Ebertsheim / Tiefenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Deutsche Bahn fällt Bäume: Bürgermeister ärgern sich

Von der Bahn gefällt: Birken an der einstigen Bahnstrecke von Mertesheim nach Hettenleidelheim. Ebertsheims Ortsbürgermeister Be
Von der Bahn gefällt: Birken an der einstigen Bahnstrecke von Mertesheim nach Hettenleidelheim. Ebertsheims Ortsbürgermeister Bernd Findt (rechts) und Vogelschützer Holger Wilding sind fassungslos.

Es sieht aus, als sei ein heftiger Sturm durch das Seltenbachtal gefegt: Auf breiter Fläche liegen Birken am Boden. Den Kahlschlag hat die Deutsche Bahn angeordnet. Der Ärger in Ebertsheim und Tiefenthal ist groß. Hat der Konzern alles richtig gemacht?

Ebertsheims Ortsbürgermeister Bernd Findt (FL) und der Vorsitzende des örtlichen Vogelschutzvereins, Holger Wilding, können es noch immer nicht fassen. Zwischen der ehemaligen Kreisstraße, einem heutigen Wanderweg, in Richtung Tiefenthal und der einstigen Bahnstrecke von Mertesheim nach Hettenleidelheim ist eine lange Reihe an Baumstümpfen zu sehen, vielfach nicht sauber abgesägt. Noch immer sieht man an der Stelle im Seltenbachtal deutlich die Spuren von dem, was vor rund einem halben Jahr auf Ebertsheimer und Tiefenthaler Gemarkung geschah. „Im Dezember wurde ich von aufgeregten Bürgern angerufen und gefragt, was auf dem Grubengelände los sei“, so Findt.

„Wir wurden nicht informiert“

Er ärgert sich über die Deutsche Bahn. Denn sie hat die Rodungen auf großen Teilen ihres Geländes veranlasst, habe aber die Ortsgemeinde nie darüber informiert. Auch Amtskollege Edwin Gaub (CDU) aus Tiefenthal sagt: „Eine Information darüber habe ich bis heute nicht erhalten.“ Beide Ortschefs haben die Untere Landespflege bei der Kreisverwaltung Bad Dürkheim wegen der Rodungen in dem FFH-Schutzgebiet eingeschaltet. Auch die Behörde war eigenen Angaben nach überrascht und wollte schon zu Jahresanfang von der Bahn mehr zu dem Fall wissen – kein einfaches Unterfangen. Am 13. Januar forderte die Behörde die Bahn zu einer Stellungnahme bis 14. Februar auf. Denn nach Auffassung der Behörde sollte ein Eingriff dieser Art in die Natur mit ihr zuvor abgestimmt werden. Es könnten naturschutzrechtliche Belange betroffen sein.

Antwort auf den letzten Drücker

Auf den letzten Drücker sei dann die Antwort auf die Stellungnahme eingegangen und ein Treffen vorgeschlagen worden, so Findt. Das habe zwei Monate später stattgefunden. „Es war von Verkehrssicherung die Rede und es wurde behauptet, dass alle Bäume faul waren“, so Findt über die Ortsbesichtigung. Vogelschützer Wilding meint: „Da war kein einziger Baum krank.“

Eine Bahnsprecherin widerspricht. Bei einer Kontrolle sei festgestellt worden, dass etliche Bäume nicht mehr standsicher gewesen seien. „Fachkräfte haben daher im Dezember 47 Bäume entnommen“, sagt sie. Wenn man nachzählt, kommt man vor Ort auf eine deutlich größere Anzahl. „Wir sind gesetzlich verpflichtet, die Vegetation entlang unserer Strecken und Anlagen zu inspizieren und bei Bedarf Maßnahmen umzusetzen, um die Verkehrssicherheit zu gewährleisten“, so die Bahn.

Die Untere Landespflege der Kreisverwaltung konnte zur konkreten Anzahl der Bäume nichts sagen, aber dass „sich die Fällungen auf eine Länge von circa 1,5 Kilometern erstrecken“, erklärte Pressesprecher Arno Fickus. Abgesägt worden seien Vogelkirschen, Weiden, Robinien und Birken. Und ob, wie die Bahn sagt, alle geschädigt waren, lasse sich nicht mehr nachvollziehen: „Ein großer Teil wurde bereits gehäckselt und abtransportiert“, erklärt Fickus.

Bahn will Kommunikation verbessern

„Auf Tiefenthaler Gemarkung liegen Birken, die erkennbar nicht mehr verkehrssicher waren“, informiert Fickus. Deren Stämme und Äste werden nach Auskunft der Bahnsprecherin nicht weggeräumt: „Ziel ist, den Totholzanteil auf den Flächen zu erhöhen, wodurch zusätzliche Lebensräume für Insekten und Organismen entstehen.“ Entlang der ehemaligen Kreisstraße in Ebertsheim jedoch befinde sich ein Entwässerungssystem, weshalb dort das Material entfernt worden sei, so die Bahn. Allgemein werde immer sehr genau geprüft, ob arten- und naturschutzrechtliche Belange betroffen seien. Die Sprecherin betont jedoch, dass die Kommunikation zu Ämtern (und auch Ortsgemeinden) verbessert werden soll.

Die Behörde relativiert den Schaden

Laut der Unteren Landespflege liegt das Seltenbachtal samt dem betroffenen Rodungs-Gebiet im Flora-Fauna-Habitat und gehört zum Biosphärenreservat. Dort darf unter bestimmten Bedingungen durchaus gerodet werden. Die Bahn sei nicht verpflichtet gewesen, sich die Aktion genehmigen zu lassen. Darauf weisen die Kreisverwaltung und das Umweltministerium in Mainz auf RHEINPFALZ-Nachfrage hin. In anderen Fällen habe die Bahn jedoch vorher informiert, sagt der Kreis. Rechtliche Konsequenzen wird das Vorgehen der Bahn nicht haben.

Die Behörde relativiert den Schaden. „Der Schutzzweck des FFH-Gebietes ist eher nicht tangiert und aufgrund des sonstigen starken Bewuchses ist eine erhebliche Beeinträchtigung des Landschaftsbildes auch fraglich“, heißt es. Zudem werde sich die betroffene Fläche wieder erholen. Nach dem Bundesnaturschutzgesetz können generell bei rechtswidrigen Eingriffen in die Natur Bußgelder von bis zu 50.000 Euro verhängt werden.

Stichwort

FFH-Gebiet Für das europäische Naturschutznetz „Natura 2000“ hat Deutschland circa 15 Prozent der Landesfläche als EU-Vogelschutzgebiete oder Fauna-Flora-Habitate (FFH-Gebiete) ausgewiesen. Ziel ist der Erhalt der natürlichen Lebensräume sowie heimischer Tiere und Pflanzen. Maßnahmen, die jedoch den Zustand verschlechtern, sind – von Ausnahmen abgesehen – verboten.

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