Frankenthal RHEINPFALZ Plus Artikel Zum Aus der Albert Frankenthal GmbH: Zwei Zeitzeugen schwelgen in Erinnerungen

Ein großformatiges Werbeblatt, das zum 90-Jährigen der Firma im Jahr 1951 gedruckt wurde.
Ein großformatiges Werbeblatt, das zum 90-Jährigen der Firma im Jahr 1951 gedruckt wurde.

Vor wenigen Wochen hat die Koenig und Bauer AG die Schließung der Albert Frankenthal GmbH verkündet. Dieter König erinnert sich an die Blütezeit des Traditionsunternehmens.

Vor drei Wochen kam völlig überraschend die Meldung „Unumgänglich! – KBA schließt Albert Frankenthal GmbH“. Die älteste noch bestehende Frankenthaler Fabrik aus dem Zeitalter der Industrialisierung gehört ab Ende Mai der Vergangenheit an. Etliche „logische“ Gründe werden von dem Würzburger Mutterkonzern „Koenig und Bauer AG“ (der älteste Druckmaschinenhersteller der Welt, gegründet 1817) angeführt: „Steigerung der gesamtwirtschaftlichen Effizienz“, „externe Marktlösungen“. Die Tradition bleibt auf der Strecke; die Frankenthaler Firma mit dem dereinst größten Anteil auf dem Weltmarkt der Rotationsdruckmaschinen ist nur noch Geschichte. Selbst der „Bild“ war dies einen Bericht wert.

Der Verfasser dieser Zeilen erinnert sich an seine Jugend, als er bei einem Besuch im Deutschen Museum in München in der Abteilung Drucktechnik mit heimatlichem Stolz auf einer der Maschinen das Emblem von Albert Frankenthal entdeckte. Wie ähnlich mag es wohl den ehemaligen Mitarbeitern der Frankenthaler Schnellpressenfabrik ergehen, wenn sie sich die „goldene“ Zeit von „Albert“ ins Gedächtnis rufen.

In allen Ländern der Erde

Ein großformatiges Werbeblatt, das zum 90. Jubiläum der Firma im Jahr 1951 gedruckt wurde, liegt vor mir. „Albert Frankenthal – Druckmaschinen – Brücken zur ganzen Welt“ liest man; rechts sind auf einer Karte strahlenförmig die vom Frankenthaler Werk ausgehenden Einzugs- und Einflussgebiete zumindest im westlichen Teil Europas angedeutet. Wenige Jahre später konnte die Schnellpressenfabrik Albert & Cie. mit einem Exportanteil von 62 Prozent und über 100 Generalvertretungen in allen Ländern der Erde aufwarten. In der unteren Hälfte des Blattes präsentiert sich links die Stadt Frankenthal. „Seit 90 Jahren haben die Albert-Druckmaschinen dieser vorderpfälzischen Stadt Weltgeltung verschafft“, heißt es da. Rechts wird die Region Pfalz mit ausgewählten Bildmotiven vergegenwärtigt. Es sei daran erinnert, dass die Firma Albert als einzige der großen Frankenthaler Fabriken im Firmennamen und Logo von Anfang an bis heute immer ihren Standort ausdrücklich verwendet hat. In Druckerkreisen wurde meist nur der Herkunftsort genannt, nicht die Firma.

Die Rückseite des Werbeblatts ist spezieller Natur; da fühlt man sich als Laie doch überfordert. Über zwei Dutzend Bilder werden dem Betrachter angeboten: Fabrikansichten, Personengruppen und eine ganze Reihe von Druckmaschinen. Ganz oben ein wahres Monstrum: die „neueste Albert-Mehrfarben-Tiefdruck-Rollenrotationsmaschine, Hochleistungs-Schnelläufer-Modell“, und in der Mitte der Seite der Bogentiefdruck-Schnelläufer Super-Palatia, auf der die Drucksache hergestellt wurde.

42 Jahre in der Firma tätig

Jetzt braucht es nur noch jemanden, der zu all diesen Bildern auch einen Bezug hat und entsprechende Informationen dazu liefern kann. Über 70 Jahre sind mittlerweile ins Land gegangen; die Zahl der Zeitzeugen wird immer weniger. Als Glücksfall war im eigenen Bekanntenkreis ein ehemaliger Albert-Mitarbeiter zu finden, der über die „große Zeit“ der Firma – mit zeitweise über 2000 Mitarbeitern – noch fundierte Erinnerungen beisteuern konnte. Bernd Walter aus Heßheim, Jahrgang 1938, hatte im September 1952 „bei’s Alberts“ seine Ausbildung zum Maschinenschlosser angetreten, im Februar 1956 ausgelernt („Prüfung war am Montag, 27. Februar, in der Nacht von Sonntag auf Montag ist bei Albert die große Montagehalle abgebrannt.“). 42 Jahre war Bernd Walter dann für die Frankenthaler Firma tätig: Demontage und Montage der verschiedensten Druckmaschinentypen überall in Deutschland und im Auslandseinsatz in insgesamt zehn Ländern, bis hin nach Las Vegas und Sao Paulo. Seinen allerersten Einsatz 1958 hat er noch gut im Gedächtnis: „Das war die Demontage einer Maschine in Essen; jeweils zwölf Stunden Nachtarbeit. Da bin ich mit einem braunen Pappkoffer angereist.“ Auf dem alten Werbeblatt kann er natürlich alle Druckmaschinen identifizieren, kennt die Einrichtungen im In- und Außenbereich und findet auf den Gruppenbildern noch einige Bekannte aus früheren Zeiten.

