Grünstadt
Flugzeugabsturz von 1944: Flügelteile bestätigen Aussagen zum Abschuss über Neuleiningen
Heimatforscher haben die Suche nach dem 1944 über Neuleiningen abgeschossenen britischen Flugzeug wieder aufgenommen. Zeitzeugen hatten berichtet, dass ein Flügel bereits in der Luft abgebrochen war und ein Rübenfeld beim Engelhof umgepflügt hatte. Gut 500 Meter vom eigentlichen Flugzeugabsturz entfernt. Dort weiden heute Pferde ...
„Anfangs dacht’ ich: Was werden die Forscher von mir halten, wenn ich mich als Zeitzeuge zum Abschuss des Transportflugzeugs melde? Am Tag des Absturzes, dem 24. September 1944, war ich ja gerade mal 1,5 Jahre alt ...“ Willi Wingertszahn hat sich nach einem Aufruf in der RHEINPFALZ vor zwei Jahren dennoch gemeldet – zum Glück. Unter anderem anhand seiner Angaben haben die Heimatforscher vorige Woche erstmals Teile des in der Luft abgebrochenen Flügels der englischen Dakota aus der Erde geholt. „Diesmal waren die Metallteile sogar markiert“, witzelt ein mit dem Projekt gleich in mehrfacher Hinsicht zufriedener Erik Wieman von der IG Heimatforschung über die etwas anderen Fundstellen.
Vor zwei Wochen haben die Metalldetektoren von Wieman und seinem Helfer Heiko Zech direkt über einem großen Haufen Pferdeäpfel angeschlagen. Wegen Ernte und Aussaat auf dem bisherigen Suchfeld hatten die Forscher das Gelände direkt neben dem Engelhof oberhalb Tiefenthals, dem früheren Zuhause von Wingertszahn, erstmals abgesucht. Der Rentner erinnert sich noch genau, wie in seiner Kindheit der Flugzeugabsturz „DAS“ Thema in der Familie war: „Das war wie ein Trauma, schließlich hatte der Flügel unseren Rübenacker auf zig Metern radikal umgepflügt und sich am Ende nur wenige Meter von unserem Wohnhaus entfernt in die Erde gebohrt.“
Der Endpunkt des Absturzes kann nicht mehr untersucht werden, weil dort eine Halle gebaut wurde. Die Forscher haben stattdessen – anhand der Schilderungen von Wingertszahn – die Strecke untersucht, auf der sich das Flugzeugteil durch die Erde fräste. Da der damalige Rübenacker inzwischen eine Koppel ist, mussten praktisch zwischen den Pferden die Detektoren geschwungen werden.
Elektrozäune stören Metalldetektoren
Das war für Mensch und Tier aber kein Problem. Auch nicht die Tatsache, dass ein Metallstück unter einem Pferdeapfel-Haufen aus dem Erdreich geholt werden musste. Große Schwierigkeiten dagegen machten die um die Koppel gespannten Elektrozäune. „Durch deren elektromagnetischen Felder werden unsere sensiblen Metalldetektoren doch erheblich gestört“, weiß Wieman und: „Zum Glück hat uns die Eigentümerin unterstützt und den Strom abgeschaltet, wenn wir vor Ort waren.“
Dadurch haben die Forscher einige Aluminiumteile ausgegraben, die eindeutig vom Flügel der Dakota stammen und somit die Wingertszahn-Version bestätigen. Der aktuelle Fundort beim Engelhof ist über 500 Meter vom Absturzort des Flugzeugs entfernt: Oberhalb des Nackterhofs haben Wieman und Co. bisher über 3500 Kleinteile gefunden: Bruchstücke vom Flugzeugrumpf, vom Cockpit und Apparaturen sowie von Ausrüstungsgegenständen und Münzen der damals 23 getöteten alliierten Soldaten.
Die Suche geht weiter – bis zum Aufstellen des Gedenksteins
Inzwischen sind die Forscher wieder auf einem kleinen abgeernteten Areal des eigentlichen Absturzorts mit ihren Detektoren zugange. Einer der ehrenamtlichen Sucher ist Adrian Bügel. Für den Heimatforscher ist das Projekt am Nackterhof ein besonderes – gerade als Sohn eines Kanadiers. Denn 20 Mann in der Dakota, die am 24. September 1944 über Neuleiningen abgeschossen wurden, kamen aus Kanada (zwei aus England, einer aus Australien).
Gerade die Angehörigen der kanadischen Opfer haben bislang großes Interesse am Schicksal ihrer Vorfahren gezeigt. Denn oft wurden sie vom Militär nur dahingehend informiert, dass ihr Verwandter bei einem Flugzeug-Absturz im Jahr 1944 in Deutschland ums Leben kam. Mit den Recherchen der IG Heimatforschung Pfalz hat sich die Informationslage elementar geändert. Dank Wieman und Co. kennen die Nachfahren jetzt nicht nur exakte Zeit und genauen Absturzort, sondern wissen auch, dass die Maschine auf dem Weg nach Indien war. Wegen schlechter Sichtverhältnisse flog der englische Pilot dann irrtümlich über deutsches Gebiet und wurde vom Jagdflieger Julius Meimberg in seiner Messerschmitt beschossen. Wohl durch ein riskantes Ausweichmanöver und/oder einen Treffer brach dann der Flügel ab.
Das Projekt der Forscher ist für Angehörige ein Glücksfall
Für am Schicksal ihrer Verwandten interessierte Nachkommen ist das Projekt der Heimatforscher – nach 75 Jahren – ein Glücksfall. Das beweisen die prominente Berichterstattung im kanadischen Fernsehen und die vielen E-Mails von Verwandten der Opfer aus aller Welt. Wenn, wie geplant, im Sommer 2020 ein Gedenkstein beim Nackterhof in einem Festakt aufgestellt wird, werden sich das einige Kanadier und Briten auf keinen Fall entgehen lassen. Auch Familie Sutherland will wieder kommen – diesmal mit zwölf Personen. Im Spätsommer 2018 waren bereits sechs Sutherlands zu dem für ihren Vorfahren schicksalhaften Ort beim Nackterhof gekommen.
Die Suche der Forscher geht derzeit weiter, das Denkmalamt hat die Genehmigung erneut erteilt. Wenn das Zuckerrübenfeld geerntet und noch nicht neu eingesät ist, wird der Suchbereich wieder erweitert. In dem „kleinen Zeitfenster“ wird sich der eine oder andere Heimatforscher auch Urlaub nehmen. Schließlich besteht ja die Chance, dass ein „echter Schatz“ gefunden wird. Gemeint ist damit kein Gold oder Geld. Für Wieman und Co. wäre ein „echter Schatz“ ein Erinnerungsstück, das einem Opfer eindeutig zugeordnet werden kann. Jeder der Helfer träumt davon, einem Hinterbliebenen zum Beispiel einen Ring mit Namensgravur überreichen zu können. So große Haufen machen alle Pferde am Nackterhof zusammen nicht, als dass so ein Schatz nicht aus der Erde geholt werden würde ...