Serie „Platte meines Lebens“
Uli Valnion aus Bobenheim-Roxheim und die Begegnung mit seinem Idol Pete Seeger
Tagelang ist Uli Valnion mit seiner Freundin Christine in einem Mietwagen den Hudson River entlang gefahren. Im Gepäck hatte er eine Schallplatte, auf der Rückseite war ein Blockhaus abgebildet – das Haus, das sich der US-amerikanische Folksänger Pete Seeger am Fluss gebaut hat. In den USA gibt es keine Meldepflicht. „Weder die Polizei noch ein Pfarrer konnten mir sagen, wo Pete wohnt. Alle sagten, irgendwo da oben“, erzählt Valnion. Doch warum suchte der Pfälzer Sänger auf gut Glück den amerikanischen Folkmusiker?
Valnion wurde 1950 in Neustadt geboren und ist dort aufgewachsen. Schon früh schloss er sich den Naturfreunden an. Die entstanden Ende des 19. Jahrhunderts aus der sozialistischen Arbeiterbewegung. Bei den Naturfreunden wurde viel gesungen, die Begleitung kam oft von einer Gitarre. Dieses Instrument lernte Valnion selbst spielen. Vor allem in Frankenthal, wo er seinen Zivildienst beim Deutschen Roten Kreuz absolvierte, traf er gute Musiker, wie Alex Hüther und Jürgen Waschke, die ihm Griffe und Spielweisen zeigten. Später gründete er eine Band, die Peace-Singers. Und die gewannen 1968 in Ludwigshafen die erste Harlekinade im Haus der Jugend.
Unbeugsame Haltung
Bei den Naturfreunden lernte er einen Jungen kennen, der einen Plattenspieler besaß. Das war 1964. Zusammen hörten sie „We Shall Overcome – Pete Seeger recorded live at his historic Carnegie Hall Concert June 8, 1963“ – und das hatte Folgen: „Ich war völlig fasziniert, wie man so singen kann“, erzählt Valnion. Die englischen Texte habe er nicht verstanden und sich übersetzen lassen. Und was er da hörte, fand er toll. „Ab da habe ich alles gesammelt, was ich von Pete Seeger bekommen konnte: alle Platten, auch Bücher“, berichtet Valnion, der auch von Seegers Engagement und seiner unbeugsamen Haltung beeindruckt war.
Seeger war bei seinem Konzert in der New Yorker Carnegie Hall schon eine Ikone der amerikanischen Folkmusik. Er wurde 1919 in New York City geboren. Seine Eltern waren klassische Musiker, er lernte Ukulele, Banjo und Gitarre. Für den Musikwissenschaftler Alan Lomax reiste Seeger durch die USA und sammelte traditionelle Musik. Er bewegte sich im Milieu der Arbeiter und Tagelöhner, lernte ihre Lieder und solidarisierte sich mit ihnen. 1940 lernte er Woody Guthrie kennen. Gemeinsam unterstützten sie musikalisch den Kampf gegen Ausbeutung und für bessere Arbeits- und Lebensbedingungen, sie kämpften mit der Bürgerrechtsbewegung gegen Rassismus.
Auftrittsverbot für Seeger
Ab 1957 wurde Seeger als Kommunist verfolgt und 1961 wegen „staatsfeindlicher Betätigung“ verurteilt. Die zehnjährige Haft wurde nach einem Jahr ausgesetzt, doch Seeger hatte Auftrittsverbot. Er verließ die USA mit seiner Familie, um weltweit das Solidaritätslied „We Shall Overcome“, den Song über den ermordeten Gewerkschafter Joe Hill, das Antikriegslied „Where Have All The Flowers Gone“ und viele mehr zu singen.
Noch heute hört man im Gespräch Valnions Bewunderung für den Künstler, der sich selbst treu geblieben ist. Im August 1988 erlebte der Pfälzer eine persönliche Krise. „Jetzt ist es eh egal“ sagte er sich, kratzte seine letzten Ersparnisse zusammen und wollte Seeger finden. Am vorletzten Tag seines USA-Aufenthalts stand er vor einer Blockhütte, die aussah wie die auf der Platte. Seegers Enkel Theo öffnete die Tür, rief nach „Grandpa“. Und da kam Pete Seeger. „Und ich stand da, mit der Platte in der Hand, die er signieren sollte, und kam mir auf einmal saublöd vor“, erzählt Valnion. Doch Seeger war freundlich, bat die Deutschen herein, lud sie zum Essen ein. „Seiner Frau Toshi war das nicht so recht. Sie ging mit Theo weg“, erinnert sich Valnion. Seeger habe eine Gitarre geholt, und dann habe er seine Übersetzung von „Rainbow Race“ vorgesungen – was dem Meister wohl gefallen hat.
Wie im Traum
Er lud Valnion zu einem Konzert ein, das er am Abend im Nachbarort Cold Spring gab. „Da waren so 1500 Leute, die Pete zuhörten. Auf einmal schubbst mich meine Freundin und sagt: Er will, dass du auf die Bühne kommst“, berichtet Valnion. Es sei wie im Traum gewesen: „Auf einmal stand ich neben Pete Seeger, und wir sangen ,Rainbow Race’, er auf Englisch und ich auf Deutsch.“ Für Valnion war das ein Erlebnis, das einen tiefen Eindruck hinterlassen hat. Und Seeger hielt auch den Kontakt, schrieb Briefe und Postkarten, lud Valnion zu einem Konzert nach Tondern ein. Dort trafen sich die beiden wieder – und Arlo Guthrie, Woodys Sohn und ebenfalls ein Star der Folkmusik, war auch dabei. „Manchmal kann ich gar nicht glauben, dass das alles wahr ist“, sagt Valnion.
Pete Seeger starb 2014 im Alter von 94 Jahren. Die Platte „We Shall Overcome“ wurde 1989 bei Columbia Records/Sony BMG wiederveröffentlicht und zum vollständigen Konzert in der Carnegie Hall ergänzt.
Die Serie