Kirchheim RHEINPFALZ Plus Artikel Deshalb radelt Harry Kern jeden Tag nach Battenberg

Seit zehn Jahren immer wieder auf Tour: Benefizradler Harry Kern (rechts) aus Kirchheim, hier mit Stefan Benz unterwegs.
Seit zehn Jahren immer wieder auf Tour: Benefizradler Harry Kern (rechts) aus Kirchheim, hier mit Stefan Benz unterwegs.

365 Tage zum selben Ziel radeln – über große Strecken bergauf. Warum tut man so etwas? Harry Kern aus Kirchheim macht das aus demselben Grund, weshalb er 2016 von einer Jugendstrafanstalt zur nächsten gestrampelt ist. Inzwischen ist er seit zehn Jahren für soziale Einrichtungen sportlich unterwegs.

„Wenn ich schon radel, dann kann ich das auch für den guten Zweck tun“, findet Harry Kern. Seit 2011 weiß der Kirchheimer auch genau, wen er unterstützen möchte. Damals kam er zufällig mit seinem Rennrad in Dudenhofen vorbei und hat sich das Kinderhospiz Sterntaler angeschaut. Es hat ihn schwer beeindruckt, wie die Mitarbeiter des Hauses todkranken Jungen und Mädchen die verbleibende Lebenszeit so angenehm wie möglich gestalten. Da die Einrichtung keine öffentlichen Förderungen erhält, war für Kern klar, dass er hier helfen muss.

Er initiierte einen Spendenlauf. Nicht in irgendeinem Stadion, sondern auf der 400-Meter-Bahn der Jugendstrafanstalt Schifferstadt. Dort ist der Justizvollzugsbeamte als Sportpädagoge tätig. Mit Trainingsangeboten und Wettkämpfen versuche er, „die Jungs“ positiv zu beeinflussen, ihr Verhalten zu verbessern. Der Benefizlauf wurde zum vollen Erfolg, die Einnahmen übertrafen Kerns Erwartungen bei weitem. „Am Ende konnte ich 3500 Euro spenden“, erinnert er sich. Im darauffolgenden Jahr waren es schon 6000 Euro. Die Charity-Veranstaltung, an der sich jeweils 90 bis 130 Häftlinge beteiligen, ist aus dem Jahresprogramm der Jugendstrafanstalt nicht mehr wegzudenken.

Außer in Pandemiezeiten. Denn die Seuche hat auch vor Gefängnismauern nicht halt gemacht. „Der Benefizlauf ist jetzt schon zweimal ausgefallen“, erzählt Kern. Und so habe er eine corona-konforme Ersatzaktion initiiert. Er nahm sich vor, 365 Mal von Kirchheim ins Nachbardorf Battenberg zu radeln. „Das Ziel bietet sich von hier aus an“, meint er. Die Entfernung beträgt fünf Kilometer, aber Kern hat nur selten den direkten Weg gewählt. Vielmehr hat er sich immer wieder eine neue Route überlegt, mal mit Schlenker über Dradura in Altleiningen, mal am Ungeheuersee in Weisenheim am Berg vorbei, mal über die Lindemannsruhe. „Die Etappen waren zwischen zehn und 80 Kilometer lang“, erzählt der 59-Jährige.

Insgesamt kam er auf 5500 Kilometer und – weil es durch Wald und Weinberge viel bergauf ging – auf 78.000 Höhenmeter. „Das hat einen schönen Trainingseffekt“, findet Kern, der oft allein, aber auch mit Freunden, Arbeitskollegen oder seinen Kindern losgefahren ist. „Über die Zeit haben mich etwa 20 bis 25 verschiedene Personen begleitet“, erzählt der Kirchheimer, der – damit es nicht langweilig wird – auch das Sportgerät immer wieder wechselte. Mal war es ein Rennrad, mal ein Mountainbike und mal ein Klapprad. Letzteres sei schon ziemlich anstrengend gewesen, räumt er ein. Auch ist nicht immer alles gut gegangen: „Bei der 307. Tour bin ich zwischen Bobenheim am Berg und Weisenheim gestürzt.“

Wegen Einflüssen, die nicht in seiner Hand liegen, wie Extremwetter oder Erkrankungen, hat Kern sich an manchen Tagen mehrmals per Drahtesel nach Battenberg begeben. Das war eine kluge Entscheidung: „Im Juli hatte mich eine Sommergrippe neun Tage außer Gefecht gesetzt.“ Vorgenommen hatte er sich, in der Summe innerhalb eines Jahres auf 365 Touren zu kommen und jedes Mal mindestens zehn Euro einzusammeln. Das ist dem Beamten gelungen. Allein 400 Euro an Zuwendungen konnte er beim launigen Abschluss seiner Aktion generieren. Zwischen Schorle und Würstchen ist er mit 15 Kollegen nachts mehrmals nach Battenberg und zurück gestrampelt. „Insgesamt sind etwas mehr als 4000 Euro zusammengekommen, gut die Hälfte von meinen Jungs aus Schifferstadt.“ Mehr als 100 Insassen hätten sich beteiligt, einer sogar mit einer Einzelspende in Höhe von 350 Euro. Seine Schützlinge, die nicht nur für Diebstahl oder Drogenhandel hinter Gittern sitzen, sondern auch für schwere Körperverletzung oder Mord, „haben ein Herz für Kinder“, betont der Benefizradler. 2016 hatte er eine knapp 700 Kilometer lange Rundfahrt zu allen zehn Jugendstrafanstalten des Landes organisiert, wobei ihn auch etliche „schwere Jungs“ begleitet haben. Zusammen mit dem Benefizlauf in Schifferstadt kamen deutlich mehr als 13.000 Euro zusammen.

Über die zehn Jahre hat Kern inzwischen durch sportliche Charity-Aktionen 47.000 Euro gesammelt. Er unterstützt damit neben dem Kinderhospiz Sterntaler in Dudenhofen, wohin etwa 60 Prozent des Geldes fließen, die Heart Racer aus Heidelberg. Letztere verhelfen behinderten Kindern zu individuell passenden Sportgeräten. Im kommenden Jahr, wenn der Beamte in Pension geht, wird er noch eine Benefizveranstaltung auf die Beine stellen, denn: „Ich will auf jeden Fall die 50.000 Euro voll kriegen.“

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