Ludwigshafen / Frankenthal
„Vor Frust geheult“ – ein Konzertbesuch mit Rollstuhl im BASF-Feierabendhaus
„Noch nie habe ich mich so gedemütigt gefühlt. Mir standen die Tränen in den Augen“, berichtet Antje Philippi über einen Konzertbesuch im BASF-Feierabendhaus. Im Rollstuhl wollte die 53-jährige Frankenthalerin, die an Multipler Sklerose leidet, am 7. Dezember Gregor Meyle erleben. Ihr Kommen kündigte sie telefonisch an. Es gibt ausreichend Behindertenparkplätze. Über eine Rampe können Gehbehinderte zum Eingang gelangen. Freundlich, aufmerksam und hilfsbereit hat sie die Mitarbeiterinnen im Foyer erlebt. Mit dem Fahrstuhl kommt man problemlos in den Konzertsaal im ersten Stock. Doch bei der Platzierung im Konzertsaal ist einiges schiefgelaufen.
Die Frage mit dem Sichtfeld
Hinter eine Säule wollte sie der an diesem Abend zuständige Mitarbeiter, dessen Namen sie nicht kennt, setzen. Sie protestierte und schlug vor, einen Stuhl so hinzustellen, dass sie freie Sicht hätte. Darauf hätte der Mitarbeiter sich eingelassen, so Philippi, wand aber ein, dass er dann den Rollstuhl entfernen müsse. Einen Grund dafür hätte er jedoch nicht genannt. Von der BASF-Pressestelle ist zu erfahren: „Für Menschen, die auf einen Rollstuhl angewiesen sind, gibt es im Feierabendhaus ausgewiesene Plätze unter der Balustrade, die ein großes Sichtfeld auf die gesamte Bühnenbreite bieten. Bei allen Veranstaltungen hat Sicherheit einen hohen Stellenwert, weshalb es nicht zulässig ist, freie Stühle in einem Fluchtweg zu platzieren.“
„Der Ton war unpassend. Auch die Leute um mich herum fingen an sich aufzuregen“, erzählt Philippi. Einige Konzertbesucher ergriffen daraufhin die Initiative. Sie rückten ein paar Sitze weiter, um der Rollstuhlfahrerin, die einige Schritte laufen kann, einen Platz in der Reihe frei zu machen. Es galt vorher jedoch, die drei Stufen zu überwinden, die vom Gang zu den Sitzplätzen führen. Von der BASF-Pressestelle kam als Stellungnahme: Die BASF sei bestrebt, „den Konzertbesuch für Menschen mit Einschränkungen so barrierearm wie möglich zu gestalten. Dabei sind wir aber auch an die architektonischen Gegebenheiten der Veranstaltungshäuser gebunden.“
Das versteht auch Philippi, findet aber: „Was ich mit diesem Mitarbeiter erlebt habe, ist Alltagsdiskriminierung. Das Personal ist zum Teil schlecht geschult.“ Von der Pressestelle ist zu lesen: „Durch konstante Schulung von Mitarbeitenden und Servicekräften wollen wir das Bewusstsein und die Unterstützung immer weiter verbessern. Wir werden Ihren Hinweis hier gerne gezielt aufnehmen.“
Auf dem Po gerobbt
Bei vielen Menschen hingegen seien anders als bei dem Mitarbeiter die Barrieren in den Köpfen kleiner geworden, so Philippi. „Mit Hilfe der netten Besucher bin ich auf dem Po die drei Stufen runtergerobbt“, erzählt sie. Nach dem Konzert unterstützen sie Philippi, wieder zum Rollstuhl zurückzukommen.
Beim Toilettenbesuch gab es das nächste Hindernis. „Die Mechanik der Tür war kaputt. Freunde bewachten sie, damit ich ungestört war“, berichtet Philippi. Zurück am Platz robbte sie erneut auf dem Boden zur Sitzreihe. So ging eine Veranstaltung mit unnötigen Hürden zu Ende „Nach dem Konzert, im Auto, habe ich vor Frust geheult.“ Immerhin kam vom BASF-Feierabendhaus eine Mail mit der Frage, wie es ihr gefallen habe. „Das Feierabendhaus hat noch viel zu tun. Bei der Entwicklung sollten die zuständigen Mitarbeitenden Behinderte mit einbeziehen.“ Philippi und andere Betroffene würden gern mitmachen.
Die Serie
Seit unsere Mitarbeiterin Andrea Döring im Rollstuhl saß und längere Zeit gehbehindert war, weiß sie, wie es um die Barrierefreiheit vieler Kulturinstitutionen steht und hat zusätzlich recherchiert, was diese tun, um inklusiver zu werden. In jeder Folge von „Kultur mit Hindernissen“ stellt sie ein Erlebnis und Ergebnis vor – diesmal eine Leserreaktion.