Leiningerland RHEINPFALZ Plus Artikel Faktencheck (3 und Schluss): Schaden Windräder dem Menschen?

Viele Menschen wollen Windparks wie diesen hier bei Kindenheim nicht in ihrer Nähe haben. Solange beim Bau und im Betrieb alle g
Viele Menschen wollen Windparks wie diesen hier bei Kindenheim nicht in ihrer Nähe haben. Solange beim Bau und im Betrieb alle gängigen Vorschriften eingehalten werden, sind bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen zufolge aber keine schädlichen Auswirkungen auf die Bevölkerung zu befürchten.

Zu nah? Zu laut? Zu hässlich? Am Ende gar gesundheitsschädlich? Über die Auswirkungen von Windrädern auf Menschen wird heiß diskutiert. In der letzten Folge unseres Faktenchecks zur Windenergie erklären wir, warum sie manchen Bürgern schwer zu schaffen macht, auch wenn es keine belegbaren Gründe dafür gibt.

In den Diskussionen der vergangenen Monate war immer wieder von schädlichen Effekten die Rede, die Windenergieanlagen auf Menschen haben. In Ratssitzungen und bei Informationsveranstaltungen ging es unter anderem um die Bedeutung von Infraschall, Lärmbelästigungen durch den Betrieb von Windrädern, die Verschandelung der Landschaft und das drohende Ausbleiben von Touristen im Leiningerland.

Über den Themenkreis haben wir wieder mit Professor Henrik te Heesen vom Umwelt-Campus Birkenfeld gesprochen. Außerdem haben wir uns verschiedene Studien und Infobroschüren von Verbänden, Ministerien, Instituten und dem Bundesumweltamt angesehen, um Antworten auf ein paar drängende Fragen zu finden.

Einwand: Der Infraschall, den Windräder verursachen, ist schädlich für Menschen.
Infraschall ist Schall in sehr niedrigen Frequenzbereichen unterhalb von 20 Hertz. Anders als der hörbare Schall von 20 bis 20.000 Hertz ist er für menschliche Ohren – außer für die überdurchschnittlich sensibler Personen – nur bei hohen Schalldruckpegeln wahrnehmbar. Grob vereinfacht gesagt: Je tiefer die Frequenz, desto höher muss die „Lautstärke“ sein, damit ein Sinneseindruck entsteht.

Laboruntersuchungen haben ergeben, dass Infraschall bei starker Intensität als Vibration oder Druckgefühl wahrgenommen wird. Besonders hohe Schallpegel können demnach Symptome wie Übelkeit, Benommenheit, Müdigkeit oder depressive Stimmungen hervorrufen. Die Betonung liegt hierbei auf „besonders hoch“. Windräder bleiben allen bislang erhobenen Messergebnissen zufolge weit unter der dafür erforderlichen Lautstärke.

Das Umweltbundesamt hat in seiner Broschüre „Mögliche gesundheitliche Effekte von Windenergieanlagen“ Ergebnisse diverser wissenschaftlicher Studien zusammengetragen. Sie besagen, dass die gesetzlich definierte Hör- und Wahrnehmungsschwelle bei von Windkraftanlagen verursachtem Infraschall nicht einmal in deren direktem Umfeld erreicht wird. Bei den üblichen Abständen zur Wohnbebauung gelte das erst recht.

In 700 Metern Entfernung mache es keinen Unterschied mehr, ob ein Windrad laufe oder stillstehe. Das hänge unter anderem damit zusammen, dass die Anlagen nur eine von vielen Schallquellen im natürlichen Lebensumfeld des Menschen seien. Infraschall werde zum Beispiel auch von Sturm, Meeresbrandung, Kühlschränken und Straßenverkehr verursacht, sodass der der Windräder kaum ins Gewicht falle.

Dass manche Anwohner dennoch über gesundheitliche Beschwerden klagen, hat laut Henrik te Heesen nach bisherigen Erkenntnissen mit dem sogenannten Nocebo-Effekt zu tun. Das ist ein umgekehrter Placebo-Effekt: Menschen glauben, dass etwas negative Auswirkungen auf sie haben wird, und genau die treten dann ein. Te Heesen zufolge gibt es das Phänomen auch bei Mobilfunkmasten und Stromleitungen. Da die Belastung der Psyche in solchen Fällen durchaus physische Folgen verursachen könne, müsse das Problem ernstgenommen und mehr Aufklärung geleistet werden.

Um die bemüht sich unter anderem das Umweltbundesamt. Kürzlich hat es Ergebnisse einer Studie zu „Lärmwirkungen von Infraschallimmissionen“ publiziert, die bisherige wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigt: Infraschall unterhalb der Wahrnehmungsgrenze hat keine Auswirkungen auf den Körper und wird auch nicht als störend empfunden. Weil es immer mehr Beschwerden von Bürgern gibt, regt das Amt dennoch weitere Untersuchungen an, um zu überprüfen, ob es auf lange Sicht nicht doch gesundheitliche Auswirkungen geben könnte.

