Frankenthal Welt der Urkunden und Listen

Gemeindeobersekretär Jens Glaser im Bobenheim-Roxheimer Archiv. Eigentlich arbeitet er in der Finanzabteilung, aber inzwischen k
Gemeindeobersekretär Jens Glaser im Bobenheim-Roxheimer Archiv. Eigentlich arbeitet er in der Finanzabteilung, aber inzwischen kennt er sich auch mit den Dokumenten im Schulkeller gut aus.

Der Weg in die Bobenheim-Roxheimer Dorfgeschichte führt nach unten. Viele Stufen geht es hinab in den Bobenheimer Schulkeller, wo sich dem Besucher des Gemeindearchivs eine fremde Welt erschließt. Für Jens Glaser, Mitarbeiter der Gemeindeverwaltung, ist dieser Ort eine vertraute Schatzkiste. Zusammen mit Büroleiterin Angelika Köhler kümmert sich Glaser um die Bestände und ist geradezu begeistert von dem, was er so alles gefunden hat. „Ich betrete diesen Ort hier mittlerweile mit großem Respekt“, sagt Glaser. Man könne dort stundenlang stöbern und lesen und finde immer wieder neue Anekdoten und Begebenheiten aus Bobenheim und Roxheim. Jens Glaser kann auf Anhieb interessante Bücher und Ordner herausziehen. „Schauen Sie mal hier“, sagt er, „das sind Gemeinderatsprotokolle aus der Zeit nach der Französischen Revolution, also nach 1791. Alles auf Französisch abgefasst.“ Bobenheim und Roxheim gehörten damals zum Departement Donnersberg. Ebenso erhalten ist das Ausgabenbuch der Gemeinde Roxheim von 1791. Gleich daneben befindet sich das Roxheimer Grundsteuerbuch aus dem Jahr 1839. Glaser zeigt auf einen besonderen Bucheinband. Denn die Roxheimer haben im 18. Jahrhundert ihre Verwaltungsdokumente nicht in teures Leder, sondern in getrocknete Fischhaut gebunden. Durchaus praktikabel: Die Einbände sind selbst nach mehr als 200 Jahren noch in einem sehr guten Zustand, und das Schuppenmuster sieht sogar recht modern aus. Interessant sind vor allem die reichlich vorhandenen Rats- und Gemeindedokumente aus den Jahren 1774 bis 1828. In diesem Zeitraum waren die beiden Rheindörfer zunächst bischöflich Wormsisch, danach französisch und nach dem Wiener Kongress königlich bayrisch. Im Regal gegenüber stehen die Ordner des 20. Jahrhunderts. Glaser: „Hier wird man schon sehr nachdenklich.“ Der junge Verwaltungsmitarbeiter weist auf die Mobilmachungslisten aus dem Ersten Weltkrieg hin. 1914 wurden alle wehr- und kriegsdienstfähigen Männer erfasst. Viele von ihnen fanden sich schon kurze Zeit später in den Gefallenenlisten der Gemeinde. Auch die Namen von Gefangenen aus beiden Weltkriegen wurden erfasst und archiviert. Gleich um die Ecke befinden sich die Archivteile über die Nazi-Zeit. Diese Bestände weisen Lücken auf. Glaser blättert sich durch die Bücher und Ordner – Reichsgesetzblätter en masse. Dokumente über die Kriegsbeitragsumlage, über Kriegsbeschädigungen und über das Schicksal von Kriegsgefangenen. Ab den 30er-Jahren des 20. Jahrhunderts gibt es ein Fotoarchiv, das jedoch vornehmlich die nationalsozialistische Propaganda bedient. Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg ist im Gemeindearchiv vor allem von der Erfassung und Integration der vielen Heimatvertriebenen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten geprägt. Einige von ihnen leben noch hochbetagt in Bobenheim-Roxheim und sprechen nicht gern über das Erlebte. Die Gemeinde und das Landesarchiv haben einen zunächst auf fünf Jahre befristeten Vertrag geschlossen. Fachleute aus Speyer werden demnach das Gemeindearchiv im Schulkeller sichten, die Unterlagen und Bücher ordnen und beschädigte Schriften restaurieren und sichern. Zukünftig sollen Teile des Archivs digital aufrufbar sein. Landesarchivleiter Walter Rummel begrüßt die Kooperationsvereinbarung ebenso wie Bürgermeister Michael Müller (SPD). „Hier werden quasi zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen“, sagt Rummel. „Zum einen erfolgt eine wissenschaftliche Aufarbeitung des Archivs und zum anderen eine sachgemäße Aufbewahrung.“ Eine solche erfolge am besten bei einer Raumtemperatur von 16 bis 18 Grad. Bei der Durchforstung und Aufarbeitung des Archivs gehe es auch darum, die wissenschaftlich relevanten Bestände zu sichern. Ehemalige Massendrucksachen hingegen seien verzichtbar. Das Bobenheim-Roxheimer Archiv befinde sich in einem überwiegend guten Zustand, erklärt Rummel. Zukünftig soll es von Bürgern weitestgehend auch online genutzt werden können. Die Kosten für die Aufarbeitung, Digitalisierung und Aufbewahrung halten sich in Grenzen und richten sich nach der Größe und Einwohnerzahl der Gemeinde. Genauer gesagt: Pro Bürger zahlt Bobenheim-Roxheim 54 Cent an das Landesarchiv.

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