Grünstadt Bei Stichwaffen-Attacke bleiben nur Sekunden
«KIRCHHEIM.» Sieben Schussverletzungen haben Rechtsmediziner an der Leiche des 25-Jährigen gezählt, der am Freitag in Kirchheim seine 56-jährige Mutter getötet hat und anschließend von zwei Beamten tödlich getroffen wurde. Für Kritiker mag das wie Polizei-Geballer in Wildwest-Manier aussehen. Doch die Einsatzkräfte scheinen so vorgegangen zu sein, wie sie es in der Ausbildung trainiert haben.
Wer als rheinland-pfälzischer Polizist nur Innendienst schiebt, muss einmal jährlich auf die Schießbahn. Beamte im Streifendienst haben dort mindestens dreimal pro Jahr anzutreten. Anlagen wie die auf dem Bereitschaftspolizeigelände in Enkenbach-Alsenborn (Kreis Kaiserslautern) ermöglichen ihnen ein Training, das über das bloße Zielen auf Scheiben oder Pappfiguren weit hinausreicht. Im Schießkino sehen Polizisten auf einer Leinwand, wie ein Verdächtiger in immer neuen Varianten einer Kontrollszene mal einen Ausweis, mal ein Messer und mal eine Pistole zückt. Die Technik erfasst dann, ob der Übungsteilnehmer mit seiner auf Laser-Signale umgerüsteten Pistole den Angreifer noch rechtzeitig gestoppt hat. Aber auch in Spielszenen mit Platzpatronen und echten Darstellern werden die Beamten auf Einsätze vorbereitet, bei denen sie schießen müssen. Zu den immer wieder durchgespielten Szenarien gehört, dass ein Streifenteam wegen häuslichen Streits alarmiert wird, sich in ein Anwesen vortastet und dort von einem Täter im Drogenwahn mit einem Messer attackiert wird. Was ziemlich genau der Situation entspricht, die Beamte am Freitagmorgen in Kirchheim vorfanden: Eine 56-Jährige hatte sie gerufen, weil sie von ihrem Sohn angegriffen werde. Der habe Drogen genommen und einen psychotischen Schub erlitten. Als die Streife vor Ort eintraf, war die Mutter schon tot. Doch der 25-Jährige soll auch noch mit einer Schere auf die Polizisten losgegangen sein, die haben ihn daraufhin erschossen. Wie oft sie feuerten, war auch gestern noch unklar. Hubert Ströber, der Chef der Staatsanwaltschaft in Frankenthal, sagt: Rechtsmediziner haben an der Leiche des Mannes sieben Schussverletzungen gezählt, bei einer handele es sich sehr wahrscheinlich um einen Durchschuss. Dies bedeute, dass die zwei Verletzung durch nur ein Projektil verursacht worden seien. Wie sich der Vorfall letztendlich genau abgespielt hat, konnte der Staatsanwalt nicht sagen: „Ich will nicht spekulieren.“ Schließlich sei die Auswertung der Tatort-Spuren noch nicht abgeschlossen. Untersucht wird auch noch, welcher Waffe welche Schusswunden zuzuordnen sind. Und: Die 31-jährige Polizistin und ihr 56-jähriger Kollege hätten sich noch nicht zu dem Einsatz geäußert. Allerdings haben sie auch das Recht zu schweigen, erklärt Ströber. „Es ist möglich, dass sie erst etwas sagen, wenn sämtliche objektive Beweismittel erhoben sind. Oder sich gar nicht äußern.“ Immerhin gelten die beiden Beamten derzeit formal als Beschuldigte, die mit den Schüssen ihrer Dienstwaffen einen Menschen rechtswidrig getötet haben könnten. Auch wenn viel dafür spricht, dass sie so gehandelt haben, wie es ihnen in der Ausbildung antrainiert wird. Angesichts einer Stichwaffen-Attacke bleiben Einsatzkräften allenfalls Sekunden, um den potenziell tödlichen Angriff abzuwehren. Pfefferspray scheidet dafür in der Regel von vornherein aus: Zu unsicher ist, ob es schnell genug oder überhaupt wirkt. Also müssen die Beamten sofort schießen. Fernseh-Kommissare stoppen Gegner dann gerne mit einem einzelnen, vermeintlich nicht-tödlichen Schuss in dessen Bein. Doch diese Drehbuch-Fantasie hat mit der Realität wenig zu tun. In Wirklichkeit ist es nahezu unmöglich, auf einen heranstürmenden Angreifer mit einer Pistole so punktgenau zu zielen. Im Training lernen die Polizisten daher, dorthin zu schießen, wo ein Mensch die größte Trefferfläche bietet: auf den Oberkörper. Und auf den sollen sie dann so lange feuern, bis der Angreifer zusammenbricht. Denn selbst nach einem tödlichen Treffer können Täter unter Umständen noch sekunden- oder gar minutenlang weiterwüten, ehe ihre Kräfte nachlassen. Der 25-Jährige, sagt Ströber, ist einmal in den Unterkiefer und einmal im Brustbein getroffen worden. Zwei weitere Schusswunden gebe es im Brustbereich. Jeweils eine Verletzung fanden die Rechtsmediziner im seitlichen Rücken und im unteren Rücken. Getroffen worden sei auch der linke Oberarm. „Dabei handelt es sich wahrscheinlich um einen Durchschuss“, zitiert Ströber den Obduktionsbericht.