Anlässlich des 100-jährigen Jubiläums der Firma im Jahr 1961 wurde eigens ein Dokumentarfilm („100 Jahre Albert Frankenthal – Ein Name und eine Marke von Weltruf“) gedreht. Regisseur war Alfred Weidenmann, bekannt durch etliche Spielfilme („Canaris“, „Der Stern von Afrika“, „Julia, du bist zauberhaft“) sowie später auch durch TV-Krimiserien („Derrick“). Bernd Walter kann sich noch daran erinnern, dass der 43-minütige Streifen seinerzeit der Belegschaft im Capitol-Kino vorgeführt wurde.

Einst Weltmarktführer auf Tiefdrucksektor

Nun – nach 55 Jahren – wird er wieder mit dem Film konfrontiert. Die Augen blitzen, die Erinnerungen tauchen auf. Ständig werden alte Bekannte identifiziert („Ach, der Willy“, „und der Arthur“, „der da war auch ein ehemaliger Hessemer“, „dort unser Generaldirektor Rheinganz, der ganz viele Patente hatte, mit seinem Stellvertreter und späteren Nachfolger, Dr. Wilhelm Kucher“). Zu jedem der ins Bild gerückten Maschinentypen (Export Grala, Senator, Consul, Super Palatia, Albertina), auf denen immer wieder die Albert-Firmenplakette zu sehen ist, kann Bernd Walter was erklären. Er sieht Maschinen, an deren Montage er beteiligt war und erkennt die Firmen in diversen Städten, wo er tätig war.

Nach der filmischen Albert-Reise fühlt man sich umfassend informiert, vom Film und vom Gesprächspartner, aber die Überfülle der Eindrücke lässt einen doch überwältigt zurück. Man weiß jetzt immerhin, dass aus Andreas Alberts Werkstatt von 1861 in der Tradition der Gutenberg’schen Buchdruckerzeit durch große Ingenieurskunst sich in Frankenthal eine Fabrik entwickelt hat, deren Erzeugnisse, die diversen Druckmaschinen, als Resultat von Präzisionsarbeiten weltweite Anerkennung erfahren haben. Aber das Gespräch mit einem „alten Hasen“ der Albert’schen Produktionsstrategien hat auch manch Kritisches zu Tage gebracht. Die Firma war dereinst auf dem Tiefdrucksektor Weltmarktführer („die Tiefdruckmaschinen von Koenig & Bauer waren da nicht so gut“), doch diese Technik hat sich überholt. Die Druckauflagen sind im Zeitalter der Digitalisierung niedriger geworden. Offsetdruck ist billiger, so dass die Zeitungsverlage meist darauf umgestiegen sind. Koenig & Bauer hat frühzeitig die Zeichen der Zeit erkannt und sich weitestgehend auf diese Technik konzentriert. Die Frankenthaler blieben dabei auf der Strecke. Ende Mai ist endgültig Schluss mit lustig.

Der traditionsreiche Name „Albert“ wird nach derzeitigem Stand nicht einmal in einem ursprünglich geplanten attraktiven Stadtteil „Albert-Quartier“ auf dem ehemaligen Firmengelände weiterleben dürfen; höchstens etwa im gegenüberliegenden ehemaligen Parkplatzareal, wo auf erheblich kleinerem Gelände Häuser stehen sollen. Aber nein: Das soll ja „Lauterecken-Nord“ heißen. So bleibt nur die Berufsschule übrig, die weiterhin dem Firmengründer gewidmet sein darf. Und in einer heimatgeschichtlichen Sammlung vielleicht auch noch das ein oder andere Erinnerungsstück an die verschwundene Firma Albert.

Ein KBA-Bierkrug, eine Firmenplakette, eine Kachel mit Abbildung der ersten Zeitungsrotationsmaschine sowie ein Kartenspiel.
Ein KBA-Bierkrug, eine Firmenplakette, eine Kachel mit Abbildung der ersten Zeitungsrotationsmaschine sowie ein Kartenspiel.
Ein großformatiges Werbeblatt, das zum 90-Jährigen der Firma im Jahr 1951 gedruckt wurde.
Ein großformatiges Werbeblatt, das zum 90-Jährigen der Firma im Jahr 1951 gedruckt wurde.
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