Grünstadt und Leiningerland RHEINPFALZ Plus Artikel Autorin Sigrid Jerg: „Alles im Leben hat einen Sinn“

Sigrid Jerg aus Stauf will mit ihrem Debüt „Ich werde leben! Und jetzt erst recht!“ Mut machen, den eigenen Weg zu gehen.
Sigrid Jerg aus Stauf will mit ihrem Debüt »Ich werde leben! Und jetzt erst recht!« Mut machen, den eigenen Weg zu gehen.

Der ebene und komfortable Weg zu einem Ziel ist nicht immer der beste. Stolpersteine haben etwas Positives. Zu dieser Überzeugung ist Sigrid Katharina Elisabeth Jerg aus Stauf nach einem „kurvenreichen, aber erfüllten“ Leben gelangt. Jetzt hat sie ihre Erfahrungen niedergeschrieben.

Sigrid Jerg hat so viel Spaß am irdischen Dasein, dass sie ihrem 100. Geburtstag entgegenfiebert. Und weil es frei nach Udo Jürgens erst mit 66 Jahren so richtig losgeht, veröffentlichte sie in diesem Alter ein Buch mit biografischen Zügen unter dem Titel „Ich werde leben! Und jetzt erst recht!“ Die ersten Zeilen schrieb sie schon vor langer Zeit. Im Mittelpunkt stehe Ana, „die erkennt, dass viele turbulente Momente durch eine Erfahrung im Mutterleib entstanden ist“, erläutert die Autorin, für die das Werk ein Herzensprojekt ist.

Die Protagonistin sei Ausdruck vieler Lebensgeschichten der Menschen, die Jerg begleitet hat. Die fünffache Mutter, die lange in Speyer wohnte, hat zwei Jahrzehnte als Familien- und Kommunikationstrainerin sowie Feng-Shui-Beraterin gearbeitet. „Darin war ich so erfolgreich, dass ich meinen Traumjob als Architektin aufgeben musste“, erzählt sie. So wie sie sich in die Emotionen ihrer Klienten hineinversetzte, habe sie nun ihr ganzes Einfühlungsvermögen den Charakteren ihres Buches gewidmet.

Der Einstieg ist wenig einladend

Die erste Szene ist alles andere als einladend: Die aus der Ich-Perspektive beschriebene Ana wacht auf und „kotzt die ganze Welt aus sich heraus“. Dennoch fesselt der Einstieg. Der Leser lernt ein Mädchen kennen, das den Spagat versucht zwischen konträren Erwartungen der Erwachsenen. Sie will zum einen die zarte Prinzessin sein, die die Mama in ihr sieht, und zum anderen der mutige und keinen Schmerz kennende Kerl, den der Vater so gern gehabt hätte. So ist die Ballettstunden und Klavierunterricht nehmende Ana „Bandenchef“ einer Gruppe Jungen. Sie lebt, um zu gefallen.

Jerg erklärt, dass die Hauptbotschaft ihres Debüts laute: „Gehe deinen eigenen Weg und bleibe dir treu. Lerne aus jeder Begegnung und Niederlage, bewahre auch im größten Sturm Ruhe.“ Die Autorin weiß, wovon sie spricht. Nach leiderfüllter Ehe hat sie auf umständlichem Weg und im zweiten Anlauf 1989 das Abitur nachgeholt. Als das vierte Kind sechs Monate alt war, begann sie an der Fachhochschule in Darmstadt Architektur zu studieren. „Bevor ich 1998 erfolgreich den Abschluss machen konnte, kam es zu einigen Turbulenzen, ich fiel durchs Vordiplom und es ergaben sich unvorhersehbare Situationen in der Familie“, blickt sie zurück. „Aus Liebe zu meinen Kindern und um für jedes Problem eine Lösung finden zu können, habe ich parallel zum Studium eine Weiterbildung zur Familien- und Kommunikationstrainerin absolviert.“ Diesen schwierigen Weg zu gehen, habe sich gelohnt, resümiert Jerg. Dabei habe sich so manches Hindernis als positiver Stolperstein entpuppt: „Mit einem schlechten Abitur hätte ich beispielsweise keine Chance auf einen Studienplatz gehabt und durch die Zwangspause nach der vermasselten Zwischenprüfung hatte ich Zeit für die Trauer um meine gerade verstorbene Mutter.“ Jerg ist überzeugt: Alles im Leben hat einen Sinn.

Idee für das Buch entstand auf Spitzbergen

Die Idee, ihre eigenen Erfahrungen und die ihrer Klienten, gemixt mit Fantasy und Magie, in einem Buch zu beschreiben, ist der Wahl-Stauferin bei einer Urlaubsreise nach Spitzbergen 2012 gekommen. Das norwegische Archipel taucht auch in ihrem Roman auf. „Damals habe ich die ersten 30 Seiten verfasst“, berichtet sie. Anschließend ruhte das Projekt allerdings durch diverse Umstände, wie die Pflege des Vaters. Erst im Herbst 2019 habe sie es wieder aufnehmen können, so Jerg, die den Lesern dabei helfen möchte, das eigene Leben zu reflektieren.

Weil ihre Hauptfigur Ana viel „dummes Zeug“ im Kopf hat, das nicht den Vorstellungen der Gesellschaft entspricht, läuft nicht alles rund. Eines der schlimmsten Ereignisse ist der Unfalltod ihres geliebten Schulkameraden Henry, den sie noch aus der Kita kannte. Bei der Verarbeitung der Trauer, die Jerg sehr detailliert und voller Empathie beschreibt, hilft in erster Linie die Klassenlehrerin Fräulein Blümchen – nicht die Eltern. Ana kommen Zweifel: „Lieben mich Mami und Papi überhaupt?“ Die Lehrerin taucht im weiteren Verlauf des Romans als realer rettender Engel auf und Henry als Geistwesen, das „von oben beurlaubt“ worden ist. Als Ana, die trotz Überspringens zweier Klassen, als Jahrgangsbeste Abitur macht, zur Abschlussfeier nur zwei Personen einladen darf, fällt ihr die Entscheidung nicht leicht.

LESEZEICHEN

Sigrid Katharina Elisabeth Jerg: „Ich werde leben! Und jetzt erst recht!“, 194 Seiten, Deutsche Literaturgesellschaft 2020, ISBN 978-3-03831-238-3.
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