Grünstadt Ein Traum geht in Erfüllung
Jahrzehntelang haben die Kirchheimer unter dem enormen Durchgangsverkehr in ihrem Weindorf mit bis zu 15.000 Fahrzeugen täglich gelitten und von einer Entlastungsstraße geträumt. Am 7. November wurde die 3,5 Kilometer lange Westumgehung endlich eingeweiht. Jetzt zeigt sich die Weinstraße an einem Wochentag so ruhig wie noch nie. Die Erwartungen wurden offensichtlich erfüllt.
„Es ist wesentlich ruhiger“, sagt Yvonne Bender-Weickert, die gegenüber dem Friederich-Diffiné-Gemeindezentrum wohnt. Sie schwärmt: „Jetzt können wir auch mal die Fenster öffnen und wenn wir aus dem Hof herausfahren wollen, geht das ganz schnell.“ Mehr Raser hat die Anwohnerin auf der freien Straße nicht festgestellt. „Ich bin total glücklich und freue mich, dass der Bürgermeister die Umgehung durchgesetzt hat.“ Angelika Chelius-Kolb vom Weingut Kolb hat den belastenden Durchgangsverkehr 20 Jahre lang ertragen müssen, ihr Mann sogar sein ganzes Leben lang. Auch dessen Mutter hat immer auf eine Entlastungsstraße gehofft. Nun sei sie nicht mehr in den Genuss der Stille gekommen, bedauert Chelius-Kolb: „Sie starb im August.“ Negative Auswirkungen auf ihren Betrieb befürchtet sie nicht. „Die Touristen fahren weiterhin durch die Dörfer und die Kunden kommen gezielt – egal, ob es eine Ortsumgehung gibt oder nicht.“ Für die Weinliebhaber sei der Einkauf sogar angenehmer geworden: „Sie können in den Hof hineinfahren. Das war vorher aufgrund des nicht abreißen wollenden Gegenverkehrs nicht möglich.“ Was vor der Eröffnung der B 271 neu auch nicht möglich war: Sich mit dem Nachbarn über die Straße hinweg zu unterhalten. Nun könne man das. Chelius-Kolb findet: „Man hört die Ruhe.“ Willy Haar von gegenüber lächelt auch ganz entspannt. „Es ist viel, viel ruhiger“, betont er. Dass jetzt schneller gefahren wird, hat er nicht beobachtet. Winzer Ansgar Galler aus der Bissersheimer Straße freut sich: „Es ist eine Riesenentlastung für unser Dorf.“ Er sei sehr erstaunt, wie wenig Autos nun im Ortskern unterwegs sind. Das habe er bei seinen Einsätzen beim freiwilligen Lotsendienst für die Grundschüler gesehen. „Sicherlich ist das für die direkten Anwohner der Weinstraße eine enorme Steigerung der Lebensqualität und sie werden eher als bisher bereit sein, ihre Häuser zu sanieren“, meint er. Galler sieht insgesamt große Chancen für die Entwicklung Kirchheims, das Dorfleben und die Außenwirkung der Gemeinde. Sein Weingut leide nicht darunter, dass nicht mehr so viel Betriebsamkeit auf der Weinstraße herrscht. „Wir haben kaum vorbeifahrende Zufallskunden.“ Auch Sternekoch Manfred Schwarz, der ein Restaurant gegenüber dem Schwarzen Platz betreibt, sagt: „Ich befürchte keine Einbußen. Meine Gäste kommen teilweise aus Mannheim und Heidelberg. Denen ist es egal, ob es eine Umgehungsstraße gibt oder nicht.“ Pendler und Lastwagenfahrer seien nicht seine Kunden, „und da ist es mir ganz recht, wenn sie nicht mehr durch den Ort fahren“. Schwarz glaubt, dass Kirchheim jede Menge Leute in seinen Dorfkern locken wird, wenn dieser „sich herausgeputzt hat“. Wie mehrfach berichtet, soll die Ortsmitte attraktiv umgestaltet werden. Erste Planentwürfe liegen vor. Doch auch jetzt schon ist es in den Augen von Simone Bergelt „kein Vergleich mit vorher“. Die Gattin von Thomas Hammel aus dem gleichnamigen Weingut schwärmt: „Es ist ein Traum.“ Dass die Kasse nun seltener klingeln wird, glaubt sie nicht: „Wir haben 5000 private Abnehmer in unserer Kartei. Die kaufen unabhängig von der Umgehungsstraße weiterhin ihre Lieblingssorten bei uns.“ Einen Nachteil habe die Umgehung jedoch tatsächlich: „Mein Mann verschläft jetzt öfter, weil er nicht mehr früh morgens von den durch den Ort brausenden Lkw geweckt wird.“