Einwand: Windkraftanlagen sind zu laut. Sie sollten nicht in der Nähe von Siedlungen stehen.
Für Windräder gelten die selben Vorschriften wie beim Bau aller anderen Anlagen, von denen Lärm ausgehen kann. Sie ergeben sich aus dem Bundesimmissionsschutzgesetz in Verbindung mit der Technischen Anleitung zum Schutz gegen Lärm (kurz: TA Lärm). Die Grenzwerte sind aus Streitigkeiten über Spielplätze bekannt und immer genau gleich: In reinen Wohngebieten dürfen es tags 50 und nachts 35 Dezibel sein, in Mischgebieten tags 60 und nachts 45 Dezibel.

Te Heesen findet es wichtig, diese Werte für ein besseres Verständnis einzuordnen: In einer Bibliothek betrage die Lautstärke etwa 30 Dezibel, in einer ruhigen Unterhaltung 60 und Rockkonzerte lägen mit 120 Dezibel dicht an der Schmerzgrenze. Bei einer Windkraftanlage unter Volllast seien in 300 Metern Entfernung noch 50 Dezibel gemessen worden, erklärt er.

Tatsächlich komme es bei Starkwind direkt am Rotor schon zu Pegeln um die 100 Dezibel, aber genau aus dem Grund gebe es ja Sicherheitsabstände. Bei jedem einzelnen Projekt würden im Vorfeld komplexe Gutachten unter Berücksichtigung aller Besonderheiten vor Ort erstellt, um zu gewährleisten, dass die Grenzwerte der TA Lärm eingehalten werden. Komme es anschließend dennoch zu Überschreitungen, müssten die Windräder – im Zweifel auf Geheiß eines Gerichts – abgeschaltet werden.

Einwand: Der Schattenwurf von bewegten Rotorblättern sowie das Sonnenlicht, das von ihnen reflektiert wird, schaden der Gesundheit.
Ein möglicher Zusammenhang zwischen dem Stroboskop-Effekt durch Lichtreflexionen auf Rotorblättern und epileptischen Anfällen wurde wissenschaftlich untersucht und im Wesentlichen festgestellt, dass sich die Windräder dafür sehr schnell drehen müssten. Laut Umweltbundesamt ist das bei den großen, modernen Anlagen jedoch nicht der Fall: Sie drehten sich in einer Frequenz, bei der kein Risiko für „photointensive Anfälle“ bestehe. Außerdem seien die Rotorblätter heute in Farben gehalten, die nur schwach reflektierten und den Stroboskop-Effekt zusätzlich reduzierten.

Was wiederholte Schattenwurfeffekte auf bewohntes Gebiet betreffe, gälten mittlerweile Abstandsregeln, die dafür sorgten, dass so etwas kaum noch vorkomme. Wo es dennoch passiert, müsse gutachterlich nachgewiesen werden, dass die gesetzlich „zulässige Beschattungsdauer von maximal acht Stunden im Jahr“ nicht überschritten wird. Zur Einhaltung der Grenzwerte könne dann eine Abschaltautomatik vorgeschrieben werden, heißt es. Eine Beeinträchtigung der Gesundheit von Anwohnern soll dadurch ausgeschlossen werden.

Einwand: Warum werden die Auswirkungen von Kohle- und Kernkraft in der Diskussion eigentlich kaum berücksichtigt? Sie wiegen viel schwerer und sind damit ein guter Grund für den Umstieg.
Damit dürften vor allem der Ausstoß von Treibhausgasen und die Beeinträchtigung der Natur durch Bergbau für Kohle sowie das Problem der Endlagerung bei Kernkraft gemeint sein. Dies alles in Zahlen zu fassen, um es greifbar zu machen, ist schwierig und würde hier den Rahmen sprengen. Anhaltspunkte sollen aber gegeben werden.

Das Umweltbundesamt hat zuletzt 2019 Schätzungen zu Umweltkosten bei der Stromerzeugung veröffentlicht. Würden diese berücksichtigt, müssten auf die reinen Herstellungskosten von 4 bis 10 Cent pro Kilowattstunde bei Braunkohle 21 Cent und bei Steinkohle 19 Cent draufgeschlagen werden. Für Atomkraft werden keine Daten erhoben, weil ein möglicher Störfall Folgekosten nach sich ziehen würde, deren Umfang kaum beziffert werden kann. Es gibt dazu ganz verschiedene Schätzungen, die extrem weit auseinanderliegen. Bei Windkraft kommen zu den 4 bis 8 Cent Herstellungskosten 0,3 Cent dazu, bei Solarenergie zu 4 bis 11 Cent noch einmal 1,6 Cent.

