer Ökumene

Rudolf Lutz
Rudolf Lutz

Eine interessante Kombination von liturgiegeschichtlicher Lehrstunde und fulminant-improvisatorischem Orgelkonzert servierten der Kirchenhistoriker und Pfarrer Bernhard Bonkhoff aus Homburg und der Organist Rudolf Lutz aus St. Gallen am Sonntag beim Kirchheimer Konzertwinter. Es mag am speziellen Programm gelegen haben, der Publikumszuspruch war jedenfalls geringer, als sonst in dieser Reihe üblich – die Qualität nicht.

Der Kirchheimer Konzertwinter stellte sein Eröffnungskonzert ins Zeichen der Jubiläumsfeierlichkeiten anlässlich der Union der beiden protestantischen Konfessionen in der Pfalz vor 200 Jahren. Absicht war, einen Gottesdienst nachzuvollziehen, wie er im Zeichen rationalistischer Theologie vor 200 Jahren eingeführt wurde. Es ist ein Ablauf, in dem die reformierte Tradition weit mehr zum Tragen kommt als die lutherische: Im Zentrum die Predigt, vorher und nachher Gebete und Choräle. Rudolf Lutz oblag es, diesen Ablauf stilgerecht musikalisch zu gestalten – das recht langsame Tempo des Gesangs, die Zwischenspiele zwischen den Choralzeichen, den feierlichen Ernst der Vor- und Nachspiele. Das Publikum sang kräftig mit – was dadurch erleichtert wurde, dass die Melodien auch heute noch – wieder mit den ursprünglichen Texten – gesungen werden. Die Gebete, die Gott „ausführlich erklären, wie er ist“, seien nach 1818 einer kurpfälzischen Agende des späten 18. Jahrhunderts entnommen worden, so Bonkhoff. Im 19. Jahrhundert habe man in der pfälzischen Landeskirche die badische Agende übernommen. Erst in den 1920er Jahren sei eine eigene Agende der pfälzischen Landeskirche zustandegekommen. Manches interessante Detail aus der Zeit, in der sich Reformierte wie Lutheraner auf veränderte Gottesdienstformen einstellen mussten, wusste Bonkhoff anzufügen. Zum Abendmahl wurden ab dem 1. Advent 1818 nicht mehr Hostien wie bei den Lutheranern und Kranzkuchen wie bei den Reformierten gereicht, sondern normales Brot gebrochen – wie in der Bibel zu lesen. Mehrfache Zeugnisse berichten laut Bonkhoff, dass damals auch Katholiken zum Abendmahl kamen – in der Hoffnung, damit eine weitere Kirchenunion zu befördern. Diese doch endlich Wirklichkeit werden zu lassen, war das durchaus ergreifende Schlusswort des evangelischen Theologen. Dann gehörte die Konzertwintereröffnung ganz der kraftvollen Mönch-Orgel und dem erneut ungemein munteren Improvisationskünstler Rudolf Lutz. Seine improvisierten Sätze sind in der Struktur kunstvoll, dabei leicht fasslich und meistens recht knapp. Lutz ist sozusagen ganz von barockem Formbewusstsein durchdrungen. Der künstlerische Leiter der Konzertreihe, Dominik Wörner, hatte Lutz diverse Aufgaben gestellt und dazu jeweils auch einen Musikstil vorgegeben. So waren etwa zu hören: Lieder ohne Worte nach dem Vorbild Schuberts. Lutz bereicherte diese Vorgabe durch einen appenzellerischen Jodler. Dann spielte er eine romantische Sonate: „Herzlich tut mich verlangen“ im Stil Mendelssohns. Sie, so gab Lutz zu, war nicht improvisiert, sondern mühevoll komponiert: als Vollendung einer von Mendelssohn nur angefangenen Komposition. Lutz traf die musikalische Weise Mendelssohns durchaus, da sein Temperament aber vorwärtsdrängend und lebhaft ist, fehlte es etwas an jener betrachtenden Beschaulichkeit, die dem Stück zur größerer Wirkung verholfen hätte. Ein würdiger Marsch bereitete eine bemerkenswerte Rückführung vor: Bernhard Bonkhoff hatte eine bayerische Bürgermeisterplakette des frühen 19. Jahrhunderts bei sich, die auf familiärem Weg zu ihm gekommen war. Eine ferne Vorfahrin von ihm war Johanna Katharina Pfeiffer, die 1830 in Kirchheim den Landwirt, Winzer und Presbyter Johann Philipp Rogenwieser heiratete. Ihr Bruder Sebastian Pfeiffer war von 1837 bis 1847 Bürgermeister von Kirchheim, allerdings in seiner Amtszeit oft krank. In diesem Zusammenhang, vermutete Bonkhoff, sei das glänzende Amtsabzeichen in der Familie verblieben; jetzt aber solle es zurückkehren, sagte Bonkhoff und hängte es dem sichtlich bewegten jetzigen Bürgermeister Robert Brunner um den Hals, der versprach, es in Ehren zu halten. Eine „Symphonische Unionstrilogie“ und eine – von Lutz in verhaltenen Farben gehaltene – „Große Visionsfantasie einer Ökumene“ schlossen das kunstreiche Konzert ab. Besonders schön: Außer den ihm aufgegebenen Kirchenliedern verarbeitete Rudolf Lutz in dieser Fantasie auch Kirchenmusik von Mozart und Bach.

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