Kirchheim RHEINPFALZ Plus Artikel Ein Konzertwinter im Sommer: Impressionen von den Proben des Kantaten-Projekts

Intensive Probenarbeit in der Protestantischen Kirche in Kirchheim.
Intensive Probenarbeit in der Protestantischen Kirche in Kirchheim.

Im Zentrum des fünfteiligen Kirchheimer Konzertwinters, der diesmal zum Konzertsommer mutierte, steht am Wochenende wieder einmal der Komponist Christoph Graupner. Das im Doppelpack servierte Programm von Passions- und Osterkantaten wird vom SWR mitgeschnitten, gleichzeitig Material für die vierte Kirchheimer CD-Produktion mit Werken des Darmstädter Barockgenies.

Dominik Wörner – in Personalunion sowohl Interpret als auch Impresario des langjährig etablierten Festivals an der nördlichen Weinstraße – hat zur „Werkstatt“ geladen. Kurz vor Probenbeginn am schwülen Donnerstagnachmittag plaudert er, besser: schwärmt er vom genialen Darmstädter Hofkapellmeister Graupner, maßgeblich und fundiert sekundiert von Graupner-Forscher Florian Heyerick, Professor in Gent. Der wiederum, zeitweise Chefdirigent des Kurpfälzischen Kammerorchesters, jetzt unter andere, des Barockorchesters Mannheimer Hofkapelle, hat, wie er erzählt, von den etwa 2.000 bislang vermuteten Kantaten bislang rund 1400 zumindest „in der Hand gehabt“, 150 davon aufgeführt.

Ein echter Zyklus mit Graupner-Kantaten

Am Samstag und Sonntag in Kirchheim, da wird es diesmal einen echten Zyklus geben: Fünf dem Kirchenjahr konkret zwischen Gründonnerstag und „Jubilate“, dem dritten Sonntag nach Ostern, zugeordneten Werke. Und es sind die einzigen in der Besetzung Sopran, Sopran, Bass nebst Begleitung von Streichern, Holzbläsern und Taste.

„Diesmal fiel die Auswahl nicht schwer, weil die Besetzung das Diktum war“, erläutert Wörner. Ansonsten: „Man nimmt aus dem Riesenfundus wahllos so ein Notenblatt in die Hand und denkt, mein Gott – ist das großartig.“ Angesichts der Fülle des Materials ein regelrechtes Bad im Genialen. Und dabei denkt der Bariton Wörner nicht zuletzt an die allein 47 Solo-Kantaten für tiefe Männerstimme, die der fleißige Schöpfer in landgräflichen Diensten hinterlassen hat.

Graupner, 1683 im hessischen Kirchberg geboren, komponierte zunächst vornehmlich Opern. Landgraf Ludwig von Hessen, der ebenso wie seine Fürsten-Kollegen vor allem der Musik, Frauen sowie der Jagd überaus zugetan war, was ihn immer mal samt Hofstaat an den Rand des finanziellen Ruins beförderte, holte den hochbegabten Musiker 1709 an seinen Hof. Und bezahlte ihn – wenn eben mal Geld im Säckel war – durchaus fürstlich; erhob ihn 1711 bereits in den Stand des Hofkapellmeisters. Und ließ ihn, nachdem die Oper Konkurs anmelden musste, einfach fleißig Kirchenkantaten schreiben. Das vorzügliche Stimmpersonal der verdunkelten Bühne, so vermerkt Heyerick nicht wenig süffisant, wurde für die sakrale Verlagerung gleich mitgeliefert.

Ein wenig Enge habe Graupner in seinem landgräflichen Kosmos wohl schon gespürt. Sonst hätte er sich 1722 nicht auf die Vakanz des Thomaskantorats in Leipzig beworben. Aber wie zuvor schon Telemann, den unwiderstehliche Offerten weiter an Hamburg fesselten, musste Graupner akzeptieren, dass sein Dienstherr ihn nicht ziehen ließ, sogar sein Gehalt willig aufbesserte. Wie das für Leipzig ausging, wissen wir: Johann Sebastian Bach erhielt den Posten, damals die dritte, vierte, vielleicht sogar fünfte Wahl. Nun ja …

Der Komponist hat ein riesiges Werk hinterlassen

Generationen von Musiker würden nicht ausreichen, um Graupners – vermutlich in Teilen nicht einmal uraufgeführtes – Oeuvre in Szene zu setzen. Die Fülle erschlage einem schier, betonen Beide, „aber niemals ist etwas dabei, das nicht höchsten Ansprüchen genügt.“ Dir Textbehandlung sei vorzüglich klar und subtil, auch in ihrem unterschwelligen Gehalt, die Vertonung stets technisch brillant, vor allem aber von immenser emotionaler Kraft.

Florian Heyerick, der nicht nur ein versierter Cembalist und Orchesterleiter, sondern letztlich auch hochinvestigativer Musikwissenschaftler ist, fragt sich oftmals notgedrungen auch hypothetisch durch die Gegebenheiten. „Warum verwendet Graupner für die Osterkantate 1733 den (eigentlich Sterbe-)Choral „Jesu, meine Freude?“ Kriege, Hungersnöte, Armut - die Menschen darbten, so seine Erklärung. „Und dieser Choral ist einerseits Trostmusik und untermauert gleichzeitig das theologische Verständnis von der Erlösung durch den Tod und der Auferstehung als eigentliches Ziel des Lebens.“

Musikwissenschaftliche Detektivarbeit ist nötig

Ein wenig vom schwierigen Heben dieser musikalischen Schätze bekommt man mit, wenn Heyerick von den Problemen im Umgang mit den Autographen und Reproduktionen durch Kopisten berichtet. Nicht zuletzt die Texte – noch in Sütterlin-Schrift, dazu handschriftlich verfasst – ließen zuweilen Deutungen zu.

Doch genug der Theorie – das Kirchheimer BachConsort bezieht rund ums frisch gestimmte, unter Florian Heyerick Händen vorzüglich leitende Cembalo Platz. Und mit den in Gefilden der Alten Musik überaus trittsicher flanierenden Sopranistinnen Hanna Zumsande und Marie Luise Werneburg sowie Dominik Wörner ist auch das Vokaltrio komplett. Um ein neues spektakuläres Kapitel im dicken Graupner-Oeuvre aufs Podium zu heben.

Konzert

Kirchheimer Konzertsommer, Prot. Kirche: „Kantaten-Konzert“, heute, Samstag, 19 Uhr, und Sonntag, 15 Uhr; Marie-Luise Werneburg u. Hanna Zumsande, Sopran, Dominik Wörner, Bass, Kirchheimer BachConsort, Leitung: Florian Heyerick; Eintritt frei bei Bitte um Spenden; Info: www.konzerwinter.de

x