Ludwigshafen
Vom Stadion auf die Straße: „Non + Ultras“ im Pfalzbau-Theater
Am Anfang war der Fanschal: Einige Hundert dieser vereinsfarbenen Textilien legen die Tänzer auf dem Boden aus, ein Patchwork-Teppich voller Träume, Sehnsüchte, Parolen. Sie werden im Verlauf der Performance zum Statement, zum Protest-Plakat und damit letztlich zum Ausdruck politischer Forderungen. Die Fanschals sind die heimlichen Hauptdarsteller in Moritz Ostruschnjaks Stück über fanatische Fußballanhänger, die sich als „Ultras“ bezeichnen und als „harter Kern“ der jeweiligen Fanschar für Dynamik in der Kurve sorgen. Ultras sind längst zum gesellschaftlichen Phänomen geworden. Dass sie revolutionäres Potenzial entfalten können, erzählt ein Kapitel der jüngsten Geschichte. Beim Arabischen Frühling 2010 bis 2012 spielten bei den Volksaufständen in Nordafrika und dem Nahen Osten Fußball-Fangruppen eine zentrale Rolle.
Die Performance auf der Hinterbühne des Pfalzbaus, im Januar in München uraufgeführt, griff die Energie und Dynamik der Fankurven auf und setzte sie in einen neuen Kontext. Dabei wird der Fanschal zum Bühnenbild und Spielelement und die Massenchoreografien der Stadien zu komplexen Bewegungsabläufen für acht Tänzer. „Non + Ultras“ zeichnet Verbindungslinien zwischen den Ästhetiken fanatischen Fantums und politischen Umsturz- und Protestbewegungen auf. Ostruschnjakts Konzept und Choreografie und die Dramaturgie von Armin Kerber legen das Ganze an als trunkene Flut aus Farbe, Bild, Musik und Bewegung. Video-Projektionen von Moritz Stumm sind im Hintergrund das tragende Element: Mit Überblendungen und rasanten Schnitten kreieren sie einen optischen Overkill zwischen Jüngstem Gericht und Sportschau, Animé-Ästhetik und Auslandsjournal. Da treffen sich Schönheit, Gewalt, Macht, Masse und Poetik, öffnen sich neue Bedeutungsräume und überraschende Bezüge, die bis ins Metaphysische reichen. Hostie, Kelch, Kreuz und segnende Papst-Hände inklusive. Das Phänomen Fußball zwischen Kult und Wahn, Religion und Revolution unterlegte Musiker und DJ Jonas Friedlich mit der passenden Tonspur aus Pop und Techno, Soundscape und Stadiongeräuschen. Die weite reichte von arabischem Acid House bis zu Snap („I’ve got the power“) von „Que Sera“.
Den acht Tänzern wird in den 75 Minuten ohne Pause einiges abverlangt: Guido Badalamenti, David Cahier, Edoardo Cino, Daniel Conant, Nora Monsecour, Luca Seixa, Miyuki Shimizu und Magdalena Agata Wójcik hip-hoppen sich in ausdrucksstarken Gruppenparts und tiktok-knappen Solo-Sequenzen durch die Szene und lassen dabei ihrer Energie freien Lauf. Explosiv und verletzlich, auf dem schmalen Grat zwischen Spiel und Rebellion, thematisieren die Tanzenden die Rolle von „typisch maskulinem“ Verhalten und stellen über die Rollenbilder hinaus staatliche Machtstrukturen infrage. Mal sieht man sie als Passanten in gezückter Handy-Pose, mal „eingefroren“ als Standbilder gefilmter Gewalt-Szenen, die wie Screenshots aus Internet-Filmchen wirken. Emotionen wie Trauer, Verzweiflung, Wut spiegeln sich auf stummen Gesichtern, springen die Zuschauer frontal an und gehen dabei vor allem als Slowmotion unter die Haut. Zum Schrei offene Münder, gereckte Fäuste, Protest-Gesten, Finger-Herzen. Dazwischen zeigen Hintergrund-Projektionen arabische Parolen, zerstörte Stadien, gestürzte Machthaber und historische Triumph-Szenen.
Aus den Stadien heraus eroberten Fanchoreografien den öffentlichen Raum und wurden mit ihrer Energie und Dynamik zum Katalysator für revolutionäres Geschehen. Wie ihre Gesänge als Ritual, das Freude und Aggression miteinander verbindet und wie Rauch und Bengalos zum Sprengstoff für Revolution werden kann, zeigte die Performance eindringlich. „The Power is in your Hand“ heißt es am Schluss. Die Macht liegt in deinen Händen. Zur Fan-Hymne „You’ll never walk alone“ verlassen die Tänzer die Bühne. Begeisterter Applaus.