Merke: Die Umweltkosten beziehen sich allein auf Schäden durch den Ausstoß von Treibhausgasen und anderen Luftschadstoffen. Kosten, die durch den Bergbau oder die Lagerung von Atommüll entstehen, werden nicht berücksichtigt. Diese sogenannten Ewigkeitskosten lassen sich sehr schwer beziffern. Laut eines 2016 veröffentlichten Gutachtens des Bundeswirtschaftsministeriums belaufen sie sich im Steinkohlebergbau auf 12,5 bis 13,1 Milliarden Euro. Sie umfassen das dauerhafte Reinigen von Grundwasser sowie das Abpumpen von Wasser in Bereichen, in denen die Erdoberfläche durch den Bergbau um bis zu 25 Meter abgesenkt wurde.

Bei der Atomkraft mögen folgende Daten als kleine Orientierungshilfe dienen: Der Rückbau eines Reaktors kostet nach Angaben diverser Betreiber, die so etwas in der Vergangenheit schon umgesetzt haben, rund eine Milliarde Euro. Für die Zwischen- und Endlagerung nach dem Ausstieg sind dem Bund von Betreiberfirmen 24,1 Milliarden Euro zur Verfügung gestellt worden. Viele Fachleute gehen davon aus, dass das nicht reichen wird.

Einwand: Windräder verschandeln die Landschaft.
Das ist eine subjektive Wahrnehmung, daher lässt sich kein schlagendes Argument dagegen ins Feld führen. Henrik te Heesen hebt hervor, dass die persönliche Einstellung gegenüber Windkraftanlagen eine große Auswirkung darauf hat, als wie störend sie wahrgenommen werden – sowohl was Geräusche als auch was den Anblick betrifft. Dem könne nur entgegengewirkt werden, indem man Menschen nicht mit ihren Bedenken allein lasse, sondern sie informiere und ihnen erkläre, warum Erneuerbare Energien so wichtig sind.

Nach der aktuellen Studie „Umweltbewusstsein und Umweltverhalten“ des Umweltbundesamts ist die Botschaft zwar längst angekommen: 72 Prozent der befragten Bürger fanden, dass Umwelt- und Klimaschutz in der Energiepolitik eine übergeordnete Rolle spielen sollten, 60 Prozent waren der Meinung, dass die Energiewende zur Senkung der Treibhausgase in Deutschland beiträgt und 81 Prozent geht es sogar zu langsam voran.

Das Problem sei, dass die Akzeptanz oft da ende, wo es um Projekte vor der eigenen Haustür geht, sagt te Heesen. Einem Städter falle es leichter, Windkraft zu befürworten als einem Dorfbewohner, der jeden Tag auf die Anlagen blickt.

Einwand: Touristen werden ausbleiben, wenn wir Landschaft durch weitere Windräder verhunzen.
Hier spielt die subjektive Wahrnehmung wieder eine Rolle: Technik- und umweltaffine Menschen könnten den Anblick von Windkraftanlagen durchaus als positiv und bereichernd empfinden, resümieren Naturschutzbund Deutschland und Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland in ihrem „Faktencheck Windenergie“. Die meisten würden sie aber wohl in erster Linie als Beeinträchtigung empfinden, die Erholungswert und Schönheit einer Landschaft mindern.

Dass das allgemeine Empfinden vielleicht nicht ganz so extrem ist, legen die Ergebnisse einer Studie des Instituts für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa nahe. Demnach nahmen sieben Prozent der befragten Urlauber Windräder in Deutschland zwar als störende Elemente in der Landschaft wahr, aber nur einer von 100 würde einen Urlaubsort deswegen meiden. Faktoren wie Wetter, Preis-Leistungs-Verhältnis, Gastfreundlichkeit und Qualität von Gastronomie und Unterbringung seien wichtiger.

Da nachhaltiges Reisen gefragt ist, kann ein kreativer Umgang mit Erneuerbaren Energien mittlerweile offenbar sogar zu einem Imagegewinn führen. Eine kurze Recherche im Internet ergab: Einige über die ganze Republik verteilte Ortschaften wie Jühnde in Niedersachsen oder Morbach in Rheinland-Pfalz haben darin Potenzial erkannt und setzen nun ganz bewusst auf diese Karte.

Zur Person

Henrik te Heesen ist Professor für Erneuerbare Energien am Umwelt-Campus Birkenfeld der Hochschule Trier. Er promovierte in Physik. Te Heesen schloss sich dem Umwelt-Campus 2013 an und ist für den Studiengang „Erneuerbare Energien“ verantwortlich. Seine Forschungsschwerpunkte sind Energiemodellentwicklung sowie Qualitätssicherung von erneuerbaren Energiesystemen. Seit 2018 ist te Heesen Leiter des Instituts für Betriebs- und Technologiemanagement am Umwelt-Campus und seit 2019 Mitglied im Vorstand des Umwelttechniknetzwerks Ecoliance Rheinland-Pfalz e. V.
Foto: Müller-Dönnhoff/UCB
Henrik te Heesen
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