Kirchheim
Auf Flügeln des Liedgesangs
Es zählt am Firmament Epochen übergreifender musikalischer Leuchtkörper wohl zu den kostbarsten Gestirnen: das Kunstlied. Sänger und Sängerinnen entdecken es zuweilen als späte Sublimierung ihrer Kunst nach der Karriere auf der Opernbühne. Oder gleich in jungen Jahren und dann verführt durch seine verfeinerte Aura von Intimität und gestalterischer Freiheit; und seine besondere Form der Partnerschaft. Denn es gibt ein Gegenüber – die Pianistin, der Pianist – gleichsam eine musikalische Liaison auf Augenhöhe. Da ist es ein bisschen wie in einer vorbildlichen Ehe, in der es einfach stimmen muss; in der Verständigung, in der Selbstverständlichkeit des gemeinsamen Atmens.
Das bedarf der Schulung. Zum neunten Mal schon geht am 3. September, 18 Uhr, mit dem Eröffnungskonzert in der Andreaskirche der „Kirchheimer Liedersommer“ an den Start. Kuratorin ist Barbara Baun, Hochschuldozentin, Pianistin und nicht zuletzt als Liedbegleiterin von Graden hochgeschätzt von prominente Gesangskünstlern wie Anke Vondung, Ruth Ziesak, Dominik Wörner oder Christoph Prégardien. Letzterer ist auch diesmal als Dozent in den Kurstagen von Montag bis Freitag vor Ort, ebenso wie Sabine Fues, die die Teilnehmenden unter anderem in Alexandertechnik, einer speziellen Art der Atem- und Gesangstechnik, unterrichtet.
Offene Werkstatttage
Sieben Sängerinnen und Sänger quer durch die Stimmregister sind angemeldet, dazu sechs Pianisten, „Wir haben also quasi sieben Duos“, freut sich Barbara Baun, die sich selbst natürlich um die Pianistinnen und Pianisten kümmert. Wie stets sind die Werkstatttage offen, das heißt, Interessierte dürfen die Meisterkurse in der Andreaskirche zwischen 10 und 13 Uhr beziehungsweise 15 und 18 Uhr an den vier Tagen als stille Zaungäste beobachten. Durchaus ungewöhnlich.
Inhaltlich durften die Kursteilnehmenden im Vorfeld Wünsche äußern, Repertoirevorschläge wurden angeboten und natürlich: Der Kultursommer Rheinland-Pfalz sponsert und mit seinem aktuellen Motto „Kompass Europa – westwärts“ ist der Blick nach Frankreich praktisch zwangsläufig: die Komponisten Chausson, Fauré, Saint-Saens und Poulenc werden den Teilnehmenden als Anregungen gegeben, neben etlichen weiteren Vorschlägen, die der Titel-Gabe des aktuellen Kurses folgen. Der lautet vielsagend und durchaus poetisch „LiederSommerNachtsTraum“.
Beziehung von Stimme und Klavier
Es ist die sehr eigene Aura, die Barbara Baun im Gespräch immer aufs Neue ins Schwärmen bringt; und ihren pädagogischen Impetus nachhaltig befeuert. „Technik, die verlässlich abspult, keine Frage, ist ein wesentliches Standbein. Bei Singenden wie an der Taste. Aber wir wollen ja unendlich mehr. Wir möchten den innenliegenden Sinn freilegen, in der Interaktion das Warum, die Botschaft, den Schmerz, die Freude hinterfragen; wollen erspüren, ob die Poesie der gesungenen Worte durch das Klavier konterkariert, interpretiert oder eben auch manifestiert wird.“
Es sei eine horizontale Beziehung zwischen Singstimme und Klavier, ein permanenter intellektueller Dialog, der aber im Moment der Darbietung vor Publikum seinen höchsten Grad an Übereinkunft erreicht haben sollte. „Nicht umsonst erreichen Lied-Duos genau in ihrer lange gepflegten Besetzung einen geradezu legendären Ruf“, sagt Barbara Baun und nennt einige Berühmtheiten wie Dietrich Fischer–Diskau und Gerold Moore, Christian Gerhaher und Gerold Huber sowie Werner Güra und seinen Pianisten, den Wiener Christoph Berner, der neuerdings ganz in der Nähe, an der Südlichen Weinstraße, wohnt.
Werkstattkonzert mit Studierenden
Die Arbeitsphasen sind in drei durchaus spektakuläre Konzertevents eingebettet. Das Eröffnungskonzert präsentiert mit dem Kursleiter Christoph Prégardien gleichzeitig einen der prominentesten Konzertsänger überhaupt. Er wird mit Barbara Baun als Partnerin am Flügel Lieder von Robert Schumann – unter anderem den Eichendorff-Liederkreis op. 39 –, Hugo Wolf und Henri Duparc, der auch gerne als „französischer Schumann“ apostrophiert wird, interpretieren. Beim Abschlusskonzert am Samstag, 9. September, dürfen sich dann die teilnehmenden Duos mit ihrem erarbeiteten Repertoire vorstellen, und man darf gespannt sein auf die neue Generation des Liedgesangs.
Ein besonderes Projekt von hohem pädagogischem Stellenwert ist das 2016 eingeführte Werkstattkonzert in Kooperation mit dem Leininger Gymnasium Grünstadt und der Musikhochschule Mannheim. Es lädt im Zentrum der Kurswoche, am Mittwoch, 19.30 Uhr, in die Andreaskirche und präsentiert einmal mehr Poesie aus begabter Schüler-Manufaktur, vertont durch Kompositionsstudierende aus der Klasse von Sidney Corbett und präsentiert von Gesangsstudierenden Mannheimer Hochschule. Ergänzt wird das Neuschöpfungsprogramm durch Lieder und Rezitationen, die das Motto „Ein Sommer. Eine Nacht. Ein Traum“ spiegeln. Zum Regiekonzept hat den Abend mit vielen Uraufführungen Philippe Huguet gefügt. Und unter dem genannten Titel soll hernach auch ein gedrucktes Liederheft erscheinen.
Finanzierung ist Balanceakt
Angesichts der prominenten Besetzung und der aufwendig attraktiven Strukturen erscheint es fast märchenhaft, dass die Konzerte sämtlich zum Nulltarif und auf Spendenbasis angeboten werden. „Wir möchten den Zugang niedrigschwellig, ökonomisch barrierefrei, einfach auch für Menschen mit kleinem Geldbeutel zugänglich halten“, betont Barbara Baun. Macht aber gleichzeitig klar, dass auch bei freundlicher Sponsorenzuwendung die Finanzierung einer solchen Unternehmung stets ein Balanceakt ist. Und man herzlich froh sei, wenn die Spendenkörbchen am Ausgang jeweils gut gefüllt sind.
Info:
Sonntag, 3. September, 18 Uhr, Eröffnungskonzert, Christoph Prégardien, Tenor, Barbara Baun, Klavier; Mittwoch, 6. September, 19.30 Uhr, Werkstattkonzert Leininger Gymnasium/Musikhochschule Mannheim; Samstag, 9. September, 18 Uhr, Abschlusskonzert der Kursteilnehmenden; 4. bis 8. September, 10 bis 13 und 15 bis 18 Uhr, öffentlicher Meisterkurs; Ort ist jeweils die Andreaskirche Kirchheim; weitere Informationen im Netz: www.kirchheimer-Liedersommer.de. Für die Teilnehmer des Meisterkurses werden noch Privatquartiere gesucht. Kontakt via E-Mail an mail@kirchheimer-liedersommer.de oder unter Telefon 06359 2090536.