Frankenthal Zwischen heiter und provokant

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„Ihr braucht die Hunnen nicht, damit ihr hassen lernt.“ Dieser markante Satz aus dem Mund von André Eisermann stand am Ende einer unter die Haut gehenden musikalischen Lesung am Sonntagabend in der Wormser Dreifaltigkeitskirche. Bei der Veranstaltung im Begleitprogramm der Nibelungen-Festspiele wurde die brisante Thematik „Fremd sein“ aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet. Mit rund 150 Zuhörern fand die Lesung recht großes Interesse.

Teilweise sehr provokante und betroffen machende Texte rezitierte der in Worms geborene Schauspieler, der vor allem durch die Filme „Schlafes Bruder“ und „Kaspar Hauser“ berühmt wurde und bis 2014 immer wieder auf der Bühne der Nibelungen-Festspiele stand. Die Wirkung des Gelesenen wurde durch die Gesänge des Wormser Kammerensembles noch verstärkt: vielleicht auch deshalb, weil nicht alle Lieder, bei denen es sehr häufig um Liebe und Romantik ging, mit dem gesprochenen Wort zu harmonieren schienen – zumindest vordergründig betrachtet. Kontraste können freilich auch aufrütteln. Eisermann skizzierte das Schicksal von Menschen, die genug haben vom Leben zwischen zwei Ländern, die ihre Heimat vergessen und ihr Vaterland verleugnen und letztlich Fremde in zwei Ländern sind. Auch mit Beispielen aus der Bibel verdeutlichte der Schauspieler die Problematik. So sei Abraham einer der bekanntesten Migranten gewesen. Auch Moses und der kleine Jesus hätten fliehen müssen. „Flucht kann zum Segen werden, wenn man als Fremder aufgenommen wird.“ Erhebend-feierlicher Chorgesang erfüllte das Kirchenschiff. Die 27 Sängerinnen und Sänger interpretierten unter ihrem jungen und dynamischen Dirigenten Tristan Meister ein ganzes Dutzend Zigeunerlieder von Johannes Brahms – sauber in der Intonation, fein abgestimmt in der Dynamik und auch bei den flotten Tempi mit sicherem Taktgefühl. Die Pianistin Friederike Sieber erwies sich als aufmerksame, rhythmisch sattelfeste Begleiterin. Als Eisermann zum syrisch-deutschen Autor Rafik Schami und seinem Text „Der Leichenschmaus – oder warum Josef auf Arabisch lebte und auf Deutsch starb“ kam, lockerte sich die Stimmung aufgrund der höchst amüsanten Schilderung der kulturellen Unterschiede merklich auf. Reichlich flach wirkten dagegen die Wortspiele über „Die Fremden“ von Karl Valentin und Liesl Karlstadt. Eisermann suchte auch nach Gründen für Fremdenhass. Xenophobie sei früher überlebensnotwendig gewesen, sagte er. „Wir werden mit dieser alten Abwehrhaltung geboren, sie kann reaktiviert werden.“ Und dann lebten die Menschen gleich in übergroßer Angst. Heitere Akzente setzte das Kammerensemble mit dem Jagdlied „Durch schwankende Wipfel schießt goldener Strahl“ von Felix Mendelssohn Bartholdy und drei imposanten Quartetten von Johannes Brahms. Der Übergang zum Faschismus war krass und bedrückend. Eisermann zitierte aus Rainer Tiemanns Gedicht „Yad Vashem – Mahnung an den Holocaust“: „Solange es einen Gott gibt, wird Auschwitz nicht vergessen.“ Eisermann gab seinen Zuhörern mit auf den Weg: „Die Zukunft braucht Erinnerung auf viele Fragen.“ Die Botschaft schien angekommen zu sein, für die Wort- und Musikbeiträge gab es freundlichen Applaus, der das Kammerensemble zu einer durchaus themenbezogenen Zugabe, dem Chorsatz „Zigeunerleben“ von Robert Schumann, animierte. Eine Veranstaltung mit Nachhall, die Denkanstöße gab und neue Sichtweisen eröffnete